Ärzte Zeitung, 09.09.2012

Zweite Klasse

Warteschleife für Kassenpatienten

Der Unmut ist groß über die ambulanten Honorare. Eine besonders harsche Form des Protests hat eine Düsseldorfer Urologen-Praxis gewählt - und für Verärgerung bei Patienten, Kasse und KV gesorgt. Jetzt rudern die Kollegen zurück.

Von Ilse Schlingensiepen

Kassenpatienten kommen auf die Wartebank

Mit viel Glück nicht mehr als zwei Stunden Wartezeit - das drohte eine Urologen-Praxis im Rheinland ihren Kassenpatienten an.

© Klaus Rose

KÖLN. Eine drastisch formulierte Information über die Trennung von Kassen- und Privatpraxis hat unter den Patienten einer Düsseldorfer Urologen-Gemeinschaftspraxis für Verunsicherung und Ärger gesorgt.

Seit dem 1. August haben die sieben Urologen der "Urologie am Malkasten" Kassen- und Privatpraxis strikt getrennt.

In einem Schreiben, das in einem Ständer an der Anmeldung auslag, haben die Ärzte ihre Patienten über die Hintergründe informiert. Das Schreiben verweist zunächst auf die wirtschaftlichen Bedingungen im Gesundheitswesen.

"Sie sind als Patient ihrer Krankenkasse noch einen Festpreis von 13,31 Euro im Quartal wert, und das bei Milliardenüberschüssen der Krankenkassen", hieß es dort. Dafür könnten die Ärzte den gewohnten Service und Komfort nicht mehr leisten.

GKV-Versicherte müssten sich deshalb auf längere Wartezeiten einstellen - "Wir bemühen uns, zwei Stunden nicht zu überschreiten".

Doch nicht nur das: "Auch die individuelle Behandlungszeit wird sich von der berüchtigten 5-Minuten-Medizin eher auf eine 2-Minuten-Medizin reduzieren", erfuhren die Patienten.

Die Patienten könnten ja die Kostenerstattung wählen

Zwar versprechen die Ärzte weiterhin eine korrekte und sachliche Beratung und die ausreichende und notwendige Behandlung.

"Sie müssen allerdings unsere medizinischen Aussagen akzeptieren oder es lassen. Diskussionen sind unter diesen Bedingungen nicht vorgesehen."

Dann werden die Patienten auf die Möglichkeit hingewiesen, privatärztliche Leistungen in Anspruch zu nehmen und mit der Krankenkasse das Kostenerstattungsprinzip zu vereinbaren.

Ein Versicherter der Betriebskrankenkasse PricewaterhouseCoopers hat sich darüber bei seiner Kasse beschwert. "Ein so massives Vorgehen kann man nicht unkommentiert lassen", sagt Kassenvorstand Lars Grein der "Ärzte Zeitung".

Er hat den Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo) um Stellungnahme gebeten.

Gerade die Tatsache, dass die Patienten die Entscheidungen der Ärzte nicht hinterfragen dürfen, sei eine Unverschämtheit. "So werden die Menschen verunsichert", ärgert sich Grein.

Wenn es um die Kritik an der Finanzierung der Kassenleistungen und die Werbung für IGeL gehe, seien die Kassen schon einiges gewöhnt. Das sei aber ein Extrembeispiel. "Das lassen wir uns nicht gefallen", betont Grein.

Urologen und andere Ärzte könnten nicht alles, was medizinisch sinnvoll und möglich ist, als Kassenleistung erbringen, sagt der KVNo-Vorsitzende Dr. Peter Potthoff.

Gegen die Information über die Optionen im Privatbereich sei nichts einzuwenden. "Die Aussage, für GKV-Patienten stehen nur noch zwei Minuten zur Verfügung, ist aber nicht zulässig."

Patienten müssten ausreichend behandelt werden. Der Stil des Schreibens sei fragwürdig. "So darf man mit Kassenpatienten nicht umgehen", sagt KVNo-Justitiar Dr. Horst Bartels.

Die unzureichende Honorierung originär ärztlicher Tätigkeiten gerade in Nordrhein-Westfalen sei inakzeptabel, betont ein Sprecher der Ärztekammer Nordrhein. Das Problem müsse aber politisch gelöst werden.

Unvertretbar sei es dagegen, aus Frust über die Honorarsituation die Grundsätze korrekter ärztlicher Berufsausübung über Bord zu werfen.

"Patienten erwarten zu Recht, dass ihre Ärztinnen und Ärzte über Diagnostik und Therapie in einer verständlichen und angemessenen Weise informieren und dass sie auch auf Kritik sachlich reagieren", sagt der Sprecher. Eine Verweigerung des Dialogs sei "unärztlich".

Berufsverband: Das wird kein Einzelfall bleiben

Auch der Präsident des Berufsverbands der Deutschen Urologen Dr. Axel Schroeder, den die Kasse ebenfalls angeschrieben hat, hält den Stil des Schreibens für unpassend.

"Wir sind Vertragsärzte, da gelten die Vertragsgrundlagen", sagt er. Die Reaktion der Düsseldorfer Urologen zeige aber, unter welchem starken Druck viele Kollegen stehen.

"Jeder weiß genau, dass das Geld für die ambulanten Leistungen nicht ausreicht", sagt er.

Unter den niedergelassenen Ärzten sei die Stimmung schlecht, viele wüssten nicht mehr, was sie tun sollen. "Das wird kein Einzelfall bleiben, und das ist sehr bedenklich."

