Ärzte Zeitung online, 03.08.2011

Der Inseldoktor hat jeden zweiten Tag Bereitschaft

JUIST (cben). Juist in Not. Was die medizinische Grundversorgung angeht, sieht die Nordsee-Insel vor Niedersachsens Küste schweren Zeiten entgegen. Ab September ist nur noch eine Hausarztpraxis auf der Insel.

Für den Inselarzt ist jeden zweiten Tag Bereitschaftsdienst

Auch bei mäßigem Sommerwetter ein voller Strand auf der Nordsee-Insel Juist.

© cben

Hausarzt Dr. Paul Okot-Opiro verfügt vielleicht über das Wartezimmer mit dem deutschlandweit schönsten Ausblick: auf Strand, wehende Fahnen und die weite See.

Okot-Opiro praktiziert seit 2003 auf Juist, seine Praxis liegt im Erdgeschoss des Kurhauses - so heißt das noble Hotel auf Juists höchster Düne. Der nahe Strand ist in diesem Sommer trotz des bisher mäßigen Wetters voll mit Badetouristen und Strandkörben. Juist ist ausgebucht.

Allerdings wird Okot-Opiro, der hier zusammen mit seiner Frau, Dr. Heike Göttlicher, arbeitet, ab Mitte September als einziger Hausarzt übrig sein. Die Kollegin Dr. Christiane Freese wird das Eiland verlassen.

Dann dürfte der Versorgungsinfarkt programmiert sein. Im Schnitt sind täglich 10.000 Gäste auf der Insel, insgesamt rund eine Million Übernachtungen im Jahr. Dabei wohnen nur rund 1800 Einheimische auf Juist.

Behandlung im Apartment

Zur offenen Nachfolge für die Kollegin kommt ein zweites Problem: Die Praxis mit der schönen Aussicht ist untergebracht in einem kleinen Apartment des Kurhauses - ein Wartezimmer und ein Behandlungsraum, in dem das Arztehepaar die Patienten versorgt.

Für den Inselarzt ist jeden zweiten Tag Bereitschaftsdienst

Von Uganda nach Juist: Hausarzt Dr. Paul Okot-Opiro.

© cben

Ein geplantes Ärztehaus wurde nicht gebaut, klagen die beiden Ärzte. Für ihre Praxis finde sich seither kein angemessener Raum. Raum ist knapp und teuer auf Juist.

"Wir haben den Ärzten unter anderem Räume im alten Warmbad angeboten", sagt Bürgermeister Dietmar Patron zur "Ärzte Zeitung", "aber Okot-Opiros wollten den Raum nicht. Das muss man akzeptieren."

Die Westflügel-Räume des Bades hätten sie gerne genommen, berichtet das Arzt-Ehepaar, nicht aber den angebotenen, stark renovierungsbedürftigen Ostflügel.

Wenig Erfolg bei der Gemeinde

"Ohne das Angebot vom Kurhaus müssten wir auf der Straße praktizieren", so Okot-Opiro. "Warum stellt uns die Gemeinde kein Grundstück oder Räume oder ein Haus?"

Der runde Tisch zum Thema Raum- und Ärztenot, den die Gemeindeverwaltung Anfang Juli veranstaltete, hat wenig Neues gebracht.

Allerdings hat die Verwaltung eine Plakataktion gestartet, um einen Arzt auf die Insel zu locken. "Außerdem könnte man Ärzte, die hier Urlaub machen, vielleicht für einige Dienste gewinnen", meint Bürgermeister Patron.

Für Okot-Opiro keine tragfähige Lösung: "Juist braucht einen Arzt, der sich ein ganzes Jahr für Bereitschaftsdienst und Vertragsarzttätigkeit einsetzt. Ein Kollege nur im Rettungsdienst entlastet mich nicht. Die Patienten würden ohnehin zuerst bei uns anrufen."

Der Inseldoktor ist ständig im Dienst

Die Insel brauche einen geländegängigen Universalisten. Immer tritt irgendjemand in eine Muschel, verletzt sich ein Kind oder holt sich ein Tourist einen Sonnenbrand, Bereitschaftsdienst ist alle zwei Tage und an jedem zweiten Wochenende. Der Inseldoktor ist ständig im Dienst. Während des Interviews verlässt er drei Mal die Praxis wegen eines Notfalls.

Heute erbricht eine Touristin Blut. Okot-Opiro rückt aus. Wenig später kreist über der Insel der ADAC-Rettungshubschrauber. Als der Hausarzt wieder da ist, sagt er.

"Wir haben in der Regel nur einmal am Tag eine Verbindung zum Festland." Notfallpatienten müssen mit dem Boot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) die 45-Minuten-Tour Richtung Norddeich Mole antreten oder geflogen werden.

