Ärzte Zeitung, 22.01.2014

Praxisgründung: Die Einzelpraxis ist noch nicht tot

Für vier von fünf Praxisgründern in den neuen Bundesländern ist die Einzelpraxis die erste Wahl. Aber auch in den alten Bundesländern sterben die Einzelkämpfer noch lange nicht aus. Praxisabgeber profitieren davon aber nur bedingt.

Von Rebekka Höhl

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In der eigenen Praxis: Auch bei jungen Ärzten ist das Interesse an den eigenen Praxisräumen immer noch groß.

© Klaro

DÜSSELDORF. Einzelpraxen sind bei den hausärztlichen Existenzgründungen wieder leicht im Kommen. Immerhin 53,8 Prozent der Nachwuchsärzte, die 2011/12 eine Praxis gründeten, wählten hierfür die Form der Einzelpraxis. Im Berichtszeitraum 2010/11 überwogen mit knapp über 50 Prozent noch die Kooperationen.

Doch Praxisabgeber in Einzelpraxis können deshalb noch lange nicht aufatmen, wie die aktuelle Existenzgründungsanalyse für Hausärzte der Deutschen Apotheker und Ärztebank (apoBank) und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) zeigt.

Zum einen, weil das Plus vor allem aus der zunehmenden Anzahl der Existenzgründungen in Einzelpraxis in den neuen Bundesländern resultiert. Dort legte der Anteil der Einzelpraxen bei den Gründungsformen von 71 auf nahezu 80 Prozent zu.

Aber auch hier zeigt sich, dass davon nicht nur bestehende Praxen profitieren. Der Anteil der tatsächlichen Praxisneugründungen stieg von 14 Prozent in 2010/11 auf 18,6 Prozent in 2011/12.

In den alten Bundesländern dagegen überwogen bei den Praxisgründern die Kooperationen. Nur 47 Prozent - und damit 2,5 Prozent mehr als im Berichtszeitraum davor - stiegen 2011/12 über die Einzelpraxis in die Selbstständigkeit als niedergelassener Hausarzt ein. Drei Fünftel dieses Zuwachses entfielen auf echte Neugründungen.

Woher kommt dieser Unterschied zwischen Ost und West? Generell zeigt die Analyse, wie auch schon in den Jahren zuvor, dass die Kooperationen insgesamt einen festen Platz in der vertragsärztlichen Versorgung einnehmen.

Wenn bundesweit 46,2 Prozent der Existenzgründer den Alleingang als Hausarzt scheuen, dann tun sie dies auch, so die Interpretation der apoBank, weil die Kooperationen eine flexiblere Berufsausübung ermöglichen - das betrifft eine bessere Work-Life-Balance, aber auch Kostenersparnisse und den direkten Austausch mit Kollegen.

Großes Preisgefälle

Trotzdem liegt der Anteil der Kooperationen bei den Gründungsformen in den neuen Bundesländern bei nur 20,2 Prozent, während er in den alten Bundesländern 53 Prozent erreicht. Laut apoBank hat dies strukturelle Ursachen: Da große Teile Ostdeutschlands ländlich geprägt sind, sei die Patientendichte hier in vielen Regionen nicht groß genug, als dass Kooperationen wirtschaftlich attraktiv wären.

Ob Nachwuchsärzte in den alten Bundesländern eine Einzelpraxis neu gründeten oder übernahmen, machte finanziell übrigens kaum einen Unterschied. Für die Übernahme einer Einzelpraxis zahlten sie im Schnitt insgesamt 160.000 Euro. Wobei der Praxisabgeber nur 86.000 Euro erhielt (42.000 Euro für den Substanzwert und 44.000 Euro für den Goodwill).

Rund 39.000 Euro mussten die nachrückenden Hausärzte für Baumaßnahmen, Einrichtung, medizinisch-technische Geräte und ähnliches aufbringen. Zusätzlich benötigten sie einen Betriebsmittelkredit - mit dem das Umlaufvermögen der Praxis vorfinanziert wird - in Höhe von im Schnitt 35.000 Euro.

Gründeten sie eine Praxis neu, kostete sie das insgesamt 154.000 Euro: allein 96.000 Euro für medizinisch-technische Geräte, Einrichtung und Co, 20.000 Euro für Bau- und Umbaumaßnahmen sowie 38.000 Euro für den Betriebsmittelkredit.

Um einiges günstiger war da der Weg in die Selbstständigkeit über die Kooperation. Wer in eine Berufsausübungsgemeinschaft (BAG) eingestiegen ist, also einen frei werdenden Arztsitz in der BAG übernahm, musste insgesamt 135.000 Euro investieren.

Davon erhielt der Arzt, der seinen BAG-Sitz veräußerte 98.000 Euro. Wer als dritter Partner eine bestehende zweier BAG ergänzte, der musste 120.000 Euro aufbringen. Davon 95.000 Euro, um einen Sitz bzw. eine Praxis, die er einbringen kann, zu erwerben.

Höherer Frauenanteil in den neuen Ländern

In den neuen Bundesländern fielen die Investitionsvolumina hingegen um 20 bis 30 Prozent niedriger aus. Wobei die Studie hier nur die Werte für Gründungen in Einzelpraxen ausweist. Demnach musste der Hausarztnachwuchs für eine echte Neugründung 128.000 Euro einplanen - 92.000 Euro als reine Praxisinvestitionen (82.000 Euro allein für Einrichtung, medizinisch-technische Geräte etc.) und 36.000 Euro für den Betriebsmittelkredit.

Drastisch sah 2011/12 die Situation für Praxisabgeber aus: Sie erhielten für eine hausärztliche Einzelpraxis im Schnitt 54.000 Euro - 27.000 Euro für den Substanzwert und noch einmal 27.000 Euro für den Goodwill.

Insgesamt mussten Gründer für die Übernahme einer Einzelpraxis 117.000 Euro einplanen, davon 86.000 Euro für die reine Praxisfinanzierung und 31.000 Euro für den Betriebsmittelkredit.

"Die Konkurrenzsituation ist in den neuen Bundesländern weniger stark ausgeprägt, was deutlich geringere Übernahmepreise nach sich zieht", erklärt Georg Heßbrügge, Bereichsleiter Gesundheitsmärkte und -politik bei der apoBank.

Bei der Standortwahl haben die Städte nach wie vor im Wettbewerb um den Hausarztnachwuchs die Nase vorn: Der Anteil der Großstadtpraxen lag im Westen bei 40,2 Prozent, im Osten bei 32,6 Prozent. 51,2 Prozent der Existenzgründer im Westen und 49,6 Prozent im Osten zog es in eine Klein- oder Mittelstadt.

17,8 Prozent der Praxen im Osten, aber nur 8,6 Prozent der Praxen im Westen wurden auf dem Land gegründet.Das Durchschnittsalter der Existenzgründer lag 2011/2012 bei 42 Jahren. Interessant ist, dass immer mehr Frauen den Weg in die Hausarztpraxen suchen: Der Frauenanteil unter den Gründern belief sich auf 51,7 Prozent.

Dabei lag er in den neuen Bundesländern sogar bei 57,6 Prozent, in den alten hingegen nur bei 50,2 Prozent. Datenbasis der Existenzgründeranalyse 2012 sind übrigens die von der apoBank durchgeführten und auswertbaren Finanzierungen ärztlicher Existenzgründungen in den Jahren 2011 und 2012.

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