Ärzte Zeitung, 14.02.2012

Qualitätsmanagement mit geldwertem Vorteil

Hat die Praxis ein funktionierendes Qualitätsmanagement oder nicht? Nach der Antwort fahnden nicht nur die KVen. Neuer QM-Druck kommt vielmehr von den Krankenkassen. Damit die Kassen Ärzte in Struktur verträge aufnehmen, muss so ein Praxis-QM schon einiges bieten.

Von Rebekka Höhl

Qualitätsmanagement mit geldwertem Vorteil

Die Kassen nehmen das Praxis-QM mittlerweile genau unter die Lupe. Mit einem Nobody-System können Ärzte da kaum punkten.

© Falko Matte / fotolia.com

Für Ärzte, die bei Struktur- und anderen Verträgen mit den Krankenkassen nicht außen vor bleiben wollen, wird das Thema Qualitätsmanagement (QM) wieder akut.

Die Krankenkassen stellten ganz gezielte QM-Anforderungen, sagt Claus Engler, Experte für QM im Gesundheitswesen beim TÜV Süd.

Und sie schauten auch genau darauf, dass das QM-System der Praxis diesen Anforderungen entspricht.

Aber welches System ist für Arztpraxen denn nun das geeignete? Und welche Bereiche müssen unbedingt abgedeckt sein?

"Wer an Strukturverträgen mit den Kassen teilnehmen will, wird es mit einem Nobody-System schwer haben", so die Erfahrung von Engler. Wichtig sei auch, auf eine unabhängige Zertifizierung zu achten. Engler: "Alles andere ist fragwürdig." Aber: Eine Pflicht zur Zertifizierung besteht für Praxen nicht.

Vom Aufwand her nehmen sich die QM-Systeme nichts

Ansonsten seien die verschiedenen QM-Systeme alle so modular aufgesetzt, dass sie sich im Prinzip auch für jede Praxis - egal, ob Großpraxis oder Drei-Mann-Betrieb - eignen, erklärt der QM-Experte. "Die Frage ist, was ich von dem QM-System erwarte: eine vernünftige Organisa tionsgrundlage oder nur einen Zettel an der Wand", spitzt Engler das Thema zu.

Was das für Praxen heißt? Sich vorab genau zu überlegen, was sie mit dem QM erreichen wollen und welche Praxisbereiche das QM abdecken sollte. Darauf aufbauend könne die Praxis dann die QM-Systeme vergleichen.

Die gängigsten Systeme in Praxen sind laut Engler immer noch die DIN EN ISO 9001, KTQ und das KBV-eigene System QEP. Das habe erst kürzlich wieder eine Studie des TÜV Süd gemeinsam mit der Stiftung Gesundheit - hier allerdings unter Großpraxen - gezeigt. Demnach implementierten rund 40 Prozent der Großpraxen die DIN EN ISO 9001, über ein Fünftel nutzen KTQ und rund 13 Prozent QEP.

Wobei sich die verschiedenen Systeme von den Aufwänden her nicht viel nehmen, sagt Engler. Zumindest, wenn man es vernünftig anfange. "Egal, ob DIN EN ISO, QEP oder KTQ, es sind immer gewisse Vorarbeiten erforderlich."

Trotzdem sieht Engler das System KTQ, das ursprünglich aus dem Klinikbereich kommt, eher mit skeptischen Augen. "Viele Praxen sagen uns, dass das System zwar die Praxisorganisation gut abbildet, aber hinterher kaum Steuerungsinstrumente bietet."

In maximal zwölf Monaten muss das QM stehen

Außerdem, so Engler, sehe das System nur alle drei Jahre ein Re-Audit vor - bei Praxen, die sich zertifizieren lassen. "Da rutscht viel an Verbesserungspotenzial oder kritischen Abläufen durch." Die Einführung eines QM-Systems dauert nach Englers Erfahrung neun, maximal zwölf Monate.

Engler: "Es geht auch schneller, aber dann hat man häufig das Problem, dass das QM nicht wirklich gelebt wird. Und länger als zwölf Monate sollte es auch nicht dauern, weil sich sonst wieder Fehler einschleichen und das Praxisteam irgendwann demotiviert ist."

Was QM-willige Praxen in jedem Fall brauchen: eine QM-Beauftragte (QMB). Die QM-Einführung sollte nämlich unbedingt von einer Stelle koordiniert werden, sagt Engler. "Das funktioniert aber nicht, wenn die Azubi QMB wird. Es sollte schon jemand sein, der sich mit den Abläufen in der Praxis gut auskennt und bereits ein paar Jahre in der Praxis ist."

