Ärzte Zeitung, 05.02.2016

Abenteuer Freiberuflichkeit

Pioniergeist erleichtert Niederlassung

Frank Moosig und Julia Holle wollen vom Trend der ambulanten Versorgung von Rheumapatienten profitieren - und zwar als Praxischefs. Die Praxis kann bald an den Start gehen.

Von Dirk Schnack

Pioniergeist erleichtert Niederlassung

Professor Frank Moosig und Privatdozentin Julia Holle in ihrer noch nicht ganz fertigen Praxis: Die beiden Rheumatologen freuen sich darauf, in der Niederlassung ihr eigener Chef zu sein.

© Dirk Schnack

NEUMÜNSTER. Noch deutet wenig auf die in Kürze beginnende Sprechstunde hin. Handwerker geben sich die Klinke in die Hand, Kabel werden verlegt, Wände frisch verputzt, Möbel getragen. In einem späteren Sprechzimmer setzen Privatdozentin Julia Holle und Professor Frank Moosig ein Regal zusammen.

Sie überwachen nicht nur die Arbeiten in ihrer neuen Praxis, sie packen an. Das "Abenteuer Niederlassung" erfordert es nun mal, dass auch ein Professor und eine Privatdozentin selbst den Schraubenzieher in die Hand nehmen.

Sie greifen nicht nur den Handwerkern unter die Arme, sondern kümmern sich auch um zahlreiche weitere Aufgaben, zu denen sie in der Klinik keinen Zugang hatten: Über ein Logo entscheiden, Homepage gestalten, Sprechstundenzeiten bestimmen, Finanzpläne aufstellen - all das gehört zum Start einer Niederlassung dazu und macht nach ihrer Ansicht auch den Reiz aus.

Freiberuflichkeit als Familientradition

"Wir freuen uns darauf, unser eigener Chef sein zu können", sagt Moosig. Zusammen mit Holle war er bis Jahresende in leitender Stellung im Klinikum Bad Bramstedt tätig.

In wenigen Tagen eröffnen sie das Rheumazentrum Schleswig-Holstein Mitte in Neumünster und entlasten damit die wenigen niedergelassenen internistischen Rheumatologen im Norden.

Hier müssen sie jede Entscheidung selbst treffen. "In der Klinik ist es nicht mal möglich, einen einfachen Satz auf der Homepage zu ändern, ohne dass mehrere Instanzen das absegnen", so Holle.

Sie stammt aus einer Arztfamilie, in der auch die beiden vorangegangenen Generationen niedergelassen waren. "Das wurde nie schlecht geredet, sondern immer positiv erlebt", berichtet sie.

Nun wagt sie mit 41 Jahren selbst diesen Schritt, weil sie und der 46-jährige Moosig sich aus Klinikzeiten kennen und schätzen. "Einen besseren Praxispartner können wir uns nicht vorstellen", sagen beide.

Zulassung über Sonderbedarf

Auch die meisten ihres fünfköpfigen künftigen Personals kennen sie aus der Klinik, in der massive Umstrukturierungen vorgenommen werden. Über die Zukunftsfähigkeit von Rheuma-Fachkliniken lässt sich nach ihrer Ansicht lange diskutieren.

Fest steht für sie aber, dass der Trend in ihrem Fachgebiet zur ambulanten Versorgung geht. Dort herrscht großer Bedarf. Beide Ärzte sind wegen der angespannten Situation in der ambulanten Versorgung von Rheumakranken unbefristet über Sonderbedarf zugelassen worden.

Sie mussten also keinen Kassenarztsitz übernehmen. Ohne finanzielles Risiko ist die Niederlassung aber nicht. Die Praxisausstattung inklusive eigenem Labor und eigener Infusionsambulanz erforderte Investitionen von insgesamt 400.000 Euro.

Es wäre auch mit geringeren Mitteln gegangen, räumen die beiden ein, sind sich aber einig: "Wir haben einen gewissen Qualitätsanspruch - auch an unsere technische Ausstattung." Außerdem sind sie optimistisch, dass ihr Angebot gut angenommen wird.

Sie selbst haben gute Kontakte zu Selbsthilfegruppen und decken das komplette Spektrum der entzündlich rheumatischen Erkrankungen ab. Schon 14 Tage vor Praxiseröffnung waren auf ihrer Homepage rund 100 Patiententermine vergeben.

Moosig und Holle wollen ihr neues Angebot zunächst unter den Kollegen in Neumünster bekannt machen. Besuche beim Praxisnetz, im Qualitätszirkel und bei einzelnen Kollegen gehören dazu.

Zugleich erwarten die beiden, dass wegen ihres Schwerpunkts auch Patienten aus weiter entfernten Regionen den Weg in die Mitte von Schleswig-Holstein finden werden.

Den Praxis-Standort haben sie deshalb ganz gezielt direkt neben dem Bahnhof in einem gut frequentierten Ärzte- und Gesundheitshaus ausgesucht.

Option auf Arztanstellung

Konkurrenzgedanken unter den übrigen niedergelassenen internistischen Rheumatologen haben sie nicht wahrgenommen.

"Wir haben das Gefühl, dass unsere Niederlassung willkommen ist. Alle haben volle Sprechstunden, und wir tragen zur Entlastung bei", sagt Moosig.

Vor ihren Entscheidungen haben sich die beiden Ärzte ausgiebig beraten lassen. Wichtigste Berater waren für sie die KV Schleswig-Holstein und ihr Steuerberater, der zugleich Jurist ist.

Moosig und Holle wollen nun abwarten, ob ihre Erwartungen zutreffen. Werden sie mittelfristig sogar übertroffen, können sich die beiden auch Anstellungen von Kollegen vorstellen - die damit zusammenhängende Verantwortung scheuen sie nicht.

[07.02.2016, 17:14:09]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Hat das denn die Feuerwehr genehmigt?
Viel Glück! zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Personal-Notstand auf deutschen Intensivstationen

Auf deutschen Intensivstationen fehlen mehr als 3000 Spezialpflegekräfte. Die Krankenhäuser wollen reagieren. Das Personal denkt über einen Großstreik nach. mehr »

HIV-Impfung generiert Immunantwort

Eine Impfung gegen HIV ist in frühen klinischen Studien. Erste Ergebnisse sind positiv. mehr »

Warum die Putzhilfe glücklich macht

Putzen, Wäsche waschen, Kochen: Viele Menschen empfinden all das als nervige Pflichten. Wer Geld hat, kann andere für sich arbeiten lassen - und fühlt sich dann zufriedener. Das haben Forscher herausgefunden. mehr »