Ärzte Zeitung App, 13.01.2014

Im Stich gelassen

Praxis in der Assistenten-Bredouille

Hausarzt Dr. Nils Akkermann arbeitet seit Jahren in seiner Praxis mit der Unterstützung von Weiterbildungsassistenten. Nun bringt ihn eine kurzfristige Absage in Schwierigkeiten.

Von Dirk Schnack

Praxis in der Assistenten-Bredouille

Dr. Nils Akkermann und sein Team: Ohne Assistenten befürchten sie, nicht alle Patienten wie bislang behandeln zu können.

© Schnack

BAD DOBERAN. 1400 Patienten lassen sich jedes Quartal in der Praxis von Dr. Nils Akkermann im Zentrum von Bad Doberan behandeln. Ohne einen Assistenten ist dieser Andrang nicht zu bewältigen.

Seit 2001 arbeitet er fast ununterbrochen mit Weiterbildungsassistenten, auch die nächsten Jahre bis 2017 waren schon durchgetaktet.

Damit hatten alle Seiten Planungssicherheit: Praxisinhaber, Assistenten und die Patienten, die ohne den ärztlichen Nachwuchs längere Wartezeiten in Kauf nehmen müssen.

Seit Jahresbeginn ist das System ins Wanken gekommen: eine Weiterbildungsassistentin hatte ihren zugesagten Start zunächst um ein halbes Jahr hinausgezögert, den Arzt dann um ein weiteres Quartal vertröstet und schließlich kurzfristig ganz abgesagt.

"Es ist bedauerlich, dass jemand nicht zu seinem Wort steht. Wer so leichtfertig Zusagen zurücknimmt, sollte die Folgen für alle Beteiligten kennen - schließlich wird damit die Patientenversorgung beeinträchtigt", sagt der enttäuschte Praxisinhaber.

Keine selbstverständlichen Rahmenbedingungen

Die ersten sechs Monate konnte Akkermann mit einer Interimslösung überbrücken, seit Jahresbeginn aber arbeitet er als einziger Arzt in seiner Praxis - und sucht händeringend einen Assistenten. "Ich arbeite hier an der Schmerzgrenze, allein ist das nicht zu bewältigen", sagte der seit 1997 niedergelassene Arzt.

Im Durchschnitt hat der Archivbestand seiner Praxis jedes Jahr um rund 1000 Patienten zugenommen. Das war zu schaffen, weil über Mund-zu-Mund-Propaganda immer Weiterbildungsassistenten zur Verfügung standen.

Das liegt auch daran, dass Akkermann neben der Weiterbildungsermächtigung für Allgemeinmedizin (18 Monate) auch eine Ermächtigung für die Weiterbildung in Naturheilverfahren (drei Monate) besitzt. Nicht nur diese seltene Kombination macht die Weiterbildung in seiner Praxis attraktiv.

Akkermann bietet auch Rahmenbedingungen, die nicht überall selbstverständlich sind: Er bezahlt den Assistenten Fortbildungen, Weihnachtsgeld, bezuschusst Erholungsurlaube und beteiligt sie an den Einnahmen aus Behandlungen mit privat zu zahlenden Leistungen.

Die Weiterbildung ist fachlich gesehen offenbar erfolgreich: bislang hat nach Angaben Akkermanns jeder seiner Assistenten seine Prüfungen bestanden.

Weitestgehend selbstständiges Arbeiten

Jeder Assistent arbeitet bei ihm zunächst einen Monat lang ausschließlich an Akkermanns Seite, danach zunehmend selbstständiger. Bei jedem Patienten kommt Akkermann aber zum Abschluss der Behandlung hinzu.

"Bislang waren es immer persönliche Kontakte, die zur Zusammenarbeit geführt haben." Wegen des akuten Bedarfs hat Akkermann viele Kontaktmöglichkeiten ausgeschöpft: Hausärztestammtisch, Akupunktur-Qualitätszirkel, Pharmareferenten, KV-Mitarbeiter, das schwarze Brett an der Uni Rostock, die Standesblätter - bislang vergeblich.

Nun ist er ratlos. Die nächste Assistentin ist erst für 2016 angekündigt. Das Loch durch die kurzfristige Absage erfordert Konsequenzen, die er eigentlich vermeiden möchte. Seine Optionen sind:

Aufnahme-Stopp: "Das will ich unbedingt vermeiden, weil es sich in einer Kleinstadt sofort herumspricht. Folge wäre ein Patientenrückgang, der nur mühsam wieder auszugleichen wäre, wenn ich wieder einen Assistenten habe", sagt Akkermann. Er will auch weiterhin keinen Patienten abweisen.

Kürzere Behandlung: "Ich werde wohl nicht darum herumkommen." Damit muss er allerdings gegen seine eigene Überzeugung arbeiten - das ausführliche Patientengespräch ist für Akkermann eine wichtige Säule der Therapie.

Schnellere Überweisungen: "Ich werde den einen oder anderen Patienten schneller zu einem fachärztlichen Kollegen schicken müssen", steht für Akkermann fest.

Mehr Schulmedizin: Der überzeugte Naturheilmediziner benötigt für sein Spezialgebiet vor allem Zeit. Die steht ihm ohne Assistent weniger zur Verfügung, also wird er - wo möglich - wieder stärker schulmedizinisch behandeln.

Einziger Lichtblick ist für ihn derzeit eine Kollegin, die wegen der Erziehung von vier Kindern ihre Weiterbildung immer wieder unterbrechen musste und schon mehrfach Abschnitte in seiner Praxis absolviert hat.

Zumindest einen Teil der Vakanz könnte sie abdecken. Akkermann weiß, dass sie bei einer positiven Entscheidung zu ihrem Wort stehen würde.

[13.01.2014, 12:09:05]
Dr. Richard Barabasch 
Praxis in Not
Dass es nun soo dicke kommt zeigt indes nur an, dass diese Praxis in ihrem "ganz realen Alltag" fest auf die Anwesenheit einer zweiten ärztlichen Person abgestellt hatte, sozusagen Arbeitsteilung stattfand und deshalb auch die Anzahl an Patienten betreut werden konnte. Ich rate dringend dazu, mit diesen Umstand nicht (mehr) zu argumentieren und das derzeitige Leid dadurch zu begründen, weil ein(e) Fortbildungsassistent(in) eigentlich nicht dazu verwendet werden darf einen tatsächlichen Mangel an "manpower" zu beheben und eine KV eine solche (argumentierte) Tat-Sache in den falschen Hals bekommen könnte. Es bleibt nur der kurze Takt, die frühere Überweisung und die Reduzierung persönliocher Vorlieben in Diagnose und Therapie,
meint
Richard Barabasch
und fügt hinzu: Das Leben kennt keine Strafen, nur Konsequenzen . . . . . zum Beitrag »
[13.01.2014, 07:19:21]
Dr. Christian Schulze 
Generation Y - der normale Alltag
Leider ist diese Unverbindlichkeit immer häufiger anzutreffen. Auf den Punkt gebracht: alles soll maximal flexibel sein und im Zweifel in die Röhre schauen dürfen die anderen, die eigene Flexibilität geht leider gegen null. Sehr schade und noch interessanter hier die Frage, ob ein scheidender Mediziner durch genau einen Y-Nachfolger noch realistisch darstellbar ersetzbar ist... zum Beitrag »

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