Ärzte Zeitung, 06.09.2011

Versorgungssteuerung ja, aber in welcher Hand?

Nicht zuletzt aus Kostenaspekten erfordert die Versorgung multimorbider, hochbetagter Patienten künftig eine stärkere Steuerung aus einer Hand. Über den Königsweg dorthin - Patientenkoordination oder Case Management - diskutieren Experten vehement.

Von Matthias Wallenfels

Versorgungssteuerung ja, aber in welcher Hand?

Fest im Griff: Eine helfende Hand aus Praxis, Klinik oder Pflege kann alte, multimorbide Patienten bei der Versorgung unterstützen.

© dpa

MANNHEIM. Patientenkoordination im Krankenhaus, Case Management in Praxisnetzen respektive in Pflegeheimen oder alternativ doch lieber ein Mix aus zwei oder allen drei Komponenten? Dieser zentralen Frage der Versorgungssteuerung stellten sich Vertreter aus Praxisnetzen, Krankenhaus und Pflegeforschung vor Kurzem auf dem 2. Deutschen Kongress Gesundheitsforschung in Mannheim.

"Nur das Ergebnis zählt", lautet die Prämisse

Bei der Versorgungssteuerung ginge es vor allem darum, durch eine effiziente und effektive Betreuung eines multimorbiden, alten Patienten Mehrkosten durch unnötige Doppeluntersuchungen oder nicht aufeinander abgestimmte Behandlungen zu vermeiden, wie Professor Birgit Vosseler von der Hochschule Ravensburg-Weingarten hervorhob. Die Pflegewissenschaftlerin wies darauf hin, dass am Ende des Prozesses nur das Ergebnis zähle - Kosteneinsparungen für die Leistungsträger. Somit sei es aus Kostengesichtspunkten als eher zweitrangig zu bewerten, ob ein für das Case Management in Frage kommender Patient von einem zentralen Ansprechpartner in einem Praxisnetz, in einer Klinik oder in einem Pflegeheim gesteuert werde.

Die suprasektorale Patientensteuerung sei letzten Endes den geänderten Anforderungen an die Gesundheitsberufe geschuldet, wie Vosseler mit Blick auf "den Wandel des Krankheitspanoramas, der Zunahme chronischer Krankheiten und hochaltriger sowie krankheitsbedingter Pflegeerfordernisse" betonte. Hinzu kämen sozial schwierige Lebenslagen von Kindern und Familien.

Im Mittelpunkt stehe laut Vosseler die Frage, ob der Weg zu einer den Anforderungen adäquaten Steuerung zur transdisziplinären Professionalisierung in der Versorgung führe. Dabei zu berücksichtigen seien zudem die zwei quasi dichotomischen Patiententypen - die altmodischen auf der einen und die Patienten 2.0 auf der anderen Seite. Letzterer sehe sich eher als - gut informierter - Kunde, der effizient, IT-gestützt und vernetzt betreut werden will. Hingegen sehne sich der altmodische Patient eher nach Tradition, suche Vertrauen und Vertraute, schätze eine fürsorgliche Betreuung und sehne sich nach Orientierungsgebung in medizinischen Fragen, postulierte Vosseler.

Auf einen Nenner gebracht, sah die Pflegewissenschaftlerin das Case Management als geeignet und notwendig für Patienten an, die sich unter gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten in komplexen Problemsituationen befänden. Für diese Zielgruppe sei ein sektoren- und disziplinenübergreifender, fallbezogener Lösungsansatz zu empfehlen, der zudem vernetzt und kontinuierlich angelegt sei.

Marie-Luise Müller, Pflegedirektorin am Klinikum der Stadt Soest, berichtete in Mannheim mit Blick auf die zukunftsweisende Versorgungssteuerung über gute Erfahrungen aus ihrem Hause.

Aufnahme-, Betten- und Entlassmanagement gefragt

Dreh- und Angelpunkt bei der Patientenkoordination seien das Aufnahme-, das Betten- sowie das Entlassmanagement, wie die Ehrenpräsidentin des Deutschen Pflegerates akzentuierte. So habe ihre Klinik feste Ansprechpartner definiert, die die Patientenversorgung während des gesamten Aufenthaltes in der Klinik steuerten und auch die Kommunikation mit Ärzten und Dienstleistungen im Hause wie auch die Absprache mit den Beteiligten der poststationären Versorgung übernähmen.

Dr. Dominik Ose, Pflegewissenschaftler der Uni Heidelberg, verwies in Mannheim darauf, dass er vor allem für große Praxisnetze in Metro-polregionen wie zum Beispiel der Metropolregion Rhein-Neckar ein erhebliches Potenzial sieht, das Case Management direkt und zentral aus der jeweiligen Praxis im Netz zu steuern. Basis hierfür sei wiederum die persönliche wie die IT-Vernetzung.

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