Ärzte Zeitung, 13.11.2012

Bereichsspezifische Norm

Arztpraxen blühen neue QM-Standards

Ab Dezember gibt es eine neue DIN EN Norm, die eigens fürs Gesundheitswesen entwickelt wurde. Über kurz oder lang werden Vertragsarztpraxen ihr Qualitätsmanagement wohl an diese Norm anpassen müssen.

Von Rebekka Höhl

Neue QM-Standards für Arztpraxen?

Die neue DIN EN-Norm prüft in den Praxen ganz gezielt die Themen Patientensicherheit und Risikomanagement ab.

© Falko Matte / fotolia.com

NEU-ISENBURG. In Sachen Qualitätsmanagement (QM) für Praxen kündigt sich ein Umbruch an. Mitte Dezember soll eine eigene DIN EN-Norm fürs Gesundheitswesen veröffentlicht werden.

Die soll für Praxen das QM nach ISO vereinfachen. Sie könnte sich aber auch als Standard im Gesundheitswesen durchsetzen. Das zumindest hält Claus Engler, Experte für QM im Gesundheitswesen bei TÜV SÜD, für sehr wahrscheinlich.

Wer in der Vergangenheit sein Praxis-QM nach DIN ISO aufgebaut hat, musste die für die Industrie geschaffene Norm erst einmal auf seine Praxisprozesse herunterbrechen.

Als Grundlage galt immer die DIN EN ISO 9001, die zwar Themen wie Kundenorientierung und Fehlermanagement kennt, aber eben nicht genau nach den Prozessen in den Praxen fragt.

"Es wurde immer wieder und von allen Seiten der Wunsch geäußert, dass die ISO-Norm mehr ans Gesundheitswesen angepasst werden sollte", sagt Engler.

Die Norm geht weiter als die ISO 9001

Und nun ist es so weit. Mit der DIN EN 15224 sei eine bereichsspezifische Norm geschaffen worden, die gezielt aufs Gesundheitswesen abstelle, so Engler. "Die neue Norm übersetzt die Forderungen der ISO 9001 in die Sprache des Gesundheitswesens."

Dabei untergliedert sich die DIN EN 15224 in elf Qualitätsmerkmale (siehe unten). "Die Norm geht allerdings viel weiter als die ISO 9001", sagt Engler.

Sehr viel Raum sei dem Thema Patientensicherheit eingeräumt worden. Dieses zieht sich im Prinzip durch alle elf Qualitätskriterien. So wird etwa eine nahtlose Versorgungskette von der Behandlung bis zur Rehabilitation gefordert.

Ebenso legt die Norm explizit Wert auf eine evidenzbasierte Versorgung. Und: Das Thema Patientenaufklärung und Beteiligung an der Therapieentscheidung wird sehr deutlich angesprochen.

"Sehr wichtig ist in der Norm aber auch das Risikomanagement", berichtet Engler. "Und dies beinhaltet auch das präventive Risikomanagement." Was das bedeutet? Praxisteams müssten auch links und rechts von den allgemein bekannten Risikopfaden schauen.

Engler: "Praxen müssen sich in diesem Zusammenhang auch mit den die Patientenversorgung begleitenden Prozessen beschäftigen, die ebenfalls die Patienten gefährden könnten."

Die Auswahl des falschen Zulieferers, der verunreinigte Infusionslösungen liefert, sei etwa so ein Risiko, erklärt der QM-Experte.

Eine andere Besonderheit der neuen Norm: Sie unterscheidet zwischen Haupt- und Nebenkunden. "Hauptkunden in der Praxis sind natürlich die Patienten", sagt Engler.

Nebenkunden könnten etwa Angehörige sein - und Abläufe, die diese Nebenkunden betreffen, seien ebenfalls zu beschreiben. "Das ist etwa in Reha-Einrichtungen für Kinder wichtig, wo ein Elternteil das Kind begleitet."

Wichtig ist auch das Thema Effizienz

Angst, dass sie mit der neuen Norm vielleicht nicht die QM-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) erfüllen, müssen Ärzte nicht haben. Wie Engler berichtet, seien bei der Entwicklung der neuen ISO-Norm auch Vertreter der KBV dabei gewesen.

Und da die Norm die ISO 9001 übersteigt, die für die GBA-Richtlinie - die ja selbst auch eher schwammig gehalten ist - mehr als ausreicht, ist hier nicht mit Problemen zu rechnen.

