Ärzte Zeitung, 22.11.2012

Leitartikel

Rechnen sich die Ärzte wirklich arm?

Wie sollen die Praxiskosten in die Honorare eingehen? Obwohl die Honorarrunde für 2013 längst entschieden ist, sind sich Kassen und KBV da immer noch nicht einig. Sicher ist nur: Die Statistiken beider Seiten sind noch nicht wasserdicht.

Von Rebekka Höhl

Rechnen sich die Ärzte wirklich arm?

So müssen Verhandlungen im Bewertungsausschuss laufen: Die Kassenseite stellt sich auf den Standpunkt, die Ärzte rechnen sich arm. Und die KBV lässt die Stückkostenrechnung der Kassen, die zeigt, dass die Kosten in den Praxen in den vergangenen Jahren nicht etwa gestiegen, sondern gesunken sein sollen, nicht gelten - weil sie sie schlichtweg nicht versteht.

Ausgerechnet auf einer Fachtagung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) in Berlin durfte man einmal Verhandlungsluft schnuppern. Dabei ließen sich beide Seiten in Sachen Statistik genauer in die Karten schauen.

Das Zi legte offen, wie es die Daten in seinem Praxispanel, dem ZiPP, schichtet, gewichtet und standardisiert. Und auch das vom GKV-Spitzenverband beauftragte Prognos-Institut zeigte, mit welchen Praxiskosten es rechnet. Doch wer rechnet denn nun richtig?

Ärztliche Arbeitszeit unter den Tisch gekehrt

Ein großer Nachteil der Prognos-Berechnung ist, dass sie die Arbeitszeit des Arztes in keiner Weise berücksichtigt. Das Verfahren basiert auf der Kostenstrukturerhebung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2007.

Demnach werden als Aufwendungen nur die harten Kostenpositionen aus der Buchführung der Praxen anerkannt - nicht aber ein kalkulatorischer Arztlohn. Mehr noch: Man gehe davon aus, sagte Dr. Ronny Wölbing von der Prognos AG, dass außer den Materialkosten alle anderen Aufwendungen fixe Kosten seien.

Denn: "Wir erkennen nicht, dass ein Arzt, weil er mehr Leistungen erbringt, mehr Räume anmietet oder mehr Personal einstellt." Das mag in gewisser Weise stimmen.

Doch wer mehr Hausbesuche fährt, wird öfter den Praxis-Pkw bedienen, und erweitern sich die Sprechzeiten, steigen zumindest einmal Energie- und Personalkosten. Auch in den fixen Kosten steckt also Bewegung ...

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[22.11.2012, 20:55:10]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Alternativlose "Stückkostenrechnung"?
Dass der Spitzenverband Bund (SpiBu) der GKV-Kassen sich noch traut, mit seinem orientierungslosen und abwegigen PROGNOS-„Modell zur Bestimmung des Orientierungswertes“ in Öffentlichkeit und Gesundheitspolitik hausieren zu gehen, ist mehr als peinlich. http://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/presse/pressekonferenzen_gespraeche/2012_2/120809_prognos_gutachten/PK_20120809_Gutachten_Orientierungswert_Prognos_AG.pdf
Aber dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sich bei einer Zi-Fachtagung kassenseitig eine "Stückkostenrechnung" für Vertragsarztpatienten/-innen aufzwingen lässt, ist eine ganz maue Performance.

Dem PROGNOS-Gutachten liegt keine eigenständige betriebswirtschaftliche Analyse (BWA) zu Grunde. Es handelt sich um eine willkürliche Exegese vorhandener Daten. Medizinbildungsfern fand keine Differenzierung zwischen Vertragsärzten mit sehr hohem Kostenanteil an Personal-, Sachmitteln und Medizintechnik wie Laborärzte, Radiologen, spezialisierte Fachärzte und solchen mit geringeren Kosten statt. Unterschiedliche und längere Arbeitszeiten bzw. Kosten durch Ordination, Rufbereitschaft, Notfall-, Nacht- und Sonntagseinsätze, Hausbesuche bzw. betriebsbedingte Verwaltungsarbeiten wurden erst gar nicht erfasst.

Entlarvend für die fehlende gutachterliche Kreativität der Prognos-Autoren um Dr. Ronny Wölbing ist die immerwährende Verwendung eines fiktiven klinischen Oberarztgehaltes von 105.000 € brutto vor Steuern aus dem Jahr 2007 bei der Einnahmen-Überschuss-Rechnung (EÜR). Dabei wird unterschlagen, dass ein angestellter Arzt o h n e unternehmerisches Risiko handelt; dass Arbeitgeber Gehaltsrisiken für Fort- und Weiterbildung, Qualifizierungsmaßnahmen, Krankheitsausfälle, Haftungsrisiken unterhalb von grober Fahrlässigkeit/Vorsatz und arbeitsmedizinische Schutz- und Fürsorgepflichten tragen. Und hälftig Kranken-, Renten- und Sozialversicherung bzw. 100% Verheirateten- und Kinderzuschläge bezahlen. Das sind etwa 35.000 € Mehrbedarf pro Jahr, die freiberuflich tätige Vertragsärzte/-innen selbst zusätzlich aufbringen müssen.

BWL- und VWL-geprägte Gutachter lieben Zahlen. Zu dumm nur, dass die Veröffentlichung des Deutschen Statistischen Bundesamtes (destatis.de) von 2009 veraltete Investitions- und Kostenstrukturen bei Arztpraxen von 2007 beschreibt. Peinlich, dass bei der ärztlichen Leistungsmengenanforderung von 2008 bis 2011, also in vier Rechnungsjahren, der „unbereinigte Bruttoleistungsbedarf“ nur um 6,4% angestiegen ist. Das sind 1,6 Prozent plus pro Jahr. Die Zahl der Behandlungsfälle hat im gleichen Zeitraum um 4,8%, entsprechend 1,2 Prozent plus pro Jahr zugenommen.

Die im ÄZ-Leitartikel dargestellten Säulendiagramme entlarven die Kassen- und PROGNOS-Demagogie gegen die Vertragsärzteschaft. Sie wollen uns allen Ernstes weis machen, dass eine Senkung der "Entwicklung der Stückkosten je Leistungspunkt" in 4 Jahren 2008-2011 um ganze 0,825% jährlich in der Einzelpraxis und um 1,175%/Jahr in der Gemeinschaftspraxis betriebswirtschaftliche Relevanz hätte. Wobei PROGNOS für den gleichen Zeitraum schlicht allgemeine Endverbraucherdaten aus destatis.de irreführend auf Arztpraxis- spezifische Kosten hochgerechnet hat.

"Stückkostenrechnungen" können nun mal die Praxiskostenrealitäten nicht abbilden, weil wir Ärzte eben keine Autos produzieren, sondern unsere Patienten als lebendige Menschen wahrnehmen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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