Ärzte Zeitung App, 26.11.2013

Neustart nach dem Ruhestand

Mit 82 wieder Hausarzt

Hausarzt Dr. Gottfried Hagitte aus Bischofsheim in der bayerischen Rhön ist zum Nachfolger seines Nachfolgers geworden: Mit 82 Jahren wagt er in seiner früheren Hausarztpraxis den Neustart.

Von Christoph Fuhr

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Halten die Fahne der Hausärzte in Bischofsheim hoch: Dr. Gottfried Hagitte, 83 Jahre (li.) und Kollege Dr. Franz Wehming (62).

© Fuhr

BISCHOFSHEIM/RHÖN. Dass er noch einmal voll in seinen alten Beruf als Hausarzt zurückkehren würde, das hätte sich Dr. Gottfried Hagitte (83) vor 15 Jahren nicht träumen lassen. Im bayerischen Rhönstädtchen Bischofsheim musste er 1998 seine Praxis aufgeben - zwangsweise, weil es das Gesetz so vorschrieb.

Bayerns Landesvater Horst Seehofer, damals Bundesgesundheitsminister, hatte eine strikte Altersgrenze ab 68 Jahren für Vertragsärzte eingeführt. Die Zeichen standen auf Überversorgung, die Alten sollten ihre Plätze räumen und jungen, engagierten Ärzten den Weg frei machen.

Das Bundesverfassungsgericht ließ damals Klagen gegen diese Regelung keine Chance. Ältere Ärzte seien wegen der nachlassenden körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit möglicherweise sogar eine Gefahr für ihre Patienten, hieß es damals - mit Blick auf den Ärztemangel aus heutiger Sicht eine Begründung wie aus einer anderen Welt.

Hagitte stieg aus, die Gemeinschaftspraxis mit zwei Kollegen und seinem Nachfolger lief weiter. Den medizinischen Anschluss verlor der Arzt nie. Jahr für Jahr übernahm er in seiner alten Praxis Urlaubsvertretungen, er bildete sich weiter, hielt sich medizinisch auf dem Laufenden.

Jahre vergingen, dann bekam sein Nachfolger vor einiger Zeit Gesundheitsprobleme und musste schweren Herzens seinen Beruf aufgeben. Ein neuer Hausarzt musste her, die Werbetrommel wurde gerührt, doch es gab weit und breit keine Interessenten.

"Steig wieder ein", baten seine Kollegen, auch in Sorge, der Kassenarztsitz könnte verloren gehen. Die Seehofer-Regelung war längst wieder aufgehoben, und Hagitte sagte zu - auch im Interesse seiner Patienten.

Die Bürokratie funktioniert

Um die Zukunft der Hausarztversorgung in der Region ist es schlecht bestellt. Der Bischofsheimer Hausarzt Dr. Franz Wehming (62), ein langjähriger beruflicher Weggefährte Hagittes, präsentierte vor einigen Wochen bei einer Wahlkampfveranstaltung mit dem CSU-Bundestagsabgeordneten Johannes Singhammer harte Fakten.

Von 55 niedergelassenen Hausärzten des Ärztlichen Kreisverbands Bad Neustadt (Rhön-Grabfeld) sind acht jünger als 50 Jahre, das 60. Lebensjahr vollendet haben 28 Ärzte, vier davon sind bereits älter als 66.

Die rund 35 000 Einwohner der Region "Obere Rhön" werden nach Wehmings Statistiken von 26 niedergelassenen Hausärztinnen und Ärzten bereut. 16 sind bereits heute 60 Jahre und älter, 21 werden in zwei Jahren älter als 60 sein.

Wehming präsentierte viele Detailberechnungen - und die Botschaft war immer dieselbe: Auf absehbare Zeit wird dringend Hausärztenachwuchs für die Region benötigt, aber der ist weit und breit nicht in Sicht.

Also müssen auch in Bischofsheim die Alten ran. Hagitte hat eigentlich eine Halbtagsstelle als Angestellter,, "aber mein halber Tag beginnt oft morgens und endet abends", sagt er lachend. Viele Patienten kennt er seit Jahrzehnten, "meine Arbeit macht mir immer noch Spaß."

Den ließ sich der 83-Jährige auch beim Antrag für seine erneute Zulassung als Kassenarzt nicht verderben. Dabei macht er Erfahrungen wie ein Berufsanfänger, der sich seine ersten Sporen verdienen will.

Mehr als 30 Jahre hatte Hagitte vor seinem Ausstieg bereits als Niedergelassener in der KV Bayerns praktiziert. Alle Daten waren bekannt. Aber ohne die erneute Vorlage seines Lebenslaufs und seiner Abitur- und Staatsexamens-Zeugnisse wäre die Zulassung verweigert worden.

Mag es mit der Qualität der ärztlichen Bedarfsplanung in Deutschland auch noch so bescheiden bestellt sein - die Bürokratie funktioniert.

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