Ärzte Zeitung, 08.12.2011

Kooperation statt Konkurrenz

Eine Teilberufsausübungsgemeinschaft gemeinsam mit einer Klinik? In Ludwigshafen haben Urologen einen Weg gefunden, dies zu realisieren. Und halten so die Konkurrenz bei der Betreuung von Krebspatienten in Schach.

Von Sabine Schiner

Kooperation statt Konkurrenz

Enge Absprachen sind wichtiger Bestandteil der Kooperation: Professor Andreas Müller, Chef der Klinik für Urologie, im Gespräch mit Oberärztin Dr. Petra Unglaub und dem niedergelassenen Urologen Udo Winter.

© Markus Müller

LUDWIGSHAFEN. Seit vier Jahren sind sie Partner: Zwölf niedergelassene Urologen und Ärzte des Klinikums Ludwigshafen.

Trotz allerlei Widrigkeiten haben sie zum interdisziplinären Prostatakarzinomzentrum Rheinpfalz zusammengefunden -und sind bis heute zusammengeblieben. Ihr Motto: "Kooperation statt Konkurrenz".

Ihr Ziel ist die Verbesserung der Versorgung von Tumorpatienten in der Region und zwar durch die Vernetzung von Prävention, Früherkennung, Diagnostik, Behandlung, Nachsorge und Reha.

Zum Zentrum gehören unter anderem das Institut für Urologie, die Klinik für Strahlentherapie und das Institut für Pathologie. Mit dabei sind auch Vertreter von Palliativmedizin, Hospiz und Selbsthilfegruppen.

Mit Hausärzten arbeiten die Urologen auch zusammen, allerdings nicht im Rahmen des Projekts. Das Besondere am Ludwigshafener Modell: Es machen alle Urologen auf der linken Rheinseite im Umkreis von 20 Kilometern mit und zwar von Anfang an.

Win-Win-Situation

"Das gibt es sonst nirgends", sagt Dr. Udo Winter, niedergelassener Urologe aus Frankenthal. "Es ist eine Win-Win-Situation", sagt der Leiter des Zentrums, Professor Markus Müller.

Im März 2008 wurde das Zentrum als eines der ersten zertifiziert. Heute gibt es bundesweit 70 Zentren. Ganz reibungslos klappte es anfangs nicht. "Wir hatten einige Startschwierigkeiten", erzählt Udo Winter.

Dies lag nicht an mangelnder Kooperationsbereitschaft von Niedergelassenen und Klinikärzten. "Die Zusammenarbeit klappte schon gut, da gab es das Projekt noch gar nicht", erinnert sich Müller.

Es waren die Verhandlungen mit der KV Rheinland-Pfalz, die zum Hürdenlauf wurden. "Wir brauchten einen langen Atem, um die KV von unserem Konzept zu überzeugen", sagt Udo Winter.

"Wir brauchen den Paragrafen 116 b nicht"

Zweieinhalb Jahre habe es gedauert, bis die KV grünes Licht zur Gründung einer Teilberufsausübungsgemeinschaft (Teil-BAG) gab.

Diese Organisationsform ermöglicht die strikte Trennung des ambulanten urologischen Tumorzentrums Vorderpfalz, in dem die Urologen in einem angemieteten Raum im Klinikum Ludwigshafen ihren Patienten ambulante Chemotherapien anbieten.

"Das war damals eine ungewöhnliche Rechtsform", sagt Winter. "Wir waren unserer Zeit voraus", pflichtet ihm Müller zu. Er verfolgt zwar interessiert die Diskussionen um das für 2012 geplante Versorgungsstrukturgesetz und die Dispute um die ambulante spezialärztliche Versorgung.

Das Ludwigshafener Modell sei davon unabhängig: "Wir brauchen den Paragrafen 116 b nicht, wir haben ja das Zentrum."

Therapieempfehlungen werden im Zentrum von Niedergelassenen und Klinikärzten gemeinsam erarbeitet und diskutiert. Dazu gibt es regelmäßige Treffen.

Die posttherapeutische Konferenz tagt beispielsweise jeden dritten Mittwoch im Monat in der Bibliothek der Urologischen Klinik. "Anfangs bedeutete dies für uns einen zusätzlichen Organisationsaufwand", erzählt Winter. Mittlerweile haben sich die Treffen eingespielt.

Mitarbeiterin für die Dokumentation

Auch die Verwaltung der Patientendaten ist geklärt. Die Niedergelassenen geben ihre Nachsorge-Daten an das Zentrum weiter, die Klinikärzte können so verfolgen, was aus den Patienten wird, wenn sie stationär entlassen und wieder ambulant behandelt werden.

"Es war von Anfang an klar, dass wir eine zusätzliche Stelle für die Dokumentation brauchen", sagt Müller. Die Patientendaten werden heute von einer Mitarbeiterin mit Hilfe einer Tumordokumentations-Software verwaltet.

Inzwischen steht auch das Zentrum auf sichereren Standbeinen. Das Klinikum war anfangs mit etwa 10.000 Euro für Geräte und Behandlungsplätze in Vorleistung getreten.

Raum und Ausstattung mussten die Niedergelassenen nur mieten. "Wir hätten das vermutlich nicht auf die Beine gestellt, wenn wir hätten vorfinanzieren müssen", gibt Winter zu.

Wenig zusätzliches Honorar, aber zufriedene Patienten

Letztlich lasse sich durch das Zentrum nur wenig zusätzliches Honorar generieren. "Aber wir haben zufriedene Patienten, die sich nicht alleine gelassen fühlen", sagt Winter.

Zufriedene Patienten stärkten die Bindung an Praxen und ans Klinikum. Bis zu 300 Prostatakrebspatienten kommen im Schnitt pro Jahr ins Prostatazentrum.

Ein weiterer Vorteil: Die Kooperation hält die Konkurrenz in Schach. "Wir sehen uns als Organspezialisten, die den Patienten von der Vorsorge bis zum Tod betreuen. Darin sehen wir unsere Stärke", sagt Müller.

Dem stimmt Winter zu: "Für uns Urologen ist die Kooperation auch berufspolitisch interessant." Onkologen und Hämatologen übernähmen zunehmend urologische Aufgaben wie die Chemotherapie. Durch das Zentrum bleibt die Kompetenz in Urologenhänden. "Wir sind damit für die Zukunft gewappnet."

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