Ärzte Zeitung, 26.11.2012

Der geheime Schatz

Wissensbilanz macht Praxis transparent

Ist eine Praxis für die Übernahme geeignet? Wie kann sich ein Praxisnetz im Wettbewerb noch besser positionieren? Fragen wie diese lassen sich auch über die Erstellung einer Wissensbilanz beantworten.

Von Hauke Gerlof

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Wissen tauschen.

© ISO K° - photography / fotolia.com

In der ökonomischen Analyse oder der strategischen Ausrichtung von Unternehmen, auch von Arztpraxen, spielen häufig in erster Linie quantitative Aspekte eine Rolle.

"Um ein Unternehmen richtig zu verstehen, sind qualitative Faktoren allerdings mindestens ebenso wichtig. Über die Erstellung einer Wissensbilanz ist das möglich", betont Michael Sigloch, Fachreferent für Heilberufe bei MLP.

Das Ergebnis, erläutert Sigloch weiter, lasse sich dann über den sogenannten Zukunftsfähigkeitsindex sogar quantifizierbar machen.

Sigloch beschäftigt sich unter anderem mit modernen Management-Instrumenten wie der Erstellung einer Wissensbilanz und ihrem Einsatz für die Optimierung von Arztpraxen und unterstützt damit eine Pilotgruppe von Beratern.

Thomas Hack, Executive Consultant des Unternehmens in Würzburg, setzt die Wissensbilanz und den Zukunftsfähigkeitsindex zum Beispiel bereits seit mehreren Jahren bei Praxisniederlassungen und Restrukturierungsprojekten zur Sicherung regionaler Versorgung ein.

Dabei werden eben nicht nur die harten Faktoren einer Praxis betrachtet, etwa die Zahl oder die Altersstruktur der Patienten, sondern es wird zum Beispiel über eine Mitarbeiterbefragung auch ausgelotet, welche Wünsche und vor allem welche Fähigkeiten die Mitarbeiter haben.

Auch persönliche Beziehungen können für die Weiterentwicklung einer Praxis von Bedeutung sein - etwa wenn es um die Neupositionierung der Praxis über eine Spezialisierung geht.

"Gerade die Mitarbeitergespräche liefern wichtige, wenn auch manchmal schmerzhafte Erkenntnisse", erläutert Mart Kivikas von der Wissenskapital ZFI/ECI GmbH, der die Wissensbilanz mit entwickelt hat. "Sie zeigen oft mögliche Aktionsfelder oder Beziehungsgeflechte auf."

Vorgehensweise für eine Wissensbilanz

1. Identifikation und Definition der Einflussfaktoren des intellektuellen Kapitals, der Prozesse und der Determinanten des Geschäftserfolges

2. Bewertung der Einflussfaktoren, der Prozesse und des Geschäftserfolges

3. Ermittlung der Wechselwirkungen zwischen den zuvor definierten Größen

Über dieses Vorgehen lässt sich dann auch die Zukunftsfähigkeit einer Praxis evaluieren - was dann wieder zum Beispiel im Gespräch über einen Anschlusskredit von Vorteil sein kann. Oder auch bei der Anbahnung von Kooperationen oder im Gespräch mit potenziellen Investoren.

Sind die MFA gut qualifiziert?

Nützlich sei eine solche Wissensbilanz auch, wenn in der Nachbarschaft eine Praxis in absehbarer Zeit schließe.

"Über die Mitarbeiterbefragung lässt sich ermitteln, inwieweit die MFA an arztunterstützenden Tätigkeiten interessiert sind und ob sie bereits qualifiziert sind", erläutert Sigloch.

Falls Interesse besteht, die Nachbarpraxis zu übernehmen, könne eine Wissensbilanz dort bei der Potenzialanalyse für die Neupositionierung helfen. In Praxisnetzen lasse sich Ähnliches über die Befragung der Mitgliedsärzte erreichen.

"Inwieweit eine solche Wissensbilanz mit einer Befragung der Mitarbeiter auch in kleinen Praxen weiterhilft, ist natürlich fraglich", räumt Sigloch ein.

Er sieht vor allem in komplexeren Gebilden wie einer Berufsausübungsgemeinschaft oder in größeren Praxen - eventuell auch mit angestellten Ärzten - die besten Einsatzmöglichkeiten für die Wissensbilanz und die Erstellung eines Zukunftsfähigkeitsindex. Ebenso in ÜBAG, in Praxisnetzen oder in Krankenhäusern.

Ergänzung zum Praxis-QM

Dabei sieht er dieses Management-Instrument eher als Ergänzung zu einem gängigen QM-System, nicht so sehr als eigenes Qualitätsmanagement.

"Die Kennzahlen aus dem Zukunftsfähigkeitsindex bieten die Möglichkeit, Perspektiven zu entwickeln. Gleichzeitig sorgt der Index dafür, dass man einen umfassenden Blick auf die eigene Organisation und auf dringende Verbesserungen erhält", erläutert Dr. Horst Poimann, Neurochirurg aus Würzburg und als ISO-Auditor in Bayern tätig.

"Die immateriellen Werte, die in einem Unternehmen stecken, gerade in der Gesundheitsbranche, sind eine entscheidende Basis für Erfolg und Arbeitszufriedenheit", betont auch Dr. Frank Reinhardt, CA im Klinikum Erlangen. Über eine Wissensbilanz erlange die Führung eine umfassende Kenntnis über diese Werte.

Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt übrigens die Erstellung von Wissensbilanzen als Management-Instrument in kleinen und mittleren Unternehmen. Im Einzelfall ist zu prüfen, ob Fördermittel möglich sind.

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