Ärzte Zeitung online, 14.02.2011

Ein Drittel der Ärzte ist unzufrieden: hohe Arbeitsbelastung, viel Bürokratie

FRANKFURT/MAIN (reh). Über ein Drittel (34 Prozent) der Ärzte in Deutschland ist mit der derzeitigen beruflichen Situation nicht zufrieden. Dennoch plant jeder fünfte niedergelassene Arzt in diesem Jahr eine größere Investition - nicht selten betrifft dies eine Praxisgründung. Allerdings wollen nur fünf Prozent der Mediziner Landarzt werden.

Ein Drittel der Ärzte ist unzufrieden: hohe Arbeitsbelastung, viel Bürokratie

In Arbeit ersticken: Viel Bürokratie und hohe Arbeitsbelastung beklagt jeder zweite Arzt.

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Die Stimmung bei den niedergelassenen Ärzten ist noch schlechter: Hier sind 44 Prozent mit ihrer derzeitigen beruflichen Situation unzufrieden. Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter 300 Ärzten von TNS Infratest im Auftrag der Commerzbank.

Dabei belastet mehr als die Hälfte der Ärzte mit eigener Praxis besonders der bürokratische Verwaltungsaufwand (54 Prozent), während angestellte Ärzte vor allem die hohe Arbeitsbelastung als Grund angeben (64 Prozent). Wohl auch deshalb erklärt über ein Viertel der Befragten, sich in diesem Jahr beruflich verändern zu wollen.

Dabei steigt auch die Bereitschaft, Investitionen zu tätigen. Immerhinjeder fünfte niedergelassene Arzt plant laut der Studie im Jahr 2011 eine größere Ausgabe. Wobei die Gründung einer eigenen Praxis bei 37 Prozent der veränderungsbereiten Mediziner an erster Stelle steht.

Interessant ist, dass 44 Prozent der angestellten Ärzte ihre berufliche Zukunft in der Selbstständigkeit sehen und planen, eine Einzelpraxis zu gründen oder zu übernehmen, eine Kooperation einzugehen oder eine Mitunternehmerschaft anzustreben.

Bei den niedergelassenen Ärzten ist hingegen ein Trend zur Kooperation zu erkennen: 35 Prozent tendieren zu einer Gemeinschaftspraxis oder Praxisgemeinschaft. "Wir beobachten seit Monaten eine steigende Investitionsbereitschaft bei den Ärzten, besonders im Bereich der Praxisfinanzierungen", so Rüdiger Maroldt, Leiter Vertriebsmanagement Geschäftskunden der Commerzbank.

Nur, wenn es um die Niederlassung geht, dann zieht es die Ärzte eher in die Großstadt (42 Prozent) oder zumindest in eine kleine bis mittelgroße Stadt (36 Prozent). Aufs Land wollen gerade einmal fünf Prozent der niederlassungswilligen befragten Ärzte.

Und: Trotz relativ hoher Investitionsbereitschaft im Inland wollen rund ein Drittel (32 Prozent) der wechselwilligen Ärzte zukünftig ihren Beruf lieber im Ausland ausüben. Als Gründe für die geplanten beruflichen Veränderungen geben die Befragten am häufigsten die Karrieremöglichkeiten oder bessere Arbeitsbedingungen (je 32 Prozent) an. Ein höheres Einkommen motiviert hingegen nur 28 Prozent der Ärzte.

In Sachen Zukunft äußern sich die Ärzte eher kritisch: Über die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass der Arztberuf wirtschaftlich immer unrentabler wird. Rund 60 Prozent sind zudem der Meinung, dass sich die Versorgung der Patienten verschlechtern wird. Was mit einem anderen Ergebnis korreliert: Nur jeder Zehnte glaubt nämlich, dass es in Zukunft genügend Ärzte in Deutschland geben wird.

Dass der Arztberuf auch weiterhin attraktiv bleiben wird, davon gehen nur 23 Prozent der befragten Ärzte aus.

[15.02.2011, 13:44:07]
Dr. Jürgen Schmidt 
Macht muss organisiert werden, Solidarität ebenfalls !
Die Misere der Ärzteschaft ist trotz unermüdlicher medialer Verbreitung einstweilen nur bei einer Minderheit angekommen. Unglücklicherweise handelt es sich dabei vor allem um jene Kollegen, die sich gewissenhafter und zeitaufwendiger Arbeit befleißigen (ein Vorgehen das den Fallwert nicht mehr erhöhen, aber die Fallzahl durch Zustrom entsprechender Klientel senken kann) und die mehr unter wirtschaftlichem Druck stehen, als die großen betriebswirtschaftlich geführten Versorgerpraxen.
Das Problembewusstsein ist durch ein paar heiße Sommertage mit Warnwesten und Trillerpfeifen auch nicht wirklich bewiesen worden, ebenso wenig durch frustrane Versuche einzelner Hausärzteverbände, aus dem System auszusteigen.

Zur allgemeinen Ratlosigkeit kontrastiert ein schärfer werdender Ton in den Kommentarspalten bekannter Medien (hic). Konsistente Konzepte fehlen jedoch.
Beunruhigend ist daran auch, dass alle Szenarien, vom Aussteigen bis zum „Mantelwechsel“ von den Körperschaften zu den Genossenschaften und freien Verbänden bereits vor 20 Jahren durchdiskutiert worden sind, mit dem Ergebnis, dass die Realisierung an zwei Kernpunkten scheitert, Macht und Solidarität. Daran fehlt es!

Macht muss organisiert werden. Gruppen, die sich zum Handeln verbindlich verabreden, müssen sich untereinander gegen Abweichler in nennenswerter Zahl absichern. Deshalb gelingt die Organisation nicht "von oben", sondern nur "von unten", denn Solidarität darf kein Lippenbekenntnis sein, sondern muss verlässlich durch Gruppenzusammenhalt gesichert werden.
Es ist interessant, früheren Versuchen „von unten“ nachzuspüren, die „von oben“ aus den Funktionärskadern behindert worden sind. Heute ist der Problemdruck größer und die Einstellung der bisherigen Leitfiguren (hoffentlich) eine andere.

Schauen wir auf die Truppen. Der Fachgruppendissens besteht nicht nur fort, er wird auch weiterhin geschürt. Wenn es gelingen sollte, die Fachärzte weitgehend aus der ambulanten Versorgung zu drängen, entfallen die beruflichen Alternativen für die Klinikfachärzte, die sich der Allgemeinmedizin nicht widmen können oder wollen.
Andersherum: Wer in der Klinik nicht reüssiert, „wird vielleicht mal ein guter Landarzt“.

Jeder kann sich die verschärfenden Bedingungen vorstellen, die durch solche Rivalitäten, steigende Anforderungen in der Krankenversorgung und knapper werdende Ressourcen entstehen. Basis aller Überlegungen sollte deshalb das (zu stabilisierende) Dreibein aus Hausärzten, niedergelassenen Fachärzten und Klinikärzten sein, natürlich nicht nur aus berufspolitischen Gründen, sondern auch, weil es sich wirtschaftlich bewährt hat.

Solange die Prämissen einer Berufspolitik missachtet werden, die sich früher als erfolgreich erwiesen haben, bleibt nur das Lamentieren.
Sind wir dafür angetreten ?
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