Ärzte Zeitung, 10.04.2012

Netzwerk klärt über Alternativmedizin auf

Ärzte wissen oft nicht, dass sich Patienten parallel auch von einem Heilpraktiker komplementärmedizinisch behandeln lassen. In Mecklenburg-Vorpommern will ein Gynäkologe ein Netzwerk aufbauen, um eigene ärztliche Strukturen zu schaffen.

Von Dirk Schnack

Netzwerk klärt über Alternativmedizin auf

Heilmethoden wie die Traditionelle Chinesische Medizin stoßen auf wachsende Nachfrage.

© Monika Wisniewska / shutterstock

WARNEMÜNDE. Komplementärmedizin spielte früher im Nordosten nur eine untergeordnete Rolle. Zumindest dachten viele Ärzte so - tatsächlich ist die Nachfrage der Patienten größer, als viele annehmen.

Untersuchungen belegen, dass über 60 Prozent der onkologischen Patienten auch Komplementärmedizin nutzen.

Jetzt wollen Ärzte in Mecklenburg-Vorpommern das Angebot langsam der Nachfrage, von der viele unter ihnen nichts ahnten, annähern.

Eine Gruppe von Ärzten will interessierten Patienten künftig einen besseren Überblick verschaffen, was sie vor Ort an Spezialisten und Angeboten wahrnehmen können.

Fernziel des Netzwerkes ist der Aufbau einer Datenbank mit allen verfügbaren Angeboten der Komplementärmedizin an der Küste.

Bis dahin ist es nach Einschätzung von Diplom-Mediziner Ulrich Freitag aber noch ein weiter Weg.

"Zunächst sind wir froh, wenn wir uns untereinander besser kennenlernen", sagt der niedergelassene Gynäkologe aus Wismar.

Netzwerk nur für approbierte Ärzte

Zusammen mit HNO-Ärztin Dr. Sylvia Schnitzer aus Grevesmühlen hat er ein Institut für Prävention und Gesundheitsförderung gegründet, das zu den Warnemünder Tagen für Komplementärmedizin einlädt (13. bis 15. April).

Rund 100 Kollegen werden erwartet, die entweder aufgeschlossen sind für Methoden der Komplementärmedizin oder sie selbst praktizieren.

Wichtig ist Freitag, dass sich das neue Netzwerk ausschließlich an approbierte Ärzte wendet. Schul- und Komplementärmedizin gehören für ihn zusammen:

Netzwerk klärt über Alternativmedizin auf

Dipl. Med. Ulrich Freitag, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Wismar

© Dirk Schnack

"Das Medizinstudium ist unser gemeinsamer Sockel", betont Freitag. Von ideologisch geprägten Debatten hält er wenig. Entscheidend sei der Heilerfolg, der aber reproduzierbar sein müsse.

Der Auseinandersetzung mit der Komplementärmedizin stellen sich im Nordosten immer mehr Ärzte.

Auch wenn Freitag noch ein Nord-Südgefälle beobachtet, registriert er doch eine zunehmende Aufgeschlossenheit an der Küste. Dies liegt auch an der hohen Patientennachfrage:

"Oft nehmen Patienten weite Wege in Kauf, weil wir ihnen nicht sagen können, wo ihnen vor Ort geholfen werden kann. Ziel muss sein, dass ich einem Patienten zumindest eine Anlaufadresse vor Ort geben kann", sagt Freitag.

Komplementärmedizin - auch ein Thema an der Uni Rostock

Die Voraussetzungen, dass sich das Netzwerk an der Ostseeküste mittelfristig etablieren kann, sind gegeben.

Freitag verweist in diesem Zusammenhang auf einen schon bestehenden Lehrstuhl für Naturheilverfahren an der Uni Rostock und auf Komplementärmediziner, die an den Universitätskliniken in Greifswald und Rostock tätig sind.

Einer von ihnen ist der Onkologe Dr. Hans Lampe, der derzeit das Institut für Integrative Medizin in Rostock aufbaut.

Lampe ist Spezialist für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und hat wie Freitag die Erfahrung gemacht, dass immer mehr Patienten komplementäre Methoden nachfragen.

"Das beeinflusst die Therapie positiv wie negativ", sagt Lampe. Entscheidend sei, dass die behandelnden Ärzte von den Patienten über begleitende Komplementärmedizin unterrichtet werden.

"Das läuft oft nebeneinander her, ohne dass die Patienten das kommunizieren", sagt Lampe.

Das ist problematisch, weil etwa Phytotherapie eine Chemotherapie beeinflusst - was viele Patienten nicht erfahren, weil sie die Anwendung verschweigen.

Lampe will dazu beitragen, dass solche Kommunikationsdefizite abgebaut werden.

Immer mehr Ärzte pro Komplementärmedizin

Nach seiner Einschätzung hat sich die Einstellung der Ärzte an der Ostsee in den vergangenen fünf bis zehn Jahren deutlich pro Komplementärmedizin gewandelt.

Unterschiedliche Einstellungen zwischen Klinik- und niedergelassenen Ärzten hat er kaum ausgemacht.

Jedoch seien Praxisinhaber wegen des hohen Zeitdrucks manchmal schwerer zu überzeugen.

Aber auch sie dürfte interessieren, dass Lampe auf Untersuchungen verweist, nach der zwischen 60 und 80 Prozent aller onkologischen Patienten auch Komplementärmedizin einsetzen - zum Teil läuft dies über Heilpraktiker, ohne dass Ärzte wissen, dass diese in die Therapie involviert sind.

Freitag will das Netzwerk, das sich bislang hauptsächlich auf die Fachgruppe der Gynäkologen gestützt hat, auch in anderen Fachgruppen bekannter machen.

Einen Überblick über den derzeitigen Stellenwert der Komplementärmedizin erhalten die Besucher der Warnemünder Tagung am 14. April durch den Vorsitzenden der Krebsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern, Professor Mathias Freund aus Rostock.

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