"Aber oft haben wir Nebel, Ebbe, Dunkelheit oder im Winter Eisgang, so dass entweder der Hubschrauber nicht starten oder das Rettungsboot nicht auslaufen kann oder beides", sagt Dr. Heike Göttlicher. Dann müssen die Patienten die ganze Nacht auf der Insel versorgt werden.

KV sucht neue Ärzte

"Eigentlich kenne ich das", sagt der gebürtige Ugander Okot-Opiro lächelnd, "wer auf Juist praktiziert, muss flexibel sein und muss Lust haben, alles auf einmal zu machen. Auf Juist ist es wie im Busch."

Ganz aussichtslos scheint die Suche nach einem neuen Arzt für Juist nicht zu sein: Bei der Kassenärztlichen Vereinigung, Bezirksstelle Aurich, rede man bereits mit drei Interessenten, erklärt der Geschäftsführer der Bezirksstelle, Erich Penon. Offiziell beworben hat sich aber offenbar noch niemand.

"Finanziell ist die Stelle auf Juist ok," sagt Penon zur "Ärzte Zeitung". Die KV gibt dem neuen Arzt auf Juist eine zweijährige Umsatzgarantie und garantiert im Notfalldienst 40 Euro pro Stunde.

Okot-Opiro: Budgetdeckel müssen weg

Dass diese Anreize genügen, bezweifelt Okot-Opiro. "Die 40 Euro erhalten die Festlandkollegen auch", so der Arzt, "und nach zwei Jahren Umsatzgarantie sei das finanzielle Problem nicht gelöst."

Im Sommer könne ein Inselarzt viel verdienen, aber das Budget ist gedeckelt, und im Winter sei es so wenig, dass es nicht reicht. Das Mittel der Wahl sei ein entdeckeltes Budget im Sommer und Honorarausgleich im Winter, so Okot-Opiro: "Das wäre für einen Arzt wirklich ein Anreiz, auf die Insel zu kommen."

In den ersten sechs Jahren auf Juist hat die vierköpfige Familie nicht ein einziges Mal Urlaub gemacht. So soll es nie wieder werden, sagen die beiden Ärzte. Und eine Praxis mit ausreichend Platz wäre auch nicht schlecht.

[04.08.2011, 10:14:28]
Lars Koschorreck 
Sorgen
Lieber Kollege Okot-Opiro,

Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich denke allerdings, dass wenn man so derart von den Institutionen veräppelt wird (Gemeinde stellt keine Räumlichkeiten, KV deckelt), man genau diesen auch die rote Karte zeigen sollte. Das meine ich mich Fakten schaffen - sie als Lamentierer darzustellen war nicht meine Absicht.
Stimmt es denn, was der sich ereifernde Kollege Dr.S behauptet, dass Sie sich "Sorgen" ob um die medizinische Versorgung im GKV Bereich machen? Das würde sie zwar ehren - sie aber nur weiter in die Ethikfalle treiben.

Ihnen alles Gute & besten Grüßen, LK zum Beitrag »
[04.08.2011, 00:47:53]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
@ Lars Koschorreck und andere Besserwisser!
Wie ich den hausärztlichen Kollegen auf der Insel Juist, Dr. med. Paul Okot-Opiro zweifelsfrei verstehe, macht er sich gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Kollegin Dr. Heike Göttlicher, Sorgen um die Umsetzung der medizinischen Versorgung im v e r t r a g s ä r z t l i c h e n GKV-Bereich. Und jede 2. Nacht bzw. jedes 2. Wochenende Bereitschaftsdienst bedeutet wohl ab Mitte September, dass er sich diese Dienste mit seiner Ehefrau teilen muss! Zusätzlich sind die extrem saisonabhängigen Fallzahlschwankungen ein Problem. 1.800 Einheimische sind sicher auch zu 90 % GKV-versichert.

Was soll also die, mit Verlaub, schwachsinnige Empfehlung, doch gleich die Kassenzulassung zurückzugeben, um als Privatarzt die GKV-Patienten unversorgt zurückzulassen. Und Ihr völlig deplatziertes "Nicht lamentieren - Fakten schaffen!" würde ich gerne von Ihnen hören, wenn S i e die nächsten 6 Jahre eine Urlaubssperre verpasst bekämen.

Außerdem hat ihre Wortwahl "Lamentieren" einen äußerst unangenehmen Beigeschmack, hochverehrter Herr Koschorreck!



 zum Beitrag »
[03.08.2011, 17:59:06]
Lars Koschorreck 
KV Zulassung
Lieber Kollege Okot-Opiro,

staunend lese ich den Bericht über Ihren Arbeitseinsatz und der mangelenden Wertschätzung / Honorierung. Wissen Sie was? Geben Sie doch einfach Ihre Zulassung zurück. Ein Auskommen als reiner Privatarzt wäre Ihnen sicherlich weiterhin beschieden. Nicht lamentieren - Fakten schaffen!

mit besten Grüßen, LK zum Beitrag »

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