Ärzte Zeitung, 01.10.2011

Defizite beim Arbeitsschutz im Praxisalltag

In vielen Arztpraxen in Niedersachsen fehlen arbeitsmedizinische Untersuchungen der Mitarbeiter und auch beim Schutz vor Nadelstichverletzungen gibt es Defizite. Dies zeigt eine Untersuchung des gewerbeärztlichen Dienstes Niedersachsen.

Von Christian Beneker

Defizite beim Arbeitsschutz im Praxisalltag

Gefährliche Blutentnahme: MFA, die nicht aufpassen, können sich trotz Handschuhen leicht verletzen.

© Klaus Rose

HANNOVER. Beim Mitarbeiterschutz in Niedersachsens Arztpraxen gibt es einige Defizite. Eine Untersuchung des gewerbeärztlichen Dienstes Niedersachsen von 468 Arztpraxen im Land aus den Jahren 2009 und 2010 brachte es an den Tag.

Viele Medizinische Fachangestellte (MFA) sind unzureichend geschützt zum Beispiel gegen Infektionen bei Nadelstichverletzungen (NSV). Auch fehlen oft arbeitsmedizinische Untersuchungen sowie Dokumentationen.

"Wir haben vor allem Hausarztpraxen, gynäkologische und internistische Praxen untersucht", sagt Dr. Stefan Baars vom gewerbeärztlichen Dienst zur "Ärzte Zeitung".

Dabei zeigte sich dass zum Beispiel nur 12 Prozent der Praxen Blutentnahmekanülen oder Injektionskanülen auf Sicherheitsprodukte umgestellt haben, "obwohl 87 Prozent der Praxen angaben, auch infektiöse Patienten zu behandeln", schreibt Baars.

"In manchen Praxen ist zum Beispiel das zur Blutabnahme nötige Sicherheitsprodukt für HIV-Patienten vorhanden und wird auch genutzt. Aber geimpft wird der Patient weiter mit herkömmlichen Spritzen", so Baars.

Die Dokumentation ist entscheidend

Der Arzt empfiehlt, mehrere Produkte zu testen, die Mitarbeiter zu schulen, das Ganze zu dokumentieren (in Niedersachsen haben nur 24 Prozent der Praxen dokumentiert) und dann die Benutzung zu üben.

"Man muss mit Sicherheitsprodukten anders arbeiten", so Baars. Die Dokumentation ist entscheidend, wenn eine MFA sich wirklich infizieren sollte.

"Denn ohne Dokumentation wird keine Berufskrankheit anerkannt und schon gar keine Rente", sagt der Arbeitsmediziner. Die Berufsgenossenschaft könne den Arzt sogar in Regress nehmen, wenn er die Auflagen nicht nachweislich erfüllt.

Die Erstversorgung nach Nadelstichverletzungen dagegen war in den allermeisten Praxen (84 Prozent) schriftlich festgelegt. Aber nur 40 Prozent der geprüften Praxen verfügten über eine Regelung zur HIV-Postexpositionsprophylaxe. Würden alle Vorschriften eingehalten, könnte man rund die Hälfte aller NSV vermeiden, so Baars.

Eine ähnlich geringe Zahl der Praxischefs haben ihre Medizinischen Fachangestellte arbeitsmedizinisch untersuchen lassen.

"Nur 35 Prozent der überprüften Praxen konnten arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen wegen Hepatitis B nachweisen, 28 Prozent wegen Hepatitis C", schreibt Baars im Niedersächsischen Ärzteblatt.

"Da geht es auch um's Geld", meint Baars. "Viele Ärzte untersuchen lieber selber als einen Kollegen zu bezahlen." Für den Gesetzgeber wäre das allerdings so, als würde ein Schreiner seine eigenen Mitarbeiter untersuchen, meint der Arzt.

Allerdings: Mit den Ergebnissen liegen die Arztpraxen im Schnitt. Für kleine Betriebe, zu denen auch die Arztpraxen gehören, sei das relativ geringe Interesse für den Arbeitsschutz normal, sagt Baars.

Auch Heike Rösch von der Pressestelle des Verbandes medizinsicher Fachberufe sagt: "Uns wundert das Ergebnis nicht. In Sachen Arbeitssicherheit muss in den Praxen noch einiges getan werden."

Praxisinhaber müssen Sicherheitskraft einstellen

Gleichwohl können Praxischefs Abhilfe schaffen. So bietet das Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen (ZQ) bei der Ärztekammer Hannover Schulungen an.

"Laut Gesetz müssen Praxisinhaber eine Sicherheitsfachkraft einstellen", erklärt Dr. Brigitte Sens, Leiterin des ZQ, "aber weil sie einen Kleinbetrieb führen, können sie sich auch selber in unseren Schulungen ausbilden lassen."

Seit diese Schulungen in Hannover angeboten werden, habe die Sicherheitskultur in den Arztpraxen einen deutlichen Schub erhalten, erklärte Sens.

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