Kongress, 14.06.2012

Köhler: Kassen schüren den Papierkrieg

Die Bürokratie macht den Ärzten das Leben schwer, und Schuld daran sind auch die Kassen - klagt KBV-Chef Köhler auf dem Hauptstadtkongress. CDU-Politiker Spahn sieht den Schwarzen Peter bei der Selbstverwaltung.

Von Anno Fricke

Köhler: Kassen schüren den Papierkrieg

Stefan Zutz, Hausarzt aus Neubuckow, Jörg Freese vom Landkreistag, Jürgen Schulz, Landrat in Lüchow-Dannenberg, KBV-Chef Dr. Andreas Köhler, Matthias Mohrmann von der AOK Rheinland Hamburg, CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn und Wolfgang van den Bergh als Moderator.

© Stephanie Pilick

BERLIN. Der GKV-Spitzenverband verweigert den Ärzten selbst einfachste bürokratische Erleichterungen ihres Praxisalltages.

Die von Kasse zu Kasse unterschiedlichen Formulare seien Teil des Kassenwettbewerbs und ließen sich nicht vereinheitlichen, habe man ihm in Verhandlungen beschieden, berichtete KBV-Chef Dr. Andreas Köhler beim Hauptstadtkongress.

Köhler bezog sich auf die schriftlichen Anfragen der Kassen, für die die verschiedenen Kassen unterschiedliche Formulare verwenden. Köhler hatte in Verhandlungen mit der GKV die seiner Ansicht nach "bescheidene Forderung" gestellt, mit einem Standardformular den Ärzten die Arbeit zu erleichtern. Dies hätten die Vertreter des Spitzenverbandes verweigert.

Der GKV-Spitzenverband sieht dies von einer anderen Warte: "Wir sind gern bereit, mit den Ärzten über konstruktive und zielführende Vereinfachung zu sprechen. Dabei muss es für beide Seiten um einen echten Verwaltungsabbau gehen. Für solche Ideen sind die Kassen offen," sagte Verbandssprecherin Ann Marini der "Ärzte Zeitung".

Papierkrieg in den Praxen ist ein Niederlassungshindernis

Die Auseinandersetzung ist Wasser auf die Mühlen von Jens Spahn. Die Politiker hätten zwar auch zum Aufwuchs von Bürokratie in den Praxen beigetragen.

"Im Wesentlichen ist die Bürokratie nicht von der Politik, sondern von der Selbstverwaltung gesteuert", sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion.

Dort scheint es bereits ein Einsehen zu geben. Matthias Mohrmann, designierter Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg, regte an, anhand konkreter Beispiele Bürokratie zu bekämpfen. "Formulare nicht vereinfachen zu wollen sei falsch verstandener Wettbewerb", sagte Mohrmann.

Das Thema Bürokratie in der Praxis nahm bei der Auftaktveranstaltung zum "Tag der Niedergelassenen" beim Hauptstadtkongress breiten Raum ein. Deren Oberthema war die Bedarfsplanung, die der GBA derzeit berät.

Die Teilnehmer auf dem Podium und im Publikum waren sich einig, dass junge Ärzte nur dann für die Niederlassung zu begeistern seien, wenn der Wildwuchs an Bürokratie auf ein erträgliches Maß zurückgestutzt werde.

Ein knappes Drittel seiner Arbeitszeit müsse er dem Papierkram opfern, berichtete der Hausarzt Stefan Zutz, der in Neubuckow in Mecklenburg-Vorpommern praktiziert. "Praxisgebühr und Bürokratie verhindern, dass junge Kollegen sagen, ich möchte gerne Hausarzt werden."

Landkreise suchen das Gespräch mit den Ärzten

Der Abbau von Bürokratie alleine bringt noch keinen neuen Hausarzt aufs Land. Darin war sich die Runde weitgehend einig. Nötig seien auch die Erleichterungen, die das Versorgungsstrukturgesetz mit sich bringe.

Das sei der Wegfall der Abstaffelungen in unterversorgten Gebieten, das Ende der Residenzpflicht und die angestrebten und laut aktueller Umfragen vom Medizinernachwuchs auch gewünschten Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Die KBV hat bereits ein Konzept vorgelegt. Eine Ausweitung der Planungsgebiete von derzeit 395 auf rund 4.000 für Hausärzte soll die Bedarfe zielgenauer erfassen. Mit dem Spezialisierungsgrad sollen die Planungszonen weiter gefasst werden.

Jörg Freese vom Deutschen Landkreistag betonte die Notwendigkeit, rechtzeitig mit den KVen ins Gespräch zu kommen.

"Wir müssen frühzeitig wissen, was die Kommunen dazu beitragen können, zum Beispiel die Wünsche jüngerer Ärzte nach kooperativen Arbeitsformen in Ärztehäusern, auch als Angestellte, zu erfüllen", sagte Freese.

Der Landrat des Landkreises Lüchow-Danneberg, Jürgen Schulz, drang darauf, die medizinische Versorgung in dünnbesiedelten Gebieten durch den flexiblen Einsatz von Gemeindeschwestern zu ergänzen.

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