Ganz im Gegenteil, die neue Norm - das sagt Engler ganz deutlich - wird sich höchstwahrscheinlich zum QM-Branchenstandard im Gesundheitswesen entwickeln. "Die Signale aus Berlin deuten ganz klar in diese Richtung.

Gerade die Kostenträger, also die Kassen, haben ein großes Interesse daran." Auch, weil in der Norm sehr deutlich Dinge wie Effizienz und Wirtschaftlichkeit - aber in Zusammenhang mit einer qualitativ hochwertigen Versorgung - eine Rolle spielen.

Aber auch vonseiten der Ärztekammern habe TÜV SÜD schon einige Anfragen, wie sich die kammereigenen QM-Systeme an die neue Norm anpassen ließen. Denn das derzeitige Problem - auch der Kassen - sei, dass es zu viele verschiedene QM-Systeme gebe.

"Gerade in Sonderverträgen geben die Kassen daher schon bestimmte Systeme vor, nach denen teilnehmende Praxen zertifiziert sein müssen", sagt der QM-Experte.

Neue Norm baut auf altem QM auf

Grund zur Panik besteht allerdings nicht. Denn der neue Standard lässt sich laut Engler einfach auf das bestehende Praxis-QM-System aufsetzen. "Die Praxen sollen das QM ja gerade nicht wieder auf der grünen Wiese neu aufsetzen. Das steht sogar explizit in der neuen Norm drin."

Die Praxen sollen also nicht unbedingt die Norm als Grundlage für ihr QM nehmen, sondern ihr bisheriges QM-Verfahren an die Norm anpassen. Dabei eigne sich die Norm eigentlich für alle Praxiseinheiten.

Engler: "Die Herausforderung für die Ein-Mann-Praxis mit vielleicht einem Psychotherapeuten oder einem Hausarzt und einer MFA wird aber sein, die Norm auf diese Praxis zuzuschneiden."

Größere Einheiten, in denen viele Prozesse bereits beschrieben seien und in denen auch viele Schnittstellen längst definiert seien, hätten es da leichter.

Zertifizierung könnte bis zu 2500 Euro kosten

Erste Schätzungen gingen davon aus, dass die neue Norm vom Aufwand her 15 bis 20 Prozent über dem Aufwand für die ISO 9001 liege - was das zeitliche und finanzielle Invest anbelangt.

"Erfahrungswerte gibt es ja leider noch nicht", so Engler. Eine Zertifizierung könnte preislich für eine durchschnittliche Praxis mit einem Arzt und mehreren Fachangestellten bei 2000 bis 2500 Euro liegen.

Allerdings wird frühestens im zweiten Quartal 2013 eine Zertifizierung nach der neuen Norm möglich sein.

"Die DIN EN 15224 wird im Dezember vom Deutschen Institut für Normung veröffentlicht, die Akkreditierung durch die DAkkS, die Deutsche Akkreditierungsstelle GmbH, erfolgt dann mit einem Zeitverzug von einem viertel bis maximal halben Jahr."

TÜV SÜD bietet, wie Engler erklärt, seinen Kunden daher an, dass sie für beide Normen, also die 9001er und die 15224er geprüft werden. Denn die Anforderungen der ISO 9001 seien mit der DIN EN 15224 ja ohnehin abgedeckt.

Als Lohn der Anstrengung erhalten Kunden dann auch beide Zertifikate: das ISO 9001 Zertifikat und das vorläufige Zertifikat für die DIN EN 15224, das nach erfolgter Akkreditierung in ein offizielles umgewandelt wird.

Die elf Kriterien der DIN EN 15224

Angemessene Versorgung: Der Patient wird entsprechend seines gesundheitlichen Zustands mit keinen/geringfügigen Komplikationen oder Nebenwirkungen behandelt.

Verfügbarkeit:Dienstleistungen der Gesundheitsversorgung sind für den Patienten erreichbar und möglich.

Kontinuität der Versorgung: Es besteht eine nahtlose Kette von Dienstleistungen der Gesundheitsversorgung für den Patienten.

Wirksamkeit: Tätigkeiten der Gesundheitsversorgung sorgen in relativ kurzer Zeit zu einem erwartet positiven Ergebnis.

Effizienz: Das für den Patienten erwartete Ergebnis wird unter Einsatz eines Minimums an Ressourcen erzielt.

Gleichheit: Patienten mit gleichartigen Erfordernissen wird die gleiche Versorgung erbracht.

