Ärzte Zeitung, 24.08.2011

Zweigpraxis rettet den Landarzt

Während in der Hauptstadt über Landärzte-Mangel debattiert wird, handelt die Basis: Ein Dorf in Nordfriesland fand mit viel Kreativität einen neuen Arzt. Die dafür gegründete "Arbeitsgemeinschaft Arztnachfolge" investierte in ein nagelneues Ärztehaus.

Von Dirk Schnack

Zweigpraxis-Modell sichert Arztnachfolge

Ein neues Haus ganz allein für die Zweigpraxis: Die Joldelunder können weiter auf feste ärztliche Sprechzeiten in ihrem Dorf bauen.

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JOLDELUND. Für eine 700 Einwohner-Gemeinde hat Joldelund viel zu bieten: Eine Schule, einen Kindergarten, eine Bankfiliale, einen Gasthof, eine Bäckerei - und eine Arztpraxis. Dieser wichtige Teil der ländlichen Infrastruktur drohte jedoch wegzubrechen, als Dr. Harald Paulsen nach langjähriger Landarzttätigkeit im vergangenen Jahr seine Praxis aufgeben wollte.

Joldelund und seine umliegenden Gemeinden wurden aktiv und gründeten die "Arbeitsgemeinschaft Arztnachfolge Dr. Paulsen".

Heute können die Nordfriesen aufatmen: Sie haben ein neues Ärztehaus errichtet und mit Matthias Ernst einen jungen Arzt gefunden, der hier eine Zweigpraxis betreibt - und langfristig bleiben möchte.

Paulsen wird von Bürgermeister Reiner Hansen als Landarzt alter Schule im positiven Sinne beschrieben. Er praktizierte im Wohnhaus, war stets für seine Patienten da und bei Bedarf konnten seine Praxismitarbeiterinnen ihn auch am Wochenende anrufen, wenn ihnen ein Patient von Problemen berichtete.

Junger Arzt mit viel Engagement

Wenn der 35-jährige Arzt Matthias Ernst so etwas hört, zollt er seinem Vorgänger Respekt. Stellt zugleich aber klar, dass so etwas für ihn nicht in Frage kommt. So wie Paulsen für seine Generation von Landärzten steht, ist Ernst ein typischer Vertreter der jungen Ärztegeneration, mit viel Engagement, dem er aber bewusst zeitliche Grenzen setzt.

Dem Bürgermeister und seinen Mitstreitern in der Gemeindevertretung von Joldelund war schnell klar, dass sie einen Landarzt alter Prägung nicht mehr erwarten können - wenn sie denn überhaupt einen finden. Das versuchten sie zunächst durch bundesweit verteilte Plakate, Anzeigen und Schreiben an das Kieler Gesundheitsministerium, KV und Kreis Nordfriesland.

Weil auch die umliegenden Gemeinden betroffen waren - die nächsten Landarztpraxen sind rund 15 Kilometer entfernt - fanden sie sich zur Arbeitsgemeinschaft zusammen und suchten gemeinsam. "Es gab zwar einige Interessenten, aber uns war auch das Risiko bewusst, dass vielleicht gar kein Arzt mehr in Joldelund praktizieren würde. Wir müssen unser Dorf nicht schön reden - nicht jeder will hierher" sagt Hansen im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Zweigpraxis-Modell sichert Arztnachfolge

(v. li.) Landarzt Matthias Ernst: "Meine Vision ist, die Zweigpraxis langfristig zu verstärken." und Reiner Hansen, Joldelunds Bürgermeister, musste lange nach einem Arzt für die Gemeinde suchen.

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Einen Ausweg bot das Modell der Zweigpraxis, auf das die KV Schleswig-Holstein Praxen in der Region hinwies. Auch die Doppelpraxis von Matthias Ernst und Urs Philipzig in Bredstedt wurde dadurch auf Joldelund aufmerksam. "Eigentlich hatte ich vorwiegend Interesse an dem Kassenarztsitz, aber nicht an der Praxis in Joldelund", sagt Ernst.

"Ich fahre gerne hier raus."

