Ärzte Zeitung, 22.11.2011

Auslaufmodell Einzelpraxis? Von wegen!

Eine junge Ärztin an der Ostsee hat die Einzelpraxis ihres Vaters übernommen - und ist damit zufrieden. Ihr Prinzip: Keine Geräte, so bleibt mehr Zeit für die Patienten. Vertretungen will sie nicht in ihren Räumen haben, deshalb schließt sie die Praxis im Urlaub ganz.

Von Dirk Schnack

Auslaufmodell Einzelpraxis? Von wegen!

Dr. Lucia Kühner möchte die Einzelpraxis nicht mehr tauschen.

© Dirk Schnack

GRÖMITZ. Eine Gemeinschaftspraxis oder ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) sollte es sein, als sich Dr. Lucia Kühner 2005 mit der Niederlassung beschäftigte. Beides ergab sich nicht.

Heute ist die Allgemeinärztin froh, dass sie sich damals unter Zeitdruck - ihr Vater Dr. Albrecht Kühner war an der Altersgrenze und musste eine Nachfolgeregelung für seine Niederlassung in Grömitz treffen - für die Einzelpraxis in Familienhand entschieden hat. Überzeugt war sie damals nicht davon, dass die Praxis mitten im Urlaubsort an der Ostsee sie langfristig binden könnte.

Vorzüge einer Einzelpraxis

"Besonders die Notdienste waren anstrengend. Lange hätte ich das nicht mitgemacht", erinnert sie sich. Seit der neuen Notdienstregelung in Schleswig-Holstein aber kann sie sich auf ihre Sprechzeiten konzentrieren und lernt die Vorzüge einer Einzelpraxis immer mehr schätzen.

Im Vordergrund steht für Kühner, dass ihre Patienten sich nie auf andere Ärzte einstellen müssen und immer sicher sein können, dass "ihre" Ärztin sie behandelt. "Wenn Patienten in meine Praxis gehen, wissen sie, dass sie zu mir persönlich kommen", sagt Kühner.

Ungeteilte Aufmerksamkeit für die Patienten

Das wird auch zu Urlaubszeiten nicht durch Praxisvertretungen unterbrochen. "Ich könnte nicht abschalten, wenn ich wüsste, ein Kollege arbeitet gleichzeitig in meiner Praxis", sagt Kühner. Sie schließt die Praxis im Urlaub lieber ganz - was in Grömitz möglich ist, weil noch einige weitere Kollegen im Ort niedergelassen sind.

Ein weiterer Vorteil: Kühner kann die Praxis so organisieren, wie sie allein es für richtig hält. Und das heißt für sie: Kein Telefon, keine EDV und keine medizinischen Geräte in den drei Sprechzimmern. Kühners Patienten sollen spüren, dass sie in der Sprechzeit die ungeteilte Aufmerksamkeit der Ärztin haben.

"Wenige Minuten ohne Ablenkung sind für die Patienten mehr wert als eine Viertelstunde mit PC und anderer Technik", ist Kühner überzeugt. Alle notwendigen Eingaben in den Computer erledigt sie nach dem Herausgehen aus dem Behandlungsraum, beim Übergang zum nächsten Sprechzimmer.

Bis zu 100 Patienten an einem Vormittag

Anschließend ist sie wieder ganz auf den nächsten Patienten konzentriert. Weil sie ohne Partner arbeitet, kennt sie die Vorgeschichte meist ohnehin. Diese Organisation hat sie von ihrem Vater übernommen, sie schafft damit in Stoßzeiten bis zu 100 Patienten an einem Vormittag.

Noch einen weiteren Tipp ihres Vaters hat sie umgesetzt: Mit Sportmedizin, Psychosomatik und Chirotherapie hat sie nur Zusatzbezeichnungen, die sie ohne Geräte ausüben kann. Einziges Gerät in ihrer Praxis ist ein EKG. Weitere Technik vermissen weder sie noch ihre Patienten - rund 1000 zählen zu ihrem Patientenstamm, ohne nennenswerte Fluktuation. Wenn doch eine technische Untersuchung nötig ist, überweist sie an Kollegen.

Urlaub nur zwischen November und April

Wichtig ist für Kühner, die Sommersaison durchzuarbeiten. Grömitz lebt vom Tourismus und ist in der Saison auf geöffnete Praxen angewiesen. Eigenen Urlaub gönnt sich die Ärztin deshalb nur zwischen November und April.

Wie viel freie Zeit sie sich nimmt, entscheidet sie allein und in Abhängigkeit von der Versorgung, aber ohne Rücksicht auf einen Partner.

Als Vorteil empfindet Kühner auch, dass sie keinem Praxispartner Rechenschaft über Scheinzahlen und Sprechzeiten abgeben und zugleich keine Angst haben muss, dass sie mit ihrer Arbeit einen langsameren Kollegen subventioniert: "So gibt es keinen Ärger, wer mehr schafft", sagt sie.

Schwierig waren zunächst betriebswirtschaftliche Fragen und Personalverantwortung

Kühner weiß aber auch, dass ihr Einstieg in die Einzelpraxis mit der Übernahme der väterlichen Praxis nicht zu vergleichen ist mit einer Investition in eine fremde Praxis. "Das hätte ich wahrscheinlich nicht gewagt", räumt Kühner ein.

Schwierig war für sie zum Start auch, dass sie sich allein mit betriebswirtschaftlichen Fragen beschäftigen und Personalverantwortung übernehmen musste. "Davon hatte ich keine Ahnung und es ist mir sehr schwer gefallen", sagt sie rückblickend.

Praxisstandort auch gut für Kühners Hobby: Triathlon

Inzwischen möchte die 37-jährige weder Standort noch Organisationsform tauschen. Einzig eine Praxisgemeinschaft - die in der Immobilie problemlos möglich wäre - könnte sie sich noch vorstellen. Der Praxisstandort hat für sie mehrere Vorteile: Sie kennt viele Menschen, weil sie in Grömitz aufgewachsen ist, und sie kann hier gut ihrem Hobby Triathlon nachgehen.

Kühner stand bei mehreren Ironman-Wettbewerben auf dem Treppchen. Seit der Niederlassung ist der Sport zwar in den Hintergrund getreten, bleibt für sie aber fester Bestandteil des Alltags - so lange die Praxis darunter nicht leidet.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Rückendeckung für die Einzelpraxis

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