Ärzte Zeitung, 26.02.2015

Arbeiten im Ausland

Österreich zieht deutsche Ärzte an

Deutsche Ärzte arbeiten gerne in Österreich - aus diversen Gründen. Ein Blick über die Grenze und zurück.

Von Peter Bernthaler

Österreich zieht deutsche Ärzte an

Traumstadt auch für manchen deutschen Arzt: Österreichs Hauptstadt Wien mit dem Stephansdom.

© A. Karnholz / Fotolia.com

WIEN. Abwanderung von Ärzten aus Deutschland ist für die Deutsche Bundesärztekammer (BÄK) durchaus ein Thema von Stellenwert. Immer weniger Ärzte seien bereit, sich als Vertragsarzt, vor allem in ländlichen Gebieten, niederzulassen, heißt es bei der BÄK.

Die Folge: Haus- und Fachärzte-Mangel in vielen Regionen. Aber auch in den Krankenhäusern sind viele Arztstellen vakant - ebenso wie im Nachbarland Österreich.

Als Gründe sieht die BÄK unter anderen: Budgetierung, zunehmende Bürokratisierung und eine schwache Infrastruktur auf dem Land.

Viele Ärzte empfinden die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern zudem zum Teil als unzumutbar, die Bezahlung als ungerecht. Häufig sähen sich deutsche Ärzte mit einer Unvereinbarkeit von Beruf und Familie konfrontiert.

Dazu komme in Praxis und Klinik ein Übermaß an bürokratischen und administrativen Aufgaben, wozu die BÄK meint: "Das wirkt abschreckend."

Viele Gründe führen ins Ausland

Ausländische Ärzte in Österreich

Gesamtzahl: 3056 Ärzte mit ausländischer Staatsbürgerschaft waren im August 2014 in Österreich tätig.

Ärzte aus Deutschland: 1594 der ausländischen Ärzte kamen aus Deutschland.

Weitere Herkunftsländer: Ungarn (282), Italien (235), Slowakei (153), Südtirol (115), Tschechien (85) etc.

Quelle: Statistik Österreichische Ärztekammer

Gründe gibt es viele, die deutsche Ärzte dazu bringen, ins Ausland abzuwandern - und nicht immer sind es schlechte Arbeitsbedingungen in Deutschland.

Auch wenn man in Österreich gewohnt ist, das Thema Ärzte-Migration eher von Österreich nach Deutschland zu betrachten - Stichwort: bessere Bezahlung, Qualität in der Facharzt-Ausbildung, Wartezeiten etc. -, nimmt man auch in der Alpenrepublik zur Kenntnis, dass der Austausch tatsächlich in beiden Richtungen funktioniert.

Zur Lage in Deutschland: Nach verfügbarer Statistik sind im Jahr 2013 rund 3040 ursprünglich in Deutschland tätige Ärzte ins Ausland gegangen, womit die Abwanderung wieder gestiegen ist und etwa auf dem Niveau von 2008 liegt, verlautet von der Bundesärztekammer in Berlin.

Zu den beliebtesten Auswanderungsländern zähle - wie in den vergangenen Jahren - Österreich mit 289 dorthin abgewanderten Ärzten, so die BÄK.

Aus Berlin nach Wien

Was motiviert deutsche Ärzte, sich in Österreich niederzulassen? Dr. Martin Dellas, Facharzt für Chirurgie, der aus Deutschland stammt und seit Jahren in Wien lebt und arbeitet, hat bereits ab 1996 in Österreich den 2. und 3. Abschnitt des Studiums absolviert.

 Insbesondere das liberalere österreichische Prüfungssystem zog Dellas dem Multiple-Choice-System in Deutschland vor.

Dellas: "Das ärztliche Studium ist ein allgemeinbildendes Studium, es ermöglicht vielfältige Berufschancen." Der soziale Aspekt, den Menschen zu helfen, war bei ihm "von Haus aus gegeben".

Die Mutter war als leitende Krankenschwester der gynäkologischen Ambulanz an der Charité in Berlin tätig, der Vater als leitender Oberarzt mit Professur und Lehrauftrag an der Gynäkologie der Charité in Berlin.

