Ärzte Zeitung online, 24.08.2011

Fast jedem US-Arzt droht Haftungsklage

NEU-ISENBURG (ava/ger). Einer von 14 US-amerikanischen Ärzten wird jedes Jahr mit dem Vorwurf eines Behandlungsfehlers konfrontiert. Das geht aus einer aktuellen Studie des New England Journal of Medicine über Arzthaftpflicht-Fälle hervor.

Einmal im Berufsleben droht fast jedem amerikanischen Arzt eine Haftungsklage

Beschäftigte Gerichte: In den USA haben vor allem Spezialärzte ein hohes Risiko für Haftungsklagen.

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Die Studienautoren schätzen, dass bis zum Alter von 65 Jahren drei Viertel der Ärzte in weniger riskanten Fachgebieten und 99 Prozent der Ärzte in Fachgebieten mit hohem Risiko mit einer Arzthaftungsklage rechnen müssen (NEJM 2011; 365: 629-36).

Untersucht wurden abgeschlossene Haftpflichtfälle von mehr als 40.000 Ärzten, die zwischen 1991 und 2005 mindestens ein Jahr lang Verträge mit einem US-weit tätigen Arzt-Haftpflichtversicherer abgeschlossen hatten. Das Durchschnittsalter der versicherten Ärzte lag bei 49 Jahren.

In 78 Prozent aller Haftpflichtfälle gegen Ärzte musste die Versicherung nichts bezahlen. Besonders betroffen vom Vorwurf der Behandlungsfehler sind der Studie zufolge in den USA Neurochirurgen.

Die Wahrscheinlichkeit, wegen eines Behandlungsfehlers angezeigt zu werden, liegt bei ihnen bei 19,1 Prozent im Jahr. Dicht dahinter liegen die Herzchirurgen (18,9 Prozent im Jahr) und Allgemeinchirurgen (15,3 Prozent).

Besser ist die Lage bei Allgemeinmedizinern. Lediglich 5,2 Prozent aller Allgemeinmediziner müssen jährlich mit einem Verfahren rechnen. Noch geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinderärzten (3,1 Prozent jährlich) oder Psychiatern (2,6) ein Behandlungsfehler vorgeworfen wird.

Aber: Die durchschnittlichen Schadensersatzsummen, die die Versicherung für die Fehler von Pädiatern und Pathologen zahlen muss, sind wesentlich höher als die der Neurochirurgen: So lag die Durchschnittszahlung der Haftpflichtversicherung bei Neurochirurgen je anerkanntem Behandlungsfehler bei fast 345.000 US-Dollar (240.000 Euro), bei Pathologen bei 384.000 Dollar und bei Pädiatern sogar bei 521.000 Dollar (362.000 Euro).

Die hohen Summen erklären sich bei den Pädiatern und Pathologen jedoch mit einzelnen besonders hohen Schadenersatzzahlungen, die den Durchschnitt nach oben schnellen lassen.

Der Grund: Erkennt ein Pädiater bei einem Säugling eine schwere Krankheit nicht oder diagnostiziert ein Pathologe ein malignes fälschlich als gutartiges Melanom kann das gleich zu Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe führen.

Vergleicht man die Zahlen der NEJM-Studie mit Daten aus Deutschland, zeigt sich, dass das Verhältnis von durchgesetzten Schadenersatzansprüchen zur Gesamtzahl der vorgebrachten Ansprüche in beiden Ländern offenbar ähnlich ist.

Nach der US-Studie sind 78 Prozent aller Arzthaftpflichtfälle ohne Zahlungen an die Kläger ausgegangen. Nach der jüngsten Behandlungsfehler-Statistik der Bundesärztekammer (BÄK) hatten rund ein Viertel der rund 36.000 Anträge, die den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen in den Jahren 2006 bis 2010 vorlagen, Erfolg. Drei Viertel wurden als unbegründet abgelehnt.

Schwer zu vergleichen ist dagegen die Verteilung der Behandlungsfehler auf die verschiedenen Fachgebiete. Schon allein, weil die Methodik der der US-Studie eine ganz andere ist als die der Behandlungsfehlerstatistik der Bundesärztekammer.

Die Zahlen des NEJM basieren auf einer Stichprobe, die Rückschlüsse auf Schadenhäufigkeiten je Fachgruppe zulassen. Die die Behandlungsfehlerstatistik der Bundesärztekammer dagegen ist eine Totalerhebung, die alle Behandlungsfehlervorwürfe erfasst, die bei den Schlichtungsstellen gegen Ärzte erhoben werden.

Die Bundesärztekammer hat dabei nur die absoluten Zahlen veröffentlicht, sie aber nicht in Bezug zur Zahl der Ärzte in den Fachgruppen gesetzt. An der Spitze liegen im Jahr 2010 im niedergelassenen Bereich die Orthopäden mit 588 anerkannten Behandlungsfehlern, mit großem Abstand gefolgt von den Hausärzten mit 331 Fällen.

Daraus hat vor kurzem die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) errechnet, dass es pro Hausarzt rein rechnerisch 0,0082 Schadensfehler gegeben habe.

Günstiger sei die Kennziffer nur noch bei Internisten mit 0,0067 Schadensfehler je Arzt. Das höchste Risiko bestehe bei Ärzten für Unfallchirurgie und Orthopädie, gefolgt von den Allgemeinchirurgen.

Über die Höhe von Schadensersatzzahlungen gibt es in Deutschland keine Branchenzahlen. Allerdings scheint es eine steigende Tendenz zu geben, Geschädigten Spitzenwerte von 300.000 Euro und mehr zuzusprechen. Darauf hat vor einem Jahr Vera von Pentz, Richterin am Bundesgerichtshof beim Kölner Medizinrechtstag hingewiesen.

Das Thema Arzthaftpflicht ist bei deutschen Ärzten ein Reizthema. Der Grund: Im vergangenen Jahr hatten viele deutsche Praxischefs unter saftigen Betragserhöhungen der Berufshaftpflichtversicherung gestöhnt.

So sind die Prämien für Allgemeinmediziner (ohne Operationen) beim Marktführer Deutsche Ärzteversicherung (DÄV) von 443 auf 719 Euro pro Jahr gestiegen. Kinderärzte ohne Operationen, die vor drei Jahren bei der DÄV noch 525 Euro gezahlt hatten, mussten 2010 1191 Euro berappen.

Besonders dramatisch war der Anstieg bei Gynäkologen mit Geburtshilfe. Ihre Prämien stiegen bei der DÄV von 26.180 auf 40.325 Euro pro Jahr.

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