Ärzte Zeitung, 14.05.2010

Der "informierte" Patient: Chance mit Risiko

Medizinische Informationen gibt es im Internet zuhauf. Viele Patienten informieren sich im Vorfeld oder im Nachgang zum Arztbesuch im Web über Krankheiten. Die Qualität der Beiträge lässt aber oft zu wünschen übrig.

Von Christian Beneker

Der "informierte" Patient: Chance mit Risiko

Zuverlässige medizinische Informationen im Internet sollen gekennzeichnet werden. © Falko Matte / fotolia.com

HANNOVER. Wer weiß, ob' s stimmt? In Hannover diskutierten rund 20 Experten über die Frage, woran zuverlässige medizinische Informationen im Internet erkennbar sein könnten. Bisher besteht vielfach Wildwuchs aus Websites, Foren und Ratgebern oft unklarer Herkunft und Qualität. Oft haben Ärzte in der Praxis dann alle Hände voll zu tun, um sich mit den Patienten und ihren Computer-Ausdrucken auseinanderzusetzen. "Ich kann nur allen kreativ arbeitenden Ärzten raten, sich in den Foren zu tummeln", sagte deshalb Professor Rainer Schalnus von der Frankfurter Goethe-Universität.

Das Problem liegt auf der Hand: Die Hyperlink-Struktur des Internets sprengt jede Informationssteuerung, die ungebremste Vitalität des Webs bringt immer neue Formen der Kommunikation hervor. Laut Professor Uwe Sander von der Fachhochschule Hannover benutzen bereits 20 Prozent aller chronisch kranken US- Amerikaner User-generierte Inhalte aus dem Internet zum Verständnis der eigenen Krankheit und ihrer Behandlung. In Europa und Deutschland dürfte die Tendenz dieselbe sein.

Patientengespräch verliert an Informationscharakter

Das heißt: Immer seltener dient das Gespräch mit einem (Haus-)Arzt als Quelle der Information, sondern vielmehr Online News Groups, Websites, Foren oder Blogs des World Wide Web. "Hier ist völlig unklar, wer eigentlich die Informationen produziert hat und ob sie zuverlässig sind", sagte Sander. Zudem könnten etwa in Foren unerkannt User auftauchen, um das Online-Gespräch in eine bestimmte Richtung zu lenken. Nicht immer hilft da ein Moderator, der im Forum oder Blog eingreift und Fakten richtig stellt. Denn, wer bürgt für seine Kompetenz und Unabhängigkeit? Das Problem gilt auch für andere Angebote medizinischer Web-Informationen.

Dem stehen Bemühungen gegenüber, das Informations-Dickicht zu lichten: Professor David Klemperer von der Uni Regensburg sagte: "Die größte Nähe zur Wahrheit (der Informationen) ist anzunehmen, wenn die Gesundheitsinformationen das Ergebnis einer systematischen Suche, Auswahl, kritischen Durchsicht und Bewertung der Literatur darstellen", so Klemperer.

Ein "Gesundheitsbrowser", der zu den Seiten auch die Quelle nennt, könnte den Nutzern die Einordnung erleichtern, meinte Michael Hägele von medinfo in Köln. Oder sollte man eher den Anbieter selber beurteilen statt des Prozesses, wie die Information zustande gekommen ist?

Auf jeden Fall sollten die Anbieter "erzogen" werden, wie Corinna Schäfer vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) in Berlin sagte, ebenso müsse die Nutzerkompetenz gestärkt werden. Unter Umständen sollten Checklisten den Anbietern helfen, Kriterien einzuhalten. Den Nutzern könnten entsprechende Siegel dann signalisieren, wer sich an die Liste hält und wer nicht. Indessen sind Checklisten immer nur so gut, wie ihre Anwender, wie Schäfer sagte. Und es kommt natürlich darauf an, nach welchen Kriterien Siegel vergeben werden. Hägele ergänzte: "Auch Siegel können in die Irre führen." Relative Einigkeit herrschte über die Qualitätskriterien wie Verständlichkeit, Unabhängigkeit, Evidenz basiert und vor allem Richtigkeit. Aber die Frage nach wirksamer Kontrolle blieb letztlich offen.

Ärzte sollten wissen, warum Patienten was lesen

Nur vereinzelt nahmen die Teilnehmer die Patientenperspektive ein. "Wer sich Informationen beschafft, muss wissen, dass er letztlich selber dafür verantwortlich ist", resümierte Corinna Schäfer. Hilda Bastian vom IQWiG sagte: "Wir sollten uns mehr darum kümmern, warum Patienten was lesen." Wohl wahr. Das Mittel der Wahl dürfte das Gespräch sein. Darauf wies Rainer Schalnus hin: "Webinformationen sollten in Zukunft ein anerkannter Bestandteil des Patientengesprächs sein. Aber die Informationen sollten sich komplementär zur ärztlichen Betreuung bewegen."

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