Er einigte sich mit Paulsen, dass er mindestens ein halbes Jahr lang eine Zweigpraxis in Joldelund aufrecht erhalten würde. Während dieser Zeit praktizierte Ernst am alten Praxisstandort - ein großes Entgegenkommen des abgebenden Arztes, der durch die Nachfolgersuche nicht nur länger praktizierte als geplant, sondern weiterhin hautnah das Praxisgeschehen in seinem Wohnhaus miterlebte.

Dieser Zustand war für den erfahrenen und den jungen Arzt gleichermaßen langfristig keine Lösung. Zugleich spürte Ernst, dass die heimliche Hoffnung der Joldelunder aufging: Die Patienten wuchsen dem Arzt nach und nach ans Herz und die Tätigkeit in dem kleinen Ort machte ihm Spaß. Irgendwann stellte er fest: "Ich fahre gerne hier raus."

Doch zunächst musste ein finanzielles Problem gelöst werden: Die Gemeinschaftspraxis in Bredstedt schöpfte schon ohne die Zweigpraxis ihr Budget aus. Die Patienten in Joldelund wurden zusätzlich behandelt und das Honorar abgestaffelt. Dadurch bekam Ernst für seine Zweigstellentätigkeit nur noch neun Euro pro Patient - und das Projekt Zweigpraxis wurde für die Gemeinschaftspraxis aus finanzieller Sicht uninteressant.

An dieser Stelle griff erneut die KV ein und signalisierte den Bredtstedter Ärzten, dass sie die Abstaffelung für Joldelund aufheben würde, wenn es zu einer langfristigen Lösung kommt. Die aber war am alten Praxisstandort nicht möglich.

Neuer Praxisstandort mit zwei Sprechzimmern

Ernst suchte erneut das Gespräch mit der Gemeinde. Diese erkannte ihre Chance auf einen langfristigen Verbleib. Dafür musste ein neuer Praxisstandort gefunden werden. Weil alle Lösungen in bestehenden Gebäuden Schwächen hatten, und andere Gemeinden bereits Offerten an den umworbenen Arzt machten, entschloss man sich zum Neubau.

Ein günstig erworbenes Grundstück war schnell gefunden, nun wurde der Arzt nach seinen Wünschen und Bedingungen gefragt. 650 Euro Miete waren seine Obergrenze. Ziel waren zwei Sprechzimmer mit den üblichen erforderlichen Nebenräumen wie Wartebereich, Sozialraum, Anmeldung.

Die Joldelunder rechneten von der Miete ausgehend, was sie dafür bauen konnten. Die Investitionssumme betrug rund 153.000 Euro, die langfristig über die Miete abgetragen wird. Heraus kam eine voll ausgestattete Landarztpraxis mit 100 Quadratmeter Grundfläche, die ausschließlich der Arzt als Mieter nutzt.

Große Verpflichtungen geht er damit nicht ein, beide Seiten verständigten sich auf eine halbjährliche Kündigungsfrist. Damit sind nun für Ernst alle Bedingungen erfüllt, die er für eine langfristige Tätigkeit in Joldelund braucht.

Unterstützung von AktivRegion Nordfriesland

Die finanziell nicht auf Rosen gebettete Gemeinde erlebte dann eine Überraschung: Sie wurde für ihr Engagement von der Initiative AktivRegion Nordfriesland belohnt. Die bezuschusst die Investition in das Ärztehaus mit bis zu 66.000 Euro. Abhängig ist die Förderung, die auf zwölf Jahre verteilt wird, von der Tätigkeit eines Arztes in dem Haus.

Ernst fühlt sich in seinem neuen Mietobjekt in Joldelund inzwischen so wohl, dass er über diesen Zeitraum hinaus denkt. "Meine Vision ist, die Gemeinschaftspraxis in Bredstedt personell auszubauen und die Präsenz in Joldelund zu verstärken."

Mittelfristig muss er sich aber zunächst Gedanken um einen Nachfolger seines Praxispartners in Bredstedt machen, dann über zusätzliche Mitstreiter. Ernst pflegt dazu Kontakte zu früheren Klinikkollegen, freut sich aber auch über neue Interessenten.

Die kreative Lösung in Joldelund könnte Schule machen. In einer Regionalkonferenz der KV zum Thema landärztliche Versorgung präsentierte Bürgermeister Hansen auf Einladung der KV das dortige Modell anderen kommunalen Entscheidungsträgern.

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