Kritische Punkte in Sachen QM, das zeigt sich immer wieder bei den Zertifizierungs-Audits, die der TÜV Süd in den Praxen durchführt, sind der Bereich Hygiene, die Wartung von Geräten und Bereiche, die stark von Routinearbeiten geprägt sind.

Bei Hygiene oft Fehler entdeckt

Da, wo sich schnell Routine einschleichen könnte, helfen laut Engler Checklisten. "Das betrifft im Übrigen auch solch einfache Dinge, wie: Was ist alles von der Medizinischen Fachangestellten zu erledigen, die morgens als Erste in der Praxis ist?" Selbiges gelte für die Wartung von Geräten.

Bei der Hygiene machte den Praxen nicht nur die Wiederaufbereitung von Medizinprodukten häufig Probleme. Engler: "Da wird mit falschen Geräten aufbereitet. Oder es werden - was nicht sein darf - Einmalprodukte doch aufbereitet."

Auch im Bereich Personalhygiene würden oft Fehler aufgedeckt. Praxen, die sich ein eigenes QM-System aufbauen wollen, sollten - so der Rat Englers - auf jeden Fall dafür sorgen, dass ihr QM alle wichtigen gesetzlichen Regelungen, wie Arbeitsschutz und Umweltauflagen, abdeckt und auch die dafür wichtigen Prozesse erfasst.

Zusätzlich sollten die existenziellen Risiken im QM bedacht werden.

Risikomanagement als Lebensretter

Empfehlenswert sei für Ärzte aber auch ein Risikomanagement. Denn im Gegensatz zum QM, das letztlich "ein Blick in den Rückspiegel" sei, bei dem geschaut werde, welche Abläufe da sind, sei das Risikomanagement ein "Blick durch die Windschutzscheibe", erklärt Engler.

Hier gehe es darum, zu erfassen, welche Probleme sich in Zukunft ergeben könnten - durch politische Gegebenheiten, Honorareinbrüche und generell die finanzielle Lage der Praxis. Und für diese Probleme müsse die Praxis dann vorbeugende Maßnahmen und Warnsysteme erarbeiten.

Dazu gehöre auch der Bereich medizinische Risiken. "Wie geht die Praxis mit Fehlern um? Und wo liegen kritische Bereiche in der Pa tientenversorgung? Und gibt es eine Praxiskultur, in der Beinahefehler gesammelt werden? - Das sind die Fragen, die Praxisteams für sich beantworten sollten", sagt der QM-Experte.

Was viele beim Risikomanagement vernachlässigen, sei das Thema Unternehmerausfall. Engler: "Der Arzt ist Hauptträger und Hauptgeldquelle der Praxis. Daher sollte geklärt werden, ob es eine Vertretung gibt, wenn er ausfällt."

Die Kosten fürs Praxis-QM halten sich übrigens in Grenzen. Wie Engler erläutert, müssten Praxen, die sich gar nicht mit QM auskennen, für die QM-Einführung so um die 5000 Euro einplanen. Das gelte für Praxen mit bis zu acht Mitarbeitern. Für die Zertifizierung fielen noch einmal zwischen 1500 und 2000 Euro an.

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[15.02.2012, 11:11:49]
Edgar J. Schmitt 
Qualitätsmanagement ohne geldwertem Vorteil
Das was Frau Höhl mit Herrn Engler zum QM in Arztpraxen zu Papier brachte liest sich vielversprechend. Wer aber glaubt, dass man damit eine dem Aufwand entsprechende Vergütung erzielt, sollte sich auf Enttäuschungen einstellen. Die Deutsche Praxisklinikgesellschaft e. V. schreibt als Voraussetzung für die Aufnahme ein QM vor, bestehend aus:

Zertifizierung (ISO, KTQ oder QEP)
Vertrag mit einem unabhängigen Hygieneinstitut
Patientenbefragung mit AQS1/SQS1
Veröffentlichung eines Qualitätsberichts in regelmäßigen Abständen

Dieses QM war für die Politik so überzeugend, dass 2009 §122 in das SGB V aufgenommen wurde. Er verpflichtet die Spitzenorganisationen zur Festlegung eines QM und eines Leistungskataloges. Wir haben unsere Vorschläge in Anlehnung an unseren eigenen Anspruch postwendend vorgelegt, der Spitzenverband der Krankenkassen verweigert bis heute die Umsetzung der gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben, auch zum QM.

Die Folge ist, dass wir die Messlatte für unsere Mitglieder hoch legen, mit entsprechenden finanziellen Folgen, aber jeder, der unten durchkriecht erhält die gleiche Vergütung. Und den Traum von ausreichenden IGV Verträgen, die die Vorleistung annähernd honorieren, kann nur träumen, wer diese nie mit Kassen verhandelt hat.
Edgar J. Schmitt
www.pkgev.de
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