Gefragt nach den Gründen, warum er in Österreich bleibe, meint Dellas: "Familiäre Gründe, die hohe Lebensqualität in Wien und Umgebung inklusive des kulturellen Angebots und die günstige geografische Lage.

Wirtschafliche Gründe spielen keine Rolle, da die Verdienstmöglichkeiten in Deutschland bei gleichwertiger Position in der Regel höher sind als in Österreich." Auch die "in Österreich liberalen Regelungen bei zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten" spricht Dellas an.

Und er sieht sich ganz klar auch als österreichischer Arzt in Pension gehen.

"Hochbürokratisches System"

Zahnmediziner Dr. Zsolt Fischer ist im Jahr 2001 nach Erfahrungen in einer Gemeinschaftspraxis in Köln als Zahnarzt nach Wien gegangen: "Ein Teil der Entscheidung war, dem hochbürokratischen deutschen System zu entkommen.

Klarer Vorteil für Österreich ist: Hierzulande hat man noch ein echtes Patient-Arzt-Verhältnis, das die Kassen entscheidend weniger stören."

In Deutschland, so Fischer, könne von einer Drei- bis Vierecksbeziehung gesprochen werden, "wenn man bedenkt, dass zum Beispiel im zahnmedizinischen Bereich ab einer Zahnkrone aufwärts Gutachterpflicht besteht.

Möchten Sie vier Kronen von Ihrem Zahnarzt bekommen, muss der von der Kasse bestellte Gutachter die Richtigkeit des Antrages und die Notwendigkeit überprüfen, ehe mit der Arbeit begonnen werden kann."

Damit würde die Therapieempfehlung des Arztes sofort hinterfragt, zusätzlich herrsche im Privatversicherungsbereich ein Papierkrieg.

Es gebe ja sogar Unternehmen, die fertige Argumentations- und Begründungskataloge für verschiedene Therapien als Dienstleistung an Ärzte anbieten.

Fischer sieht die Arbeitsbedingungen für Ärzte in Deutschland auch unter dem Aspekt, dass die Patienten durch die Kassen sensibilisiert seien.

"Der Arzt steht unter Bereicherungsverdacht und muss sich für alle seine Aussagen und Therapien rechtfertigen, einmal dem Patienten und einmal dem Kostenträger gegenüber."

Ungeliebte Budgetierung

Ein weiteres Thema im gesetzlichen Bereich sei die Budgetierung. Wenn der Topf im Monat erschöpft sei, arbeite der Arzt entweder umsonst oder man schließe die Praxis für den Rest des Monats.

Es gebe außerdem den Honorarverteilungsmaßstab (HVM), bei dem Durchschnittstatistiken über jedes Behandlungskürzel geführt würden.

Fischer, seit 2001 in Wien, davor ab 1990 Zahnmedizinstudium und später zahnärztliche Tätigkeit in Deutschland, meint: "Zu meiner Zeit war es so, wer mehr als 110 Prozent über dem Durchschnitt lag, dem wurde das Honorar im Nachhinein gekürzt."

Zusammengefasst die gravierendsten System-Unterschiede aus Sicht Fischers: Eine in Österreich einfache Abrechnung, der behandelnde Arzt entscheide mit dem Patienten zusammen über eine Therapie. Daraus ergebe sich ein weniger gestörtes Vertrauensverhältnis.

Und die Lage in Deutschland? Welche Auswirkungen drohen durch den Fortgang deutscher Ärzte? Die Lücken in der medizinischen Versorgung würden vielerorts von ausländischen Ärzten geschlossen, so die BÄK.

Stark steigende Zahlen

Im Jahr 2013 ist die Zahl der in Deutschland gemeldeten ausländischen Ärzte um 3345 (10,3 Prozent) gestiegen, davon 2445 Ärzte aus den europäischen Staaten, insbesondere aus der EU mit 2134 (198 Ärzte aus Österreich).

Insgesamt arbeiten jetzt 35.893 ausländische Ärzte in Deutschland.

"Manche Klinik hierzulande müsste Stationen schließen, wenn es diese Ärzte nicht gäbe. Allerdings können die ausländischen Ärzte das Problem Ärztemangel auf Dauer in Deutschland nicht lösen", so die Einschätzung der BÄK.

Gleiches könnte sicherlich auch die zuständige Kammer in Österreich sagen - mit Blick auf die deutschen Ärzte.

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