Ärzte Zeitung, 08.12.2010

Zwei Landärzte kämpfen ums Überleben

Nicht jede Praxis profitiert vom Honoraraufschlag. Eine Landarztpraxis an der dänischen Grenze verzeichnet seit Jahren sinkende Fallwerte.

Von Dirk Schnack

Zwei Landärzte kämpfen ums Überleben

Dr. Carsten Heinemeier, Landarzt

© di

SCHAFFLUND. 75 Euro betrug der Fallwert der Praxis von Dr. Carsten Heinemeier und Ulrich Hackel im zweiten Quartal 2006, drei Jahre später war er auf 69 Euro gesunken und noch ein Jahr später ist er bei 60 Euro angekommen. Diese Zahlen hinterlassen bei den Praxisinhabern tiefe Ratlosigkeit. Denn diesen Wert erreicht die Praxis in Schafflund nur noch mit Hilfe einer Stützung der KV.

"Wo ist das Geld für die Landärzte geblieben? Oben wird mehr Geld hineingesteckt und unten kommt weniger an", wundert sich Heinemeier, dessen Praxis die "Ärzte Zeitung" vor rund zwei Jahren vorstellte. Grund war damals eine drohende - und schließlich abgewendete - Halbierung des Umsatzes mit Einführung der RLV. Seitdem verfolgen die Praxisinhaber jeden Honorarbescheid noch kritischer. 

Bei der Suche nach den Ursachen für die sinkenden Fallwerte stößt er unter anderem auf das gesunkene Regelleistungsvolumen der Hausärzte. Zwei Zahlen zum Vergleich: Im vierten Quartal 2009 betrug das RLV der Hausärzte in Schleswig-Holstein 37,98 Euro, im vierten Quartal 2010 liegt es nur noch bei 36,65 Euro.

Das Sondervolumen sieht nur auf dem Papier gut aus

Die Praxis bekommt nach Angaben Heinemeiers Leistungen für rund 30 000 Euro im Quartal nicht bezahlt, weil das RLV dies nicht abdeckt. Dies allein reicht als Erklärung aber nicht aus.

Zwei Landärzte kämpfen ums Überleben

Ulrich Hackel, Landarzt

© di

Ein weiterer Grund: Das Sondervolumen, mit dem jede Praxis das Honorar über das RLV hinaus durch Zusatzleistungen ausweiten kann, sieht nur auf dem Papier gut aus: rund 40 000 Euro könnte die Praxis theoretisch für Sonografie, Kleinchirurgie, Psychosomatik und andere Zusatzleistungen abrechnen.

Doch dieses Volumen lässt sich nur im Ansatz ausschöpfen - im vierten Quartal 2009 betrug das Honorar aus diesen Leistungen rund 10 000 Euro. Und selbst diese Summe wird nach den Neuberechnungen ab dem dritten Quartal 2010 nicht mehr zu erreichen sein, Heinemeier und Hackel kalkulieren mit Mindereinnahmen für Zusatzleistungen von mehr als 6000 Euro.

Dass die Praxis dennoch existieren kann, verdanken die beiden Hausärzte einer Reihe von Maßnahmen, die sie seit Einführung der RLV umgesetzt haben:

  • Bei den Personalkosten werden rund 90 000 Euro im Jahr eingespart: Zwei Vollzeitkräfte, eine Teilzeitkraft und die Raumpflegerin wurden entlassen.
  • Die Präventionsleistungen wurden ausgeweitet. Hier lässt sich nach Meinung der Ärzte nichts mehr optimieren: "Irgendwann sind alle durchgeimpft."
  • Der Anteil der Privatpatienten konnte erhöht werden, er liegt inzwischen bei 12,5 Prozent, was sich kaum noch steigern lässt.

Das Besondere an der Praxis: Früher haben hier drei Ärzte gearbeitet, mit Reduzierung der Arztzahl hat aber die Patientenzahl nicht abgenommen. Die durchschnittliche Fallzahl der Arztgruppe beträgt 814, die Doppelpraxis dagegen kommt auf 2371.

Die beiden Ärzte arbeiten nach eigenen Angaben bis zu 70 Stunden in der Woche, um den Patientenandrang bewältigen zu können. Heinemeier gibt zu bedenken, dass das Honorarvolumen für drei Ärzte beim gleichen Patientenstamm höher wäre. Ob ihre Widersprüche und eine jetzt eingereichte Klage beim Kieler Sozialgericht an ihrer Situation etwas ändern wird, ist offen.

Auch die KV Schleswig-Holstein ist mit der Situation insgesamt unzufrieden. "Von einem Honorarplus sollten alle niedergelassenen Ärzte gleichermaßen profitieren. Wegen bundeseinheitlicher Vorgaben können wir als KVSH das Geld gar nicht bedarfsgerecht verteilen, weil uns der regionale Spielraum fehlt.

Hier sind uns die Hände gebunden", teilt die Körperschaft in Bad Segebergmit. Nach ihrer Darstellung ist das derzeit geltende Honorarsystem nicht geeignet, die bestehenden Probleme zu lösen. Darauf hat die KV wiederholt hingewiesen - zum Ärger der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hat die KV im Norden die Honorarreform aus dem Jahre 2009 für gescheitert erklärt.

"Wir brauchen ein anderes Vergütungssystem, das transparent und gerecht ist. Dies könnte zum Beispiel die Einzelleistungsvergütung sein", lautet der Lösungsvorschlag der KVSH. Zum speziellen Fall der Landärzte nimmt die Körperschaft so Stellung: "Klassische Landärzte haben in der Regel einen großen Patientenstamm.

Wenn kein Facharzt in der Nähe ist, versorgen sie auch Patienten, die üblicherweise zum Facharzt gehen würden. Da auf dem Land vergleichsweise viele ältere Patienten leben, besteht aufgrund altersbedingter Krankheiten auch ein erhöhter Behandlungsbedarf und es müssen viele, auch teure Medikamente, verschrieben werden.

Dies kann dazu führen, dass das zur Verfügung gestellte Geld schon vor Quartalsende aufgebraucht ist und die Landärzte ihre Leistungen nicht mehr voll bzw. gar nicht vergütet bekommen. Außerdem besteht eine erhöhte Regressgefahr."

In der Beurteilung der Konsequenzen sind sich die Praxisbesitzer mit der KVSH einig: Die Tätigkeit auf dem Land werde für die niedergelassenen Ärzte immer unattraktiver und der medizinische Nachwuchs werde davon abgehalten, sich in der Fläche niederzulassen - obwohl dieser wegen des drohenden Ärztemangels dringend benötigt werde.

Die Tätigkeit auf dem Land wird zunehmend unattraktiv

Heinemeier und Hackel wollen trotz Unzufriedenheit in der Praxis bleiben. "Solange man noch sein Auskommen hat, macht man weiter", sagt Hackel. Auch für Heinemeier kommt Aufgeben nicht in Frage: "Wo sollen die Leute denn versorgt werden?" Denn auch die Praxen in der Umgebung verfügen in aller Regel kaum über ausreichende Kapazitäten, um die Patienten aus der Schafflunder Gemeinschaftspraxis noch aufnehmen zu können. Für ihn steht fest: "Die Patienten dürfen nicht für die Honorarverteilung bestraft werden."

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