Evidenzbasierte Versorgung: Untersuchungen und Behandlungen beruhen auf wissenschaftlich fundierten Tatsachen und/oder Erfahrungen auf der Basis von Wissen/bester Praxis.

Auf den Patienten ausgerichtete Versorgung: Tätigkeiten der Gesundheitsversorgung sind auf die Sichtweise des Patienten konzentriert und werden stets mit dem Einverständnis des Patienten und mit Blick auf die körperliche und psychologische Unversehrtheit ausgeführt.

Einbeziehung des Patienten: Der Patient wird in Kenntnis gesetzt und nach Möglichkeit in alle n Behandlungen aktiv einbezogen.

Patientensicherheit: Allen beim Patienten vermeidbaren Schäden wird vorgebeugt.

Rechtzeitigkeit: Patient ist in der Lage, die Dienstleistungen der Gesundheitsversorgung ohne unzumutbare Wartezeiten zu erhalten.

Quelle: TÜV SÜD; DIN EN 15224

[03.12.2012, 14:18:27]
Dr. Rüdiger Pötsch 
Wer zertifiziert die Zertifizierer? (Zu Ärzte Zeitung 13.11.2012, Umbruch beim QM)
Wer zertifiziert die Zertifizierer?

Kaum ist das Schicksal des Bürokratie-Monsters „Praxisgebühr“ besiegelt, steht der nächste
Verwaltungs-Zombie vor der Tür:
Die Norm DIN EN 15224 zum Qualitätsmanagement (QM).
„Die Signale aus Berlin deuten ganz klar“ in die Richtung, dass diese neue DIN-Norm zum
„QM-Branchenstandard im Gesundheitswesen“ werden wird. Und um den neuen Zombie zu
generieren, gibt man jetzt - wenn auch kleinlaut – endlich zu, dass die alte, für die Industrie
geschaffene DIN EN 9001 nicht genau nach den Prozessen in den Praxen fragt – hört, hört!
Die Kassen haben „großes Interesse“ an der neuen Norm, die KBV-Vertreter stellen sich als
servile Geburtshelfer zur Verfügung und die Kammern bitten den TÜV willfährig um
Unterstützung beim Versuch, Fehler bisheriger QM-Kalamitäten zu beseitigen.
Der TÜV-SÜD stellt elf Kriterien der DIN EN 15224 vor, die angesichts
- ausreichender Gesetz- und Normgebung,
- der Grundsätze erfolgreicher freiberuflicher Praxisführung und
- der allseits unüberhörbaren Forderungen nach Bürokratie-Abbau
nur als herausragende Plattitüden-Orgie hyperaktiver QM-Bürokraten zur Entmündigung
ärztlicher Unternehmer apostrophiert werden können - Beleidigung ärztlichen
Selbstverständnisses selbstredend inbegriffen.
Beispielhaft drängen sich - neben vielen anderen - folgende Fragen auf:
- Sind große Teile des Leistungskataloges der gesetzlichen Krankenversicherung bisher
etwa nicht evidenzbasiert?
- Werden nicht alle neuen Leistungen vor Aufnahme in den Leistungskatalog unter
verantwortlicher Mitwirkung der Krankenkassen auf ihre Evidenz geprüft?
- Gibt es keine Leitlinien in der Gesundheitsversorgung?
- Gibt es keine ärztliche Aufklärungspflicht?
- Ist die Versorgung bisher nicht auf die Sichtweise des Patienten konzentriert?
- Werden die Tätigkeiten der Gesundheitsversorgung bisher nicht mit Blick auf die
körperliche und psychologische Unversehrtheit des Patienten durchgeführt (das Gesetz
zur rituellen Beschneidung von Knaben stellt hier wohl die erste staatlich induzierte
Ausnahme dar)?
- Ist die Kenntnis des hippokratischen Kern-Grundsatzes „nihil nocere“ noch nicht bis
zu den Zertifizierern (und auch noch nicht bis zum Gesetzgeber) vorgedrungen?
-2-
Seite 2: Wer zertifiziert die Zertifizierer?
Abschlussfrage:
Ist die QM-Bürokratie die Krankheit, für deren Heilung sie sich hält und wissen die
Protagonisten nicht, was sie tun?
Sie wissen es sehr wohl: Bei durchschnittlichen Zertifizierungskosten zwischen 2000.- und
2500.- Euro geht es hier bei ca. 150 000 Vertragsärzten und Psychotherapeuten um ein
geschätztes Marktvolumen von dreihundert bis vierhundert Millionen Euro. Ärzte, höret die
