Ärzte Zeitung, 17.04.2012

Teilzeitmiete gegen die Versorgungslücke

Versorgungsengpässe und die Sorge um Praxisnachfolger brauchen kreative Ideen: Im hessischen Laubach haben sich nun ein Hausarzt und ein Apotheker zusammengetan. Ihr Plan: ein Zentrum mit Rundum-Versorgung - und Teilzeitmiete.

Von Sabine Schiner

Ein Konzept gegen die Versorgungslücke

Apotheker Fritz Rossbach (links) und Hausarzt Günter Stephan tüfteln an Versorgungsideen.

© Rossbach

LAUBACH. Wenn die ärztliche Versorgung nicht mehr sichergestellt ist, verlieren die Kommunen an Attraktivität - und dann wird es immer schwieriger, einen Praxisnachfolger zu finden.

In Laubach, einer Gemeinde mit knapp 10.000 Einwohnern im Vogelsbergkreis bauen ein Arzt und ein Apotheker deshalb ein Gesundheitszentrum auf, das die Versorgung in mehreren Gemeinden sichern soll.

Seit 25 Jahren praktiziert der Initiator des Gesundheitszentrums, Allgemeinmediziner Günter Stephan, in der alten Residenzstadt. Er ist mit 57 in einem Alter, in dem er sich fragt, wem er seine Praxis einmal übergeben könnte.

In seiner Ausbildungspraxis hat er jeden Tag mit jungen Ärzten zu tun. "Die Jungen wollen neue Arbeitszeitregeln und familienfreundliche Arbeitsbedingungen." Stephan machte sich daher auf die Suche nach neuen Strukturen.

Derzeit ist das Projekt in der Realisierungsphase: Anfang nächsten Jahres wird der Hausarzt mit seiner Praxis in die 300 Quadratmeter großen Praxisräumlichkeiten einziehen. Angedockt werden sollen an das Zentrum im Ortskern Fachärzte wie Diabetologen, Onkologen, Gynäkologen, Neurologen, Orthopäden.

Mehr Leben in der Innenstadt

Sie können die Multifunktionsräume stundenweise anmieten, in Teilzeit. Auch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten oder Logopäden gehören dazu.

Angedacht ist ein Zweigpraxis-Modell mit einer Versorgung auf hohem Qualitätsniveau. "Für die Patienten ist diese Rundum-Versorgung fantastisch", schwärmt Stephan.

"Die Vernetzung Arzt-Apotheker belebt die Innenstadt und fördert die gesamte Infrastruktur", sagt der Laubacher Apotheker Fritz Rossbach, der die Räume im Ortskern für das Projekt zur Verfügung stellt. Eine seiner Thesen: Fehlt eine geordnete Krankenversorgung, dann leitet dies den demografischen Untergang einer Kleinstadt ein.

Laubach ist eine von mehr als 100 hessischen Kommunen, die hoch verschuldet sind und auf den kommunalen Rettungsschirm hoffen. 2012 liegt der Haushalt mit 2,7Millionen Euro im Minus.

Doch das Gesundheitszentrum soll mehr sein als nur eine Ansammlung von Arztpraxen, es soll über Laubach hinaus zu einem Netzwerk werden. Als Partner haben sich Stephan und Rossbach Bürgermeister und Vertreter des Landkreises ins Boot geholt.

Stephan ist zudem mit einem anderen, gut vernetzten Kollegen befreundet: Professor Friedrich Grimminger von der Uniklinik Gießen. Er hat in den vergangenen Jahren in Mittelhessen ein Kliniknetzwerk aufgebaut und weiß, wie wichtig es ist, auch mit den umliegenden Gemeinden zu kooperieren.

Unterstützung aus der Politik

Stephan: "Unser Ziel ist, die Versorgung des östlichen Landkreises sicherzustellen." Schotten, Hungen, Grünberg und Laubach hätten bereits entsprechende Vereinbarungen verabschiedet.

Denkbar sei, dass Praxisräume angemietet werden, in denen etwa ein Kardiologe an bestimmten Wochentagen Sprechstunden anbietet.

Das Echo auf die Pläne ist positiv. Die Kooperation von Kommunen im Bereich der Gesundheitsvorsorge gibt es in Hessen in dieser Form bisher nicht, sagt Claus Spandau, Koordinator des Interkommunalen Kompetenzzentrums des Landes Hessen.

Auch der Landkreis würde ein regionales Bündnis begrüßen. Für Stephan ist jedoch klar: "Politiker können nicht die Zusammenarbeit von Ärzten organisieren, das müssen wir schon selbst machen."

Er weiß aber auch, dass es nur funktioniert, wenn in der Bilanz nicht nur die Patienten zufrieden sind, sondern auch die Leistungserbringer.

An Visionen fehlt es nicht. Angedacht sind etwa ein Zweitmeinungszentrum, Hol- und Bringdienst und eine Rechtsberatung für Patienten sowie ein geronto-psychiatrisches Konsil im Rahmen eines Nachbarschaftsprojekts.

"Das muss alles wachsen und braucht Zeit", sagt Stephan, dem das Projekt manchmal auch schlaflose Nächte beschert. Dass er weitermacht, ist für ihn keine Frage: "Man muss kämpfen für das, was man sich geschaffen hat."

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