Ärzte Zeitung, 24.08.2012

Aufklärung

Alles klar mit der Medikation? Bei Weitem nicht!

Gibt es Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten? Was bewirkt die Arznei? Diese Fragen sind für viele Patienten auch nach dem Arztbesuch noch ungeklärt, hat eine aktuelle Studie ergeben. Besser einmalig gründlich aufklären, rät ein Experte. Davon könnten Ärzte wie auch Patienten erheblich profitieren.

Von Ilse Schlingensiepen

Alles klar mit der Medikation? Bei Weitem nicht!

Wer Patienten ausführlich über den Einnahmerhythmus informiert, kann die Therapietreue stärken.

© Gina Sanders / fotolia.com

KÖLN. Wenn Hausärzte Patienten umfassender über die verordneten Arzneimittel informieren, können sie viel zu einer besseren Compliance beitragen.

Außerdem vermeidet eine gezielte Aufklärung, dass Patienten durch Informationen aus fragwürdigen Quellen verunsichert werden - was letztendlich der Arzt wieder selbst gerade rücken muss.

"Eine einmalige gute Aufklärung ist besser als die Salamitaktik, die es häufig in Arztpraxen gibt", sagt Klaus-Dieter Thill, Leiter des Instituts für betriebswirtschaftliche Analysen, Beratung und Strategie-Entwicklung (IFABS) in Düsseldorf.

Patienten wenden sich bei Rückfragen an die MFA

Eine Untersuchung des IFABS hat gezeigt, dass Patienten nach dem Arztbesuch noch Fragen zu den gerade verordneten Medikamenten haben. Viele wenden sich nämlich direkt an die Medizinischen Fachangestellten (MFA), um mehr zu erfahren.

Das Institut hat 300 MFA aus Praxen von Allgemeinmedizinern, hausärztlichen Internisten und praktischen Ärzten interviewt. Danach werden 56 Prozent von Patienten regelmäßig nach den Arztkontakten zu den verschriebenen Medikamenten befragt.

"Es handelt sich um eine zufällige, nicht repräsentative Stichprobe, aber sie ist valide genug, um Anhaltspunkte zu liefern", erläutert Thill.

Rund 81 Prozent der Patienten wollten von den MFA wissen, was das Medikament genau bewirkt, 76 Prozent, mit welchen Nebenwirkungen sie rechnen müssen. Fragen zum Wirkmechanismus der Präparate hatten 69 Prozent und 62 Prozent zu Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln.

Diese Angaben müsste der Patient eigentlich nach der Diagnosestellung vom behandelnden Arzt selbst erhalten, postuliert Thill. "Der Arzt kann dem Patienten klar machen, warum er ein Arzneimittel nehmen soll - und warum er es regelmäßig nehmen soll."

Denn Untersuchungen zeigten immer wieder, dass Ärzte die vertrauenswürdigste Quelle sind, wenn es um Informationen über Arzneimittel geht. Häufig würden sie den Patienten aber nur knappe Angaben wie "das Mittel ist neu", "das Mittel ist gut für Sie" oder "es hat wenig Nebenwirkungen" mit auf den Weg geben.

Das reiche vielen nicht aus.

Desinformierte Patienten sind Zeitfresser in der Praxis

Auf der Suche nach Aufklärung wenden sich Patienten nicht nur an die MFA oder die Apotheker. Häufig landeten sie auch bei unqualifizierten Quellen im Internet, so der Praxisberater.

Folgen dieser Informationsbeschaffung seien häufig Unsicherheit und Desinformation, die der Patient beim nächsten Arztbesuch wieder mit in die Praxis bringe. "Im Endeffekt kostet es den Arzt dann mehr Zeit und Aufwand, den Patienten bei der Therapie zu halten, als wenn er es gleich richtig gemacht hätte", sagt Thill.

Es sei klar, dass Hausärzte sich nicht bei jedem Patienten zehn Minuten Zeit für ein Gespräch über Arzneimittel nehmen können. Oft brauche es keinen großen Aufwand, um die wesentlichen Angaben zu vermitteln.

Für häufig verordnete Präparate können sich die Ärzte kurze Blätter mit den wesentlichen Informationen zusammenstellen, empfiehlt er. "Die Patienten wollen etwas haben, an dem sie sich orientieren können."

Es könne nicht im Interesse der niedergelassenen Ärzte sein, wenn die Medizinischen Fachangestellten die Informationsaufgabe übernehmen - außer wenn der Arzt sie gezielt geschult hat und es klare Absprachen im Rahmen der erlaubten gibt.

"Viele Ärzte wissen aber gar nicht, dass die Patienten mit den Mitarbeiterinnen über Medikamente sprechen", gibt Thill zu bedenken.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Gluten kann auch Reizdarm verursachen

Wenn Reizdarmpatienten, die nicht an Zöliakie leiden, über glutenabhängige Beschwerden klagen, kann das ein Noceboeffekt sein. Es kann sich aber um etwas anderes handeln. mehr »

Entlassmanagement krankt an schlechter Kommunikation

Kaum in Umlauf, gerät der Medikationsplan in die Kritik. Ärzte fordern, Webfehler im System zu beheben. mehr »

So hoch ist der Diabetiker-Anteil in den 16 Bundesländern

In Deutschland leben mehr Menschen mit Diabetes als bisher geschätzt: Inzwischen leidet rund jeder zehnte GKV-versicherte Bundesbürger an Diabetes. mehr »