Signale!
Dr.med. Rüdiger Pötsch
Facharzt für Allgemeinmedizin
Ehem. Mitglied des KBV-Vorstands zum Beitrag »
[14.11.2012, 08:48:41]
Hendrik Hüning 
Qualitätssicherung? Mit Verlaub - Dummfug und Qualitätsfeindlich!
Das Gegenteil von gut ist gutgemeint. Qualität in der ärztlichen Diagnostik und Behandlung ist nur durch Zuwendung, Zeit und Sorgfalt erreichbar. Weitere Zeiträuber und Zuwendungdiebe zuzulassen kann ich nicht mehr verantworten, wenn ich die Versorgungsqualität nicht endgültig gefährden möchte.
Deshalb gehört dieses QUALITÄTSFEINDLICHE DIN ISO EN- Ungetüm geschreddert und auf die Müllhalde, bevor es "in Kraft tritt". Praxisfremd und ober- bürokratisch. Es verhindert, was es vorgibt zu sichern! Wer sich so etwas ausdenkt, veröffentlicht oder für gut befindet gehört bezüglich der Zurechnungsfähigkeit überprüft und zertifiziert.  zum Beitrag »
[13.11.2012, 10:54:31]
Dr. Volker Thielmann 
Noch mal 15-20% Mehraufwand im Vergleich zur ISO 9001?
Vorab,alle elf Kriterien der DIN EN 15224 sind bis auf die Effizienz ausschliesslich auf den Patienten ausgerichtet, das halte ich in Zeiten zunehmender Überlastung der Praxismitarbeiter nicht mehr für akzeptabel.
Ein stärkerer Bezug auf das Gesundheitswesen/Arztpraxen ist notwendig und als "Beta-Version" sicher zu loben.
Aber teilweise werden Banalitäten/Selbstverständlichkeiten wie Einbeziehung des Patienten in die Behandlung benannt z.T. sind es leider zunehmend auch realitätsfremde Forderungen, wie die rechtzeitige Versorgung der Patienten (der Hausarzt ist auf dem Wege eine aussterbende Spezies auf dem Land zu werden, die Szenarien sind erschreckend und bekannt, aber es sind keine Änderungen in Aussicht) oder Patientensicherheit: "alle vermeidbaren Schäden beim Patienten werden vorgebeugt" ??? Wie soll das gefüllt werden, Schäden durch Medizinprodukte, durch Selbstverletzung in der Praxis, durch Giftstoffe, Rauchenden auf dem Weg in die Praxis ....
Die ISO 9001 ist schon extrem aufwendig und umständlich und jede Rezertifizierung steht in keinem Verhältnis zum Aufwand. Jetzt noch mal 15-20% Mehraufwand? Bei allem Respekt, das kann doch niemand mehr erfüllen wollen, außer er hat Langeweile in der Praxis oder ein wirtschaftliches Interesse am Verkauf der Beratungstätigkeit.
Ein QM ist notwendig und hilft die Praxisabläufe zu verbessern, die Arbeit besser, sicherer und EINFACHER zu machen, aber was ich hier lese klingt erst mal nach einem weiteren Aufblasen des reinen Verwaltungsaufwandes in der Praxis!
MfG Dr. Volker Thielmann, Hausarzt, interner Auditor Gesundheitswesen  zum Beitrag »
[13.11.2012, 08:34:40]
Dr. Zlatko Prister 
effizienz und qualität
es freut mich ausserordentlich, dass effizienz und versorgungsqualität hier in einen zusammenhang gebracht werden.
betriebliche effizienz im zusammenhang mit einer hohen prozessqualität ist gerade die voraussetzung für eine zeitgemäße patientenversorgung.

die quadriga nach prister:
- papierlose praxis (digitalisierung)
- prozessoptimierung (automatisierung nichtmedizinischer abläufe)
- effizienz und
- qualitätsmanagement
sind in einem modernen gesundheitsbetrieb (arztpraxis)unerläßlich.

diese betriebsorganisation setzt, im gegenteil zu der nocht flächendeckend verbreiteten "hängemappenpraxis" enorme zeitkontingente frei.
diese können sinnvoll für die verbesserung der versorgungsqualität (patient) und der lebensqualität (arzt) verwendet werden.

mfg
dr. z. prister
www.prister.de
papierlose arztpraxis
keine termine - keine wartezeiten
effizienz und qualität ist gefragt zum Beitrag »

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