Ärzte Zeitung, 29.09.2011

Apotheker baden Ärzte-Schluderei aus

BtM-Rezepte bereiten Apothekern in NRW derzeit große Sorgen. Der Grund: Eine Retaxierungs-Welle der Duisburger Betriebskrankenkasse Novitas. 60.000 Betäubungsmittelrezepte sind auf dem Prüfstand - weil Ärzte und auch Apotheker geschludert haben sollen.

Fehlerhaft ausgestellte BtM-Rezepte sorgen für Retaxierungswelle in Apotheken

BtM-Rezepte: Massenhaft Retaxierung wegen Nachlässigkeiten.

© Klaro

KÖLN (iss). Mit einer Prüfungs- und Retaxierungs-Aktion bei Betäubungsmittelrezepten sorgt die Duisburger Betriebskrankenkasse Novitas bei Apothekern für Empörung.

Weil sie Nachlässigkeiten bei der Verordnung durch die Ärzte und die Kontrolle durch die Apotheker vermutet, lässt die Kasse derzeit 60.000 Rezepte aus den Jahren 2010 und 2011 überprüfen.

Es gehe um die Arzneimittelsicherheit, sagt der Vorstand der Novitas BKK Reiner Geisler. "Gerade bei potenziell gefährlichen Medikamenten sind unsere Versicherten auf vollständige und richtige Rezepte angewiesen."

Es habe Hinweise auf von Ärzten fehlerhaft ausgestellte Rezepte gegeben, auch der Apothekerverband habe seine Mitglieder entsprechend informiert, sagt Kassensprecher Harald Stollmeier. Dem habe die Novitas BKK nachgehen müssen.

Kasse in manchen Fällen übers Ziel hinausgeschossen

Offensichtlich seien in mehreren Fällen die Vorschriften der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtM-VV) missachtet worden und die Medikamente dennoch abgegeben worden.

"Es geht uns nicht darum, aus einem fehlenden Komma eine große Sache zu machen", betont er. Die Prüfung der Rezepte läuft noch. "Wir gehen davon aus, dass die meisten Apotheker das Problem im Griff haben."

Stollmeier räumt ein, dass die Kasse bei der Retaxierung - also der Kürzung oder Stornierung bereits bezahlter Abrechnungen - zum Teil über das Ziel hinausgeschossen ist.

"In Fällen, in denen unser Vorgehen nicht korrekt war, haben wir das Geld zurücküberwiesen."

Apotheker sauer auf die Kasse

Hans-Joachim Krings-Grimm, Sprecher des Apothekerverbands in Duisburg, hat für die Aktion kein Verständnis. "Das ist völlig überzogen." Sein Verdacht: Die Kasse wolle nur die Kosten senken.

"Immerhin geht es um durchschnittlich 300 Euro pro Rezept." Zwar könne es sein, dass Apotheker nicht korrekt Rücksprache mit dem Arzt gehalten haben. Schließlich berge die BtM-VV viele Stolperfallen. Dabei gehe es aber um Einzelfälle.

Die Versorgung der betroffenen Patienten spiele in der ganzen Sache offenbar überhaupt keine Rolle, ärgert sich Krings-Grimm. "Unser Auftrag, Schmerzpatienten angemessen zu versorgen, ist höher einzuschätzen als die verdammte Bürokratie."

Der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein sind bei der Verordnung von Betäubungsmitteln keine nennenswerten Probleme bekannt. "Weder die Novitas BKK noch andere Stellen sind bislang auf uns zugekommen", sagt Vorstandschef Dr. Peter Potthoff.

[30.09.2011, 09:40:30]
Klaus Pulkowski 
Retaxierung
Als Apotheker und Betroffener über die Jahre zahlreicher Retaxierungen seitens der Krankenkassen kann man sich manchmal des Eindruckes nicht erwehren , dass es sich hierbei um den Versuch handelt Apotheken zu übervorteilen . Sicherlich gibt es auch immer wieder mit Recht Zahlungsvorbehalte der Krankenkasse gegenüber uns als Vertragspartner. Dieser Begriff beinhaltet aber auch das Wort Partner und was daran partnerschaftlich sein soll wenn man ausschließlich mit der Lupe nach Formfehler sucht ,um die Zahlung zu verweigern ist mir schleierhaft.
Ebenso rätselhaft ist mir , wie es sein kann , dass bei den mittlerweile extrem umfangreichen Rezeptprüfungen seitens der Krankenkassen nicht auch Rezepte auffallen , die die Apotheke irrtümlicher Weise zu ihrem eigenen Nachteil bedruckt , bearbeitet haben . Mir ist zumindest diesbezüglich keine Gutschrift in den letzten Jahren zugegangen .
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[29.09.2011, 19:10:52]
Dr. Daniela Wohlmann 
Retaxierungen BTM durch kassen in NRW
Es ist zunehmend üblich, an kleinen Formfehlern auch Regressforderungen festzumachen oder Honorar zurückzufordern, obwohl die ergriffenen Maßnahmen eindeutig im Interesse der Patienten und - mittelbar und langfristig - auch der Kassen sind (z. B. Vorsorgeuntersuchungen beim Kind, für die das Honorar zurückgefordert wird, weil der vorgeschriebene Zeitrahmen nicht eingehalten wurde). Die betreffenden Patienten erfahren davon meistens nichts, und genau das sollten wir als Ärzte ändern!
Also im Falle einer Retaxierung/Regressforderung/Honorarrückforderung
Info an den betroffenen Patienten bzw Eltern! Mal sehen wie die das Verhalten ihrer Krankenkasse beurteilen!Das könnter den Wettbewerb unter den Kassen durchaus beflügeln!  zum Beitrag »

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