Ärzte Zeitung, 16.12.2010

Das Erstgespräch dauert anderthalb Stunden

Nur 20 bis 30 Privatpatienten behandelt der Urologe Dr. Michael Blessing jede Woche. Er nimmt sich viel Zeit für den Einzelnen. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht für ihn die Prävention.

Von René Schellbach

Das Erstgespräch dauert anderthalb Stunden

Dr. Blessing empfängt Patienten in der Praxis im Hemd mit Krawatte, darüber den Arztkittel. Er findet nicht, dass diese Kleidung Distanz schafft.

© Blessing

BAD WÖRISHOFEN. Michael Blessing sprüht vor Ideen, wie Urologen neue Patienten ansprechen und binden können. Eingeengt fühlt er sich vom Werbeverbot für Ärzte, aber er ist überzeugt, dass man dennoch einiges tun kann für den Erfolg der eigenen Praxis. Blessing, Jahrgang 1966, hat eine Privatarzt-Praxis in Bad Wörishofen. Er ist einer von drei Preisträgern beim Männerarzt-Wettbewerb, der auch von der "Ärzte Zeitung" unterstützt worden ist.

Seit 2006 praktiziert Blessing in der Kneippstadt im Unterallgäu, zunächst in einer Gemeinschaftspraxis mit einem Orthopäden, seit 2008 etwas abseits vom Kurbetrieb in modern eingerichteten Räumen. "Wir machen alles am PC, ich will keine Papierwirtschaft", sagt er. Statt eines Wartezimmers gibt es nur eine kleine Sitzecke mit zwei Sesseln, schließlich wartet kein Patient länger als 20 Minuten.

Blessing hat pro Woche nur 20 bis 25 Patienten. "Diesen Luxus könnte ich mir mit Kassenpatienten nicht leisten", weiß er, und will höchstens auf 40 bis 50 Termine in der Woche aufstocken. "Wir wachsen langsam und leben von zufriedenen Patienten, die uns empfehlen." Er will sich lieber Zeit für die Patienten nehmen, als den Umsatz zu maximieren, wirtschaftlich kommt er auch so zurecht.

Damit die Patienten, die er hat, zufrieden sind, tut Blessing einiges. Das Erstgespräch dauert anderthalb Stunden, danach sind es 30 Minuten pro Termin. Im Viertelstundentakt des GKV-Systems bleibe zu vieles auf der Strecke. Psychosomatische Anamnese ist ihm besonders wichtig.

Urologische Privatpraxis Dr. Michael Blessing

Das Team: Dr. Michael Blessing (Facharzt für Urologie, Weiterbildungen in Schmerztherapie, Uro-Gynäkologie und Andrologie), zum Team gehören außerdem zwei Praxismitarbeiterinnen.

Patienten: 20 bis 25 Patienten pro Woche, vor allem Privatpatienten, ca. 15 Prozent Selbstzahler

Software: Albis on Windows, fünf Rechner, verbunden über Novell-Server, Abrechnung online über eine PVS, komplett digitale Praxis, Ultraschallbilder und Endoskopie werden in der Datenbank Albis PraxisArchiv abgelegt.

Internet: www.uro-bw.de, Expertenrat auf www.lifeline.de

Potenzstörung, Erektionsschwäche, Libido-Verlust - viele Beschwerden haben psychische Ursachen. Nur im ausführlichen Gespräch könne er sie diagnostizieren oder Probleme in der Partnerschaft erkennen. Erst am Schluss des Erstgespräches geht es um das Sexualleben. Vorher wird über Beruf, Ernährung und Bewegung geredet.

Wie kann man eine Gesprächssituation schaffen, in der die Patienten offen über Intimes berichten? Blessing sitzt hinter seinem Schreibtisch, das Sofa nutzt er nur, wenn er mit Betroffenen und deren Partnerinnen über lebensbedrohende Diagnosen spricht. Der Männerarzt trägt stets Hemd mit Krawatte, darüber den Arztkittel zur weißen Hose. Er findet nicht, dass dies Distanz schafft, eher im Gegenteil. Die ärztliche Autorität werde auch heute noch mit dem Kittel verbunden.

Blessing will seine Patienten durchaus führen. "Ich will ein Coach sein - für den ganzen Mann", sagt er. Als Coach könne er ihnen zu einer gesunden Lebensweise verhelfen. Männer müssten nicht früher sterben als Frauen. Stress hemme die Testosteron-Produktion, Übergewicht auch. "Höchstleistung ist gar nicht nötig. Viele Männer sind viel zu ehrgeizig - im Beruf, im Sport und auch im Sexualleben", so seine Erfahrung.

Der ganze Mann - diese ganzheitliche Sicht hat bereits den angehenden Mediziner an der Urologie gereizt. "Kaum eine Fachrichtung hat es mit so vielen Disziplinen zu tun wie wir." In der Ärzteschaft habe das Fach einen guten Ruf, anders als unter den Laien. Die Aufklärung seit Oswald Kolle habe zwar freizügigen Lebenswandel gebracht, aber Männern falle es noch immer schwer, über ihre Probleme zu sprechen.

"Der ganze Mann" - damit meint Blessing nicht nur dessen Krankheiten. "Wir müssen viel mehr in der Prävention tun." Gern würde er seinen Senioren Gutscheine als Geschenk für eine U18-Untersuchung des Enkels verkaufen. Außerdem möchte er in Schulen eine Stunde Sexualkunde-Unterricht gestalten.

Sogar die viel zu kurzen Vorsorge-Untersuchungen, auf die Kassenpatienten Anspruch haben, werden Blessing zufolge viel zu wenig genutzt. Seinen Patienten erläutert er die Bedeutung der Vorsorge folgendermaßen: "Männer bringen ihr Auto zum Check in die Werkstatt, wenn noch nichts kaputt ist.

Der Vergleich leuchtet ihnen ein." Vor dem nächsten Weltmännertag, dem 3. November, will Blessing gezielt aufklären, etwa mit einem Gesundheits-Abend im Veranstaltungszentrum des Kurortes.

"Der Beckenboden ist ein oft vernachlässigtes Thema", betont der Männer-Experte, der auch auf Naturheilverfahren setzt. Er baut gerade ein Netzwerk mit Physiotherapeuten und Fachärzten in Bad Wörishofen auf. Mit ihnen und örtlichen Hotels möchte er außerdem ein Komplettpaket für Selbstzahler schnüren: Drei Wochen Kneippkur mit umfassendem Check-up, auch für Gesunde. Weniger als jeder zehnte seiner Patienten ist ein Kurgast. "Das lässt sich ausbauen."

Bis jetzt sind Blessings Patienten im Durchschnitt 70 Jahre alt. Kein Tabu ist für ihn die Vergabe von Viagra auch an Neunzigjährige. "Natürlich haben auch sie Anspruch auf erfolgreichen Geschlechtsverkehr", meint der Urologe. Vorher müsse man aber die körperliche und psychische Situation sorgfältig klären. Auch bei seinen alten Patienten sieht Dr. Michael Blessing immer den ganzen Mann.

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