Ärzte Zeitung, 13.04.2010

Ärztemangel: Senioren sichern Versorgung

Ob nun plattes Land oder Stadt: Frei werdende Hausarztsitze lassen sich nur schwer wieder besetzen. Deshalb übernehmen immer öfter Ärzte über 60 die Versorgung. Zwei davon schildern ihre Erfahrungen.

Von Katrin Zeiß und Bettina Sachau

Ärztemangel: Senioren sichern Versorgung

Mit 65 ist für Landarzt Günter Voigt noch kein Ruhestand in Sicht - weil ein Nachfolger fehlt. © Carsten Rehder / dpa

GOTHA/ST. MARGARETHEN. Joachim Dehmel aus Gotha hat den Ohrensessel mit dem Arztstuhl getauscht. Seine Kassenzulassung hatte der 67 Jahre alte Ruheständler bereits zurückgegeben und seine Praxis verkauft. 40 Jahre Praxisbetrieb waren genug. Seit dem Sommer 2009 trägt Dehmel nun wieder das Stethoskop. Gemeinsam mit fünf Kollegen seiner Altersklasse stemmt er sich gegen den Hausärztemangel. Das Rentner-Team ist bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Thüringen angestellt, die dafür eine eigene Praxis gegründet hat.

Eigentlich sollten junge Ärzte damit geködert werden, als Angestellte ohne eigenes finanzielles Risiko die Führung einer Praxis zu lernen. Mangels "Niederlassungslehrlingen" halten die Senioren aber vorerst allein die Stellung. Mit dem Modell will die KV die ärztliche Versorgung in der Stadt sicherstellen. Mit einer solchen "Niederlassungsschule" hatte Thüringen bereits vor Jahren Erfolg. Eine angestellte Ärztin in Ohrdruf machte sich wie erhofft selbstständig.

Nicht nur der viel beschriebene Landarzt fehlt vielerorts, auch in Kleinstädten mit hoher Abwanderung wird der fehlende Ärztenachwuchs zum Problem. Der Hausärztemangel ist in weiten Teilen Ostdeutschlands seit Jahren ein Thema. In Mecklenburg-Vorpommern etwa verwaisen jedes Jahr 16 Praxen, 114 stehen zurzeit leer. In Sachsen-Anhalt könnten sich nach Angaben der KV sofort 255, in Thüringen 113 Allgemeinmediziner niederlassen.

Dehmel ließ sich nicht lange bitten, die bis 2011 befristete KV-Anstellung anzunehmen. "Man kann die Patienten ja nicht hängen lassen." Die Arztsenioren arbeiten wöchentlich je zehn Stunden, wechseln sich mit Sprechstunden und Hausbesuchen ab und leisten Bereitschaftsdienste. Die vier Arzthelferinnen werden ebenfalls von der KV bezahlt. Inzwischen hat auch ein jüngerer Arzt Interesse bekundet. "Junge Kollegen wären bitter nötig", so Dehmel.

Warum nicht ein besseres Honorar für Landärzte?

Auch in Schleswig-Holstein ist der Nachwuchsmangel ein Problem. Mitten in der platten Landschaft der Wilstermarsch bei Brunsbüttel liegt St. Margarethen. Hier arbeitet Günter Voigt (65) seit 30 Jahren als Landarzt. "Überwiegend ja" antwortet Voigt auf die Frage, ob er diesen Beruf wieder ergreifen würde, wenn er die Wahl hätte.

Zur aktuellen Diskussion um eine "Landarzt-Quote", die von Gesundheitsminister Philip Rösler ins Spiel gebracht worden ist, sagt Voigt, es sei gut, dass sich die Politik jetzt mit dem Thema beschäftige. "Man sollte die Situation der Landärzte insgesamt verbessern", so der Arzt. "Warum sollte man ihnen nicht mit besserem Honorar unter die Arme greifen?"

Für den Norddeutschen, der in Berlin studiert hatte, war der Anfang schwer: "Die ersten zehn Jahre waren der Hammer", sagt der Arzt. "Montags bis samstagmittags ging die Arbeit, manchmal 16 Stunden am Tag, außerdem musste ich nachts oft raus, so zwei, dreimal die Woche". Dabei waren längst nicht alle Anliegen seiner Patienten sehr dringlich. "Zum Beispiel wenn ich nachts gefragt werde, ob Pfefferminztee oder Kamillentee besser ist bei Bauchschmerzen."

Er würde gern geordnete Verhältnisse hinterlassen, sagt der Arzt. Das Problem bei der Nachfolge: Die Gegend ist wegen des Atomkraftwerks Brokdorf und des geplanten Steinkohlekraftwerks in Brunsbüttel nicht gerade beliebt, hinzu kommt der allgemeine Nachwuchsmangel an Hausärzten in Schleswig-Holstein.

KV und Krankenkassen versuchen seit Jahren, den Ärztenachwuchs mit finanziellen Anreizen zu ködern. Praxisgründer in unterversorgten Gebieten erhalten Zuschüsse, Umsatzgarantien oder Honorarzuschläge, für die KV und Kassen aufkommen. Ärzte in Mangelregionen sollen künftig Honorarzuschläge erhalten, die Ärzte in Regionen mit hoher Praxisdichte durch Honorarminderung bezahlen sollen.

Kein Ärztemangel, sondern ein Verteilungsproblem

Bei den Betroffenen stößt das auf Kritik, aber die Kassen erhoffen sich davon ein Steuerungsinstrument. "Wir haben ja keinen Ärztemangel, sondern ein Verteilungsproblem", sagt Guido Dressel, Thüringer Landeschef der Techniker Krankenkasse. Er verweist auf die ständig steigende Ärztezahl: Lag sie laut Bundesärztekammer 2004 noch bei 306 000, waren es Ende 2008 bereits fast 320 000.

Allerdings drängt es nur wenige junge Ärzte in eine Hausarztpraxis. Zu wenig Geld, Arbeitsüberlastung und überbordende Bürokratie zählen die Standesorganisationen gebetsmühlenartig die Gründe auf.

Für Thüringens KV-Chefin Regina Feldmann kommt noch ein weiterer hinzu: "Der Hausarztberuf war innerhalb der Ärzteschaft nie besonders angesehen." (dpa)

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