Ärzte Zeitung, 13.05.2011

Es werde Licht - aber gut dosiert!

Ob als Arbeitslicht fürs Personal, Orientierung oder atmosphärische Beruhigung für die Patienten - die Beleuchtung mit Tages- oder Kunstlicht in Praxen und Kliniken muss vielen Funktionen gerecht werden. Dabei wird die Lichtwirkung auf den menschlichen Organismus oft übersehen.

Von Ingrid Lorbach

Es werde Licht - aber gut dosiert!

Lichtgestalt: Mit einer guten Praxisbeleuchtung macht der Arzt seine Patienten und Mitarbeiter glücklich.

© Mone Beeck

"Licht ist ein Grundnahrungsmittel" - so lautet die einfache Formel des Hamburger Lichtplaners Peter Andres. Dieser Gedanke sollte auch Ärzten, die ja zum Beispiel um die Zusammenhänge von UVB-Strahlung, Vitamin-D-Bildung und Knochenaufbau oder den Einfluss von Licht wissen, nicht fremd sein. Dennoch beklagen Lichtexperten immer wieder, dass sich biologische Aspekte auch im Gesundheitswesen viel zu wenig in der Lichtplanung niederschlagen.

Professor Heinrich Kramer vom Büro Lichtdesign Köln bringt das Problem auf den Punkt: "Alle existierenden Normen sind auf Sehleistung ausgerichtet. Gesundheit, Wohlbefinden, Emotionen und Kultur sind darin nicht berücksichtigt." Ein Blick auf die Bestimmungen der europäische Beleuchtungsnorm DIN EN 12464-1 bestätigt dies. Sie regeln die "Beleuchtung von Arbeitsstätten in Innenräumen" und damit auch die Lichtverhältnisse in Arztpraxis und Klinik. Hier geht es im Wesentlichen um die geforderte Beleuchtungsstärke in Lux, für alle Bereiche vom Wartezimmer über Behandlungsräume bis zum Operationssaal.

Für Schreibtischarbeitsplätze und die Allgemeinbeleuchtung ärztlicher Untersuchungsräume sind 500 Lux vorgeschrieben, an Untersuchungsstuhl oder -liege sind es 1000 Lux. Am Empfangstresen sollen es mindestens 300, im Wartezimmer 200 sein. Das aber ist zum Lesen zu wenig: Die Fördergemeinschaft Gutes Licht empfiehlt mindestens 300 Lux, für ältere Patienten mehr.

Licht ist nicht nur zum Sehen da

Wie das Bespiel Wartezimmer zeigt, sind die vorgeschriebenen Lux-Werte teilweise selbst für die Sehleistung nur knapp bemessen. Den biologische Funktionen des Lichts, wie etwa der Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus über die Botenstoffe Serotonin und Melatonin, werden sie also gar nicht gerecht.

Markus Canazei vom LichtLabor in Aldrans bei Innsbruck drückt es so aus: "Bei künstlichem Licht von 500 Lux leben wir in der Dämmerung. Um physiologische Lichtwirkungen zu erzielen, reicht das nicht aus." Deshalb ist das sehr viel hellere Tageslicht - im Freien finden wir teilweise 100.000 Lux - unersetzlich.

Lichtplanung, die auch die biologische Lichtwirkung berücksichtigt, sollte also bei der Architektur beginnen, um möglichst viel Tageslicht in die Räume zu bringen. Bei einem Klinikneubau lässt sich das über Innenhöfe oder Lichtbänder verwirklichen.

Je länger die Patienten sich in einer Einrichtung aufhalten und je älter sie sind, desto wichtiger ist der Faktor Tageslicht. Heinrich Kramer fordert deshalb für Pflegeeinrichtungen, die Aufenthaltsräume grundsätzlich wintergartenähnlich zu gestalten.

Für niedergelassene Ärzte sind die Einflussmöglichkeiten auf die Lichtarchitektur der Praxisräume allerdings meist beschränkt - es sei denn, sie bauen oder modernisieren selber. Nicht selten liegt gerade der Eingangsbereich einer Praxis im Inneren des Gebäudes und damit in einer relativ dunklen Zone.

Lichtforscher Markus Canazei rät, das fehlende Tageslicht, so weit es geht, durch helles, kühles Licht - also Licht mit erhöhtem Blauanteil - zu substituieren.

Fernseher im Wartezimmer? Eine gute Idee!

Das Problem: Kühleres Licht wirkt mit wenig Intensität fahl und unbehaglich. Einen Ausweg sieht Canazei darin, die erhöhte Raumhelligkeit mit selbstleuchtenden Informationsmedien zu kombinieren. Das kann zum Beispiel ein Fernseher oder großes Display im Warteraum sein. Das Bild auf dem Monitor wirkt in Zusammenhang mit hellem Licht auf den Betrachter ähnlich wie der Blick aus dem Fenster.

