Ärzte Zeitung, 13.05.2011

Interview

"Therapeutisches Licht lässt sich in die Raumbeleuchtung integrieren"

Die Wirkung von Licht gegen depressive Verstimmungen könnten Ärzte auch außerhalb der herkömmlichen Lichttherapie nutzen - durchaus zum wirtschaftlichen Vorteil. Der Innsbrucker Lichtforscher Markus Canazei berichtet über Studien und Forschungsergebnisse.

Dipl.-Ing. Markus Canazei

"Therapeutisches Licht lässt sich in die Raumbeleuchtung integrieren"

© Bartenbach LichtLabor GmbH

Aktuelle Position: Seit Juni 2004 Leiter der wahrnehmungs­psychologischen Abteilung des Bartenbach LichtLabors (www.bartenbach.com) in Aldrans bei Innsbruck.

Werdegang / Ausbildung: Studium an der Universität Klagenfurt für Lehramt Mathematik sowie Pädagogik, Psychologie und Philosophie. Studium der technischen Mathematik. Studium der Psychologie und Psychotherapiewissenschaften. Ausbildung zum Psychotherapeuten.

Ärzte Zeitung: Das LichtLabor hat mit der Uniklinik Innsbruck gemeinsam an einer Studie zur positiven Wirkung von Licht als Vorbeugung gegen Wochenbettdepressionen gearbeitet. Was war der Hintergrund?

Markus Canazei: Lichttherapie wird schon länger gegen Herbst-Winter-Depressionen angewendet. Diese Methode auch bei Wochenbettdepressionen zu erproben, liegt insofern nahe, da es für stillende Mütter natürlich nicht optimal ist, Medikamente zu nehmen. Wir kamen dann in Kontakt mit einem Primararzt der Frauenklinik an der Uniklinik Innsbruck, der von der Idee begeistert war.

Ärzte Zeitung: Was war das Besondere an dieser Studie?

Canazei: Wir haben nicht mit einem klassischen Lichttherapiegerät gearbeitet, sondern das therapeutische Licht in die Raumbeleuchtung eingepasst. Außerdem wollten wir die Lichtintervention nicht, wie sonst üblich, nur kurzfristig am frühen Morgen einsetzten, sondern die Frauen über 24 Stunden mit einer optimalen Lichtsituation begleiten. Wir sprechen von einem zirkadianen Lichtmanagement.

Ärzte Zeitung: Wie sieht dieses Lichtmanagement praktisch aus?

Canazei: Wir haben die Frauen morgens mit einer heller werdenden Raumbeleuchtung geweckt. Das Wecken mit Licht wirkt nachweislich antidepressiv. Die Lichtintensität wurde im Laufe der ersten Stunden des Tages erhöht.

Am Tag lag die Helligkeit über der Norm und verschaffte in den Zimmern den Eindruck einer Tageslichtbeleuchtung. Gegen Abend haben wir die Lichtfarbe dann gemäß einer natürlichen Abenddämmerung ins Rötliche verändert. Mit diesem Licht wurden zonal die Betten während nächtlicher Stillphasen beleuchtet.

Ärzte Zeitung: Der Wechsel der Lichtfarben war also ein wichtiges Element des Versuchs?

Canazei: Genau. Die Idee dahinter ist simpel: Mit weißlich-bläulichem Licht vermittelt man dem Körper ein Tagsignal. Das fällt bei Lichtemissionen im rötlichen Spektrum weg, man belässt den Körper in einem Nachtmodus. Eine Kontrollgruppe wurde übrigens in Zimmern mit einer Standardbeleuchtung für Krankenzimmer untergebracht.

Ärzte Zeitung: Und wie wirkte sich die 24-Stunden-Raumlichtintervention bei den Wöchnerinnen aus?

Canazei: Wir haben an 200 Frauen und noch einmal 80 Frauen in einer Nachfolgestudie verschiedene Parameter wie Befindlichkeit, Schlafqualität oder auch den Melatoningehalt - ein guter Indikator für die physiologische Reaktion auf Licht - gemessen.

Frauen mit Spontangeburten ohne Komplikation hatten unter dem zirkadianen Lichtmanagement im Vergleich zur Kontrollgruppe nicht nur bessere Befindlichkeitswerte, sondern auch eine kürzere Verweildauer in der Klinik.

Uns hat überrascht, wie schnell das Licht wirkte. Normalerweise braucht man bei der Lichttherapie fünf bis sieben Tage, bis sich erste positive Effekte zeigen. Unter der 24-Stunden-Lichteinwirkung ging das wesentlich schneller.

Ärzte Zeitung: Was lässt sich aus diesen Ergebnissen allgemein für die Lichtplanung in Kliniken ableiten?

Canazei: Vor allem, dass es sich auch wirtschaftlich lohnen kann, in Lichtmanagement zu investieren. Dinge wie verschiedene Lichtfarben oder eine Lichtsteuerung kosten viel Geld. Wenn der Patient aber dann besser schläft, seltener nach der Schwester ruft, weniger Medikamente braucht und sich sogar der Klinikaufenthalt verkürzen kann, ist das auch für Klinikbetreiber ein Argument.

Ärzte Zeitung: Lassen sich aus der Studie auch Empfehlungen für niedergelassene Ärzte ableiten?

Canazei: In der Praxis geht es eher um die akute Lichtwirkung, die beim kurzfristigen Aufenthalt des Patienten eintritt. Viel Licht und hohe Helligkeiten wirken sich positiv auf die Stimmung aus. Auch beim Personal kann man mit hellem Licht kurzfristig die Leistungsfähigkeit und die kognitive Verarbeitungsfähigkeit steigern.

Wir arbeiten gerade mit der Universität Graz an einem Projekt, in dem wir untersuchen, ob man Lichttherapie auch gegen Burn-out einsetzen kann. Das könnte für Kliniken und Praxen interessant sein, weil gerade Ärzte oder Pfleger häufig davon betroffen sind.

Interview: Ingrid Lorbach

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