Ärzte Zeitung, 20.06.2011

Das Modell: keine Behandlung, nur Beratung

Auf die ärztliche Beratung von verunsicherten Patienten haben sich Ärztinnen aus Heidelberg spezialisiert. Die Patienten suchen Objektivität und Unterstützung. Auch betroffene Kollegen schätzen die Patientenberatung.

Von Ingeborg Bördlein

Das Modell: keine Behandlung, nur Beratung

Fokus Beratung: Mutter und Tochter beim ärztlichen Gespräch.

© Mathias Ernert

HEIDELBERG. Zwei Ärztinnen betraten vor zehn Jahren Neuland. Sie eröffneten in Heidelberg "PatientCONSULT", ein ärztliches Beratungsinstitut für Patienten. Das neue, bis heute in Deutschland einmalige Konzept einer ärztlichen Beratung gegen Bezahlung stieß in Kollegenkreisen zunächst auf Skepsis.

Doch bei den Patienten kam das Angebot gut an. Über 3000 Ratsuchende haben die Medizinerinnen seither beraten und begleitet. Die Ärztinnen bieten Patienten das, was im Praxisalltag und Klinikbetrieb meist fehlt: viel Zeit.

Sie übersetzen Diagnosen und Behandlungspläne in eine verständliche Sprache, kümmern sich um einen reibungslosen Behandlungsablauf, halten Kontakt mit den behandelnden Ärzten, stehen für Patienten und deren Ärzte als regelmäßige Ansprechpartner zur Verfügung. Was sie nicht tun, ist, Untersuchungen durchzuführen und die Patienten zu therapieren.

Die individuelle Beratung und Betreuung ist vielen Kranken so viel Wert, dass sie dafür zahlen. Zum Klientenkreis zählen keineswegs nur gut Betuchte, stellt Dr. Silke Frohmüller, eine der beiden Gründerinnen und Geschäftsführerinnen im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" klar: "Das Spektrum reicht vom Handwerker bis zum Vorstandsmitglied eines großen Unternehmens".

Das Gros der Patienten ist um die 50 Jahre alt

Vor allem Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Krebs, Rheuma oder Depressionen zählen zum "Kundenstamm" bei PatientCONSULT.

Aber auch Kranke mit Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Allergien, Rückenschmerzen, Parkinson, Suchterkrankungen oder beispielsweise Borreliose suchen häufig Rat. Das Gros der Klienten ist um die 50 Jahre alt. Männer sind ebenso häufig vertreten wie Frauen.

Das Beratungsteam besteht aus Ärzten mit langjähriger klinischer Expertise. Ihre Erfahrung: Die Patienten bekommen Wissen vermittelt und dadurch mehr Klarheit und Sicherheit im Umgang mit ihrer Erkrankung. Die Folge: Sie werden aktiver und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand.

Oft suchen onkologische Patienten mit unterschiedlichen Behandlungsvorschlägen Rat bei PatientCONSULT, weil sie nicht wissen, wie sie sich entscheiden sollen. Dann geht es darum, in Absprache mit den behandelnden Kollegen die Entscheidungsfindung für den Patienten zu erleichtern.

140 Euro pro Stunde kostet die Durchsicht und Beratung

"Am besten ist es, wenn man mit einer Stimme spricht", so Frohmüller, die ein gutes Verhältnis zu den Kollegen in Kliniken und dem niedergelassenen Bereich pflegt. Natürlich musste dieses Vertrauensverhältnis erst aufgebaut und die Angst vor Konkurrenz genommen werden.

"Wir nehmen den Kollegen die Patienten ja nicht weg, sie haben vielmehr aufgeklärte und gut vorbereitete Patienten vor sich, die wissen, was auf sie zukommt", sagt die Chirurgin.

Was legen die Patienten für die Beratungsleistungen auf den Tisch? Ein persönliches, ausführliches Beratungsgespräch mit Durchsicht der Befunde und Arztbriefe schlägt beispielsweise mit 140 Euro pro Stunde zu Buche. Durch eine enge Zusammenarbeit mit der Rheuma-Liga kann Rheumapatienten ein günstigerer Beratungstarif angeboten werden.

Eine dauerhafte ärztliche Begleitung im Sinne eines Krankheitsmanagements bei chronischen Erkrankungen kostet monatlich ab 260 Euro. PatientCONSULT berät auch Patienten aus dem Ausland, die sich in Deutschland behandeln lassen möchten. Hierfür werden 320 Euro berechnet.

Neben der individuellen Beratung bietet das Ärzteteam auch Fachseminare für Pflegepersonal aus Alten- und Pflegeeinrichtungen an. Diese Seminare sind immer ausgebucht. Dazu kommt die Gesundheitsberatung für Unternehmen, Institutionen und Gesundheitsdienstleister.

Einen besonderen Service kann PatientCONSULT mit Unterstützung der Industrie als Modellprojekt kostenfrei anbieten: die Organisation und Durchführung einer ambulanten parenteralen Ernährung. Dieses Angebot nehmen vor allem Onkologen gerne für ihre Patienten an.

Nach zehn Jahren gibt es wieder eine Art Neuanfang. PatientCONSULT ist in repräsentative Räume in Heidelbergs Innenstadt umgesiedelt. "Es war und ist kein leichter Weg", bilanziert Frohmüller.

Doch der zunehmende Beratungsbedarf vor allem chronisch kranker Menschen bestätigt dem Beratungsteam, dass es auf dem richtigen Weg ist.

[14.04.2012, 11:58:17]
Peter Panowitsch 
Was tun eigentlich die teuer bezahlten Hausärzte in den Hausarztmodellen?
Liebe Frau Frohmüller, wenn Sie da schreiben: Zum Klientenkreis zählen keineswegs nur gut Betuchte, und zur Begründung: "das Spektrum reicht vom Handwerker bis zum Vorstandsmitglied eines großen Unternehmens", dann muss ich schon schmunzeln: Ich kenne keinen Handwerker, der nicht "gut betucht" ist.....
Wenn für Sie die untere Grenze der Handwerker ist, wo bleiben da die wirklich Kranken der Unterschicht, Herz4 und Co.? Die Migranten? Ihre Idee ist gut, aber Sie tun nur das, was der Hausarzt tun sollte aber leider nicht tut. Ihr Modell sollte vor allem den Kassen zu denken geben: Da schmeißen sie mit den Hausarztmodellen Hausärzten die Kohle hinterher und die tuen diesen ihren ureigensten Job nicht. Die Vorgaben der Kassen für die Hausarztmodelle sollten inhaltlicher Natur sein und sich nicht überwiegend auf Äußerlichkeiten wie Präsenz- und Wartezeiten beschränken, dann wären solche Angebote wie Ihre gar nicht nötig. zum Beitrag »

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