Wenn wir von Behaglichkeit im Zusammenhang mit Licht sprechen, kommt meist die Energiesparlampe ins Spiel: Viele Menschen empfinden deren Lichtwirkung als ungemütlich. "Dieses Gefühl trügt nicht", bestätigt Canazei, "Energiesparlampen emittieren im Allgemeinen weniger langwelliges, rotwelliges Licht. So erscheinen Hautfarben oft unnatürlich."

Außerdem irritierten Menschen die geringen Helligkeiten dieser Lichtquellen beim Einschalten. "Es gibt aber große Qualitätsunterschiede bei diesen Lampen. Informieren Sie sich vor dem Kauf mithilfe von Warentests", rät der Lichtforscher.

Allerdings ist die Energiesparlampe für ihn nur eine Übergangslösung, die in ein paar Jahren veraltet sein dürfte. Die Zukunft des Lichts sieht er in der LED- und der OLED-Technologie mit organischen Leuchtdioden: "Das LED-Spektrum ist dem Tageslicht viel ähnlicher. Außerdem sind diese Leuchtmittel mit einer Lebensdauer von 20 bis 30 Jahren auch in Sachen Energieeffizienz die bessere Lösung."

Sonnenschutz: Gegen den großen Lichteinfall

Um sommerlicher Überhitzung oder Blendung vorzubeugen, geht es bei großen Fensterflächen nicht ohne Beschattung. Rollläden sind das wirksamste System, sie halten gut 75 Prozent der Sonneneinstrahlung ab.

Für den öffentlichen Bereich einer Arztpraxis sind sie allerdings nicht so gut geeignet, weil sich die Intensität des einfallenden Lichts wegen des geschlossenen Rollpanzers kaum regulieren lässt. Aufgrund der Lamellenstruktur flexibler, aber dennoch effektiv sind Außenjalousien oder Raffstores.

Da die Lamellen der Raffstores durch Seitenschienen geführt werden, sind sie besser vor Wind und Wetter geschützt als Jalousien.

Ein innen angebrachter Sonnenschutz hält nur etwa 30 Prozent der solaren Energie ab, wirkt aber meist deutlich wohnlicher als Außenbeschattung. Ein beliebter Klassiker ist der Lamellenvorhang, den es aus unterschiedlichen Materialien, Reflektionsstärken und mit verschiedenen Zusatzeigenschaften (z.B. feuchteabweisend, antibakteriell) gibt.

Alternativen sind horizontale Innenjalousien oder Flächenvorhänge - an Schienen befestigte
Textilbahnen -, die durch Gewichte am unteren Ende eine glatte Fläche bilden. Sie sind die Klassiker in der Praxis, wirken aber eher kühl und funktional.

Fast alle Beschattungssysteme gibt es heute auch mit Elektroantrieb oder Fernbedienung, die , der umständliches Kurbeln oder Ziehen per Hand überflüssig machen. Noch komfortabler sind programmierbare Jalousien, die sich nach Uhrzeit oder Sonnenstand öffnen und schließen.

Lesen Sie dazu auch das Interview:
"Therapeutisches Licht lässt sich in die Raumbeleuchtung integrieren"

[26.05.2011, 15:39:41]
Ingrid Lorbach 
Antwort auf den Kommentar von Sol Misol
Mögliche Gefährdungen durch kurzwelliges Licht (Blaulicht) werden in der Fachwelt kontrovers diskutiert, vergleichbar der Diskussion um die elektromagnetische Strahlung von Handys. Es gibt jedoch gegenwärtig keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Sparlampen Netzhautschädigungen provozieren.

Monitore in Arztpraxen sind normalerweise in großer Entfernung zu den Augen der Patienten aufgestellt und nehmen deshalb einen sehr kleinen Gesichtsfeldanteil ein. Zur Raumbeleuchtung und damit als primäre Lichtquelle dient das Tageslicht, bzw. zusätzlich oder alternativ eine tageslichtähnliche Kunstlichtquelle. So spielt der kurzwellige Strahlungsanteil von entfernt positionierten Monitoren für mögliche Augenschädigungen keine Rolle.

Ingrid Lorbach
 zum Beitrag »
[20.05.2011, 14:43:05]
Sol Misol 
Schockiert...
Ich bin wirklich schockiert über diesen Artikel.

Viele Mitstudenten leiden nun schon an diesen Energiesparlampen, auch im Privatbereich schrauben mehr und mehr menschen die Energiesparlampen heraus und setzen wieder Glühlampen ein.
Un nun schreibt ein Lichtforscher auch noch, dass LCD Fernseher gut fürs Auge seien.... Das darf doch nicht wahr sein, oder ist dies ein Aprilscherz?

Aber es ist doch gerade anders herum: Blaues Licht schadet der Netzhaut. Wie kann man denn hier in der Ärztezeitung so einen Artikel veröffentlichen?

Bitte lesen Sie hierzu: http://www.makuladegeneration.org/energiesparlampen_makuladegeneration.php

Gute Besserung, Herr Lichtforscher . . .tsssssss zum Beitrag »

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