Ärzte Zeitung, 31.03.2011

Interview

"Chalet oder lieber Schwedenhaus?"

Wie viel Design braucht eine Praxis? Das Spannungsfeld zwischen Design und Authentizität erläutert Professor Ulrich Hirsch im Gespräch.

Ärzte Zeitung: Welchen Stellenwert sollte Design als Marketinginstrument einer Arztpraxis haben?

Prof. Ulrich Hirsch

"Chalet oder lieber Schwedenhaus?"

© privat

Aktuelle Position: Professor Ulrich Hirsch, 66, ist Diplom Industrie Designer und arbeitet in seinem Büro für "Design und Identität" in Brügge bei Kiel. Bis 2010 lehrte er Technisches Design an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, wo er das Masterstudium Medical Design etablierte.

Werdegang: Absolvent des Londoner Royal College of Art.

Prof. Ulrich Hirsch: Gutes Design ist mehr als ein Marketinginstrument, denn dann wäre es kurzlebig, vielleicht nur bis zum nächsten Quartal gedacht. Gut gemachtes Design hat sehr viel mit Nachhaltigkeit zu tun, sonst ist es zuerst modisch und kurz darauf lächerlich. Design hat einen hohen, kulturellen Stellenwert. Es ist eine Haltung!

Ärzte Zeitung: Gibt es Kardinal- fehler, die ein Designer bei einem Praxiskonzept machen kann?

Hirsch: Gestylte Räume können befremdlich wirken und bei Patienten das Gefühl erzeugen, hier darf ich nichts anfassen oder verändern, sonst gibt's Ärger. Die Atmosphäre darf nicht allein für Akademiker sein - auch Kinder müssen sich wohlfühlen!

Wartezimmer etwa sind so zu gestalten, dass die Wartezeit gut auszuhalten ist, und es spricht nichts dagegen, ordentliche, bequeme Möbel zu kaufen. Mir ist aber vor allem die Behandlung durch den Arzt wichtig, ich bin ja nicht im Museum of Modern Art! Ein violettes Wartezimmer etwa regt die Leute bloß auf.

Ärzte Zeitung: Was ist Ihr Tipp, wie die Praxisgestaltung gut funktionieren kann?

Hirsch: Grundsätzlich gilt: eher weniger, eher reduziert als vollgestopft. Die Leute sollen nicht einziehen wollen, der Arzt soll seine eigene Vorstellung zum Ausdruck bringen. Da das Hygiene-Thema über allem schwebt, sind helle Farben wichtig.

Ärzte Zeitung: Sollte man einen Einrichtungsprofi mit ins Boot nehmen?

Hirsch: Ein Mediziner sollte die Planung schon von einem Innenarchitekten machen lassen, aber sich auch selbst einbringen. Zu klären sind Fragen wie: Geht die eigene Vorstellung eher in Richtung bieder? Soll Technik gezeigt werden? Herrscht ein Hang zu Hightech?

Die Antworten wirken sich direkt auf Möblierung und Leuchtkörper aus. Ein wertkonservativer Mensch wird vielleicht auf Designklassiker setzen und diese mit alten Möbeln ergänzen. Damit drückt der Arzt aus, wer er eigentlich ist.

Ärzte Zeitung: Wie lässt sich sicherstellen, dass sich Planer und Mediziner verstehen?

Hirsch: Fachleute - auch meine Studenten - arbeiten mit sogenannten Mood Charts, also Tafeln, die Atmosphäre transportieren. Es sind Szenarien, eingefangene Stimmungen, aus vielen Einzelbildern zusammengesellt.

Man kann den Kunden dann direkt fragen: Fühlen Sie sich beim Anblick dieser Tafel wohler oder eher bei der anderen? Mögen Sie lieber Chalet oder lieber Schwedenhaus? Hightech oder Altdeutsch? Die Tafeln spiegeln eine stimmige Atmosphäre wider, über die man sprechen kann. So lässt sich Missverständnissen vorbeugen.

Ärzte Zeitung: Braucht jede Arztpraxis eine Corporate Identity?

Hirsch: Die CI ist ein Instrument, das in der Designwelt hoch angesehen ist. Egal, wie man sich darstellt, Hauptsache man stellt sich dar. Das kann chaotisch sein oder durchgestylt - aber auch die durchgestylte Variante muss nicht unbedingt vertrauensbildend wirken.

Die CI soll praktisch sein, aufgeräumt, nicht steril. Als Augenmensch sage ich: Man lernt, dass Dinge blenden können. Die CI mag professionell sein, aber wenn es sonst nicht stimmt in der Praxis, spürt der Patient das und bekommt das Gefühl, das haben die sich übergepfropft, das hat eine Agentur entwickelt, aber keiner lebt es!

Ärzte Zeitung: Wie entkommt man der Falle?

Hirsch: Zunächst muss die Frage geklärt sein: Wie versteht sich die Arztpraxis selbst? Das muss sich in der CI widerspiegeln. Die beste Corporate Identity ist allerdings: Das Personal hat Zeit, und der Patient fühlt sich in der Praxis gut aufgehoben.

Ärzte Zeitung: Zur CI gehört auch ein Logo …

Hirsch: Richtig, eine anständige grafische Selbstdarstellung ist wichtig und sollte in professionelle Hände gegeben werden. Dabei können die Branchenverbände weiterhelfen. Aber gerade in großen Praxen ist ein Namensschild auf Kittel oder T-Shirt der Mitarbeiter wichtiger als das Logo. Eine Logoflut dagegen kann schnell lächerlich wirken.

Das Gespräch führte Sabine Henßen.

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