Das Schreiben liegt inzwischen nicht mehr aus, erklärt einer der Urologen, Dr. Heinz-Jürgen Notz. Die Patienteninformation sei die Initiative eines der Praxisärzte gewesen, der über die aktuelle Situation sehr zornig sei.

"Es war ein Schnellschuss, der besser überdacht worden wäre" räumt Notz ein. Der Kollege habe die Patienten zu Reaktionen animieren wollen.

Das ist ihm gelungen. Manche Patienten waren über die Fortsetzung ihrer Dauerbehandlung verunsichert, andere waren verärgert, einige werden sich wohl einen anderen Arzt suchen, berichtet der Urologe.

Die Ärzte hätten aber viele Gespräche über die Honorierung ihrer Leistungen geführt. "Wir konnten mit den Patienten über die Fakten reden. Sie müssen sehen, dass Veränderungen notwendig sind."

Einen Run auf die Privatpraxis hat es bislang nicht gegeben. "Es gibt keine vermehrte Nachfrage nach Privatleistungen", sagt Notz.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Übers Ziel hinaus geschossen

[12.09.2012, 08:33:16]
Uwe Schneider 
pacta sunt servanda
Verträge sind zu erfüllen. Das gilt auch für den Bundesmantelvertrag der Ärzte. Wer sich als Vertragsartz niederlässt, der hat den Patienten die medizinisch notwendige Behandlung inklusive Aufklärung angedeihen zu lassen, auch falls sie mehr als 2 min. dauert, selbst wenn sie extrem schlecht bezahlt ist.

Unmut über die niedrige Regelleistungsvergütung ist gerade im KV-Bezirk Nordrhein verständlich. Der muss sich aber gegen die eigenen Ärztevertreter richten, die auf Bundesebene einer entsprechenden Ausgestaltung der Rahmenbedingungen für die Vergütung zugestimmt haben sowie die Teile der Politik, die Honorarkonvergenzregeln zwischen den KVen ablehnen.  zum Beitrag »
[10.09.2012, 17:32:07]
Dr. Johannes Hille 
so, so, übers Ziel hinausgeschossen. Warum eigentlich?
Die Kollegen schreiben ausdrücklich, daß Ihnen zur Untersuchung, Behandlung und Betreuung der gesetzlich versicherten Patienten in ihrem Fachgebiet 13,31€ für 3 Monate zugestanden werden. 13,31 EURO für 3 Monate! Egal wie oft der Patient kommt, einschließlich aller Untersuchungen, Injektionen und Gespräche. 13,31€!!!
Meinen Sie nicht, das es bewundernswürdig ist, daß diese Kollegen ihre Patienten für diese Vergütung überhaupt noch behandeln und nicht schon längst die Flucht ins Ausland oder die Privatpraxis ergriffen haben???
Betriebswirtschaftlich ist das neben der elbstausbeutung Konkursverschleppung, und die steht eigentlich unter Strafe!

So wie Ihr mit euren Ärzten umgeht, so werdet Ihre morgen versorgt werden. zum Beitrag »
[10.09.2012, 14:15:45]
Dr. Martin Hofschen 
Aktionen tun schon mal weh!
Natürlich erscheint dies als eine krasse und sehr herbe Art Protest zu zeigen, aber wie soll er denn gestaltet werden? Solange wir immer wieder mit dem Totschlag-Argument der Patientenversorgung und der armen Patienten die sofort tot umfallen wenn man Sie nicht sofort behandelt erpresst werden, wird sich nie etwas ändern! Komisch ist nur, dass die Kassen uns vorwerfen wir würden zuviel machen, uns budgetieren und drangsalieren, aber kommt hier auf die Idee nach der Patientenversorgung zu fragen! Komischerweise ist die immer dann gefährdet, wenn die Ärzteschaft eine Aktion macht!Ansonsten ist eseben so, wenn ich als Arzt für meine Arbeit nur noch 2 Minuten einplanen kann ist dies so, wenn ich aber die Patienten umsonst über die politische Lage unterrichte ist das mein Privatvergnügen! Und wer glaubt einfach zu hoffen, dass wenn ein Arzt nur noch privat macht, gleich der nächste da steht um liebend gerne unter Kassenbedingungen zu arbeiten hat entweder keine Ahnung, die Zeichen der Zeit nicht erkannt oder noch keinen Nachfolger gesucht! Wachen Sie auf! zum Beitrag »
[10.09.2012, 13:50:25]
Dipl.-Med Wolfgang Meyer 
Liebe Urologen-Kollegen,
Kreativität und Engagement in berufspolitischer Hinsicht sieht anders aus!
Es spricht nicht für den Initiator und auch nicht für die Praxispartner, sich für die Wut als Ziel die Schwachen und Hilfsbedürftigen auszusuchen.
Aber es spricht daraus eine klare Sprache, was von manchen Migliedern unserer Zunft zu halten ist! Dies läßt für ein konzertiertes und wirkungs-
volles Miteinander auch weiterhin nichts Gutes hoffen. zum Beitrag »
[10.09.2012, 11:25:34]
Katrin Koelle 
Interessant...
... für eine ausführliche Diskussion über die "prekäre" Situation der Praxis-Ärzte mit den Kassenpatienten war und ist also Zeit (wie man dem vorletzten Absatz entnehmen kann), aber für den Dialog sie selbst betreffend maximal zwei Minuten? Nicht zu fassen. Besser kann man die befremdliche und ethisch höchst zweifelhafte Haltung dieser Ärzte nicht ad absurdum führen, als sie selbst es mit diesem Fakt getan haben.  zum Beitrag »

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