Ärzte Zeitung, 13.04.2016

"Ärzte Zeitungs"-Leser verärgert

Nettostundensatz von 32 Euro?

Die aktuellen Daten aus dem Zi-Praxispanel zur wirtschaftlichen Lage der Vertragsarztpraxen rufen bei vielen Lesern der "Ärzte Zeitung" Unmut hervor. Wie genau sind die Daten, mit denen da gerechnet wird?

Von Rebekka Höhl

Nettostundensatz von 32 Euro?

Was bleibt Ärzten wirklich netto übrig?

© Gajus / iStock.com

NEU-ISENBURG. Von den durchschnittlich 288.100 Euro Gesamteinnahmen, die ein Praxisinhaber (GKV-, Privat-, BG- und sonstige Leistungen) im Jahr 2013 erwirtschaftet hat, blieb ihm im Schnitt ein Jahresüberschuss von 145.400 Euro.

Das ist beim Jahresüberschuss im Vergleich zum Jahr 2010 zwar ein Plus von 4,4 Prozent, doch im gleichen Zeitraum wuchsen die Aufwendungen im Schnitt um 7,7 Prozent auf 142.700 Euro an.

Nahezu die Hälfte der Praxiseinnahmen wurde also durch die Kosten aufgezerrt - so das Ergebnis des gerade veröffentlichten Zi-Praxispanel-Berichts 2014 - kurz ZiPP-Bericht.

Größter Ausgabenblock ist wie zu erwarten mit 49,9 Prozent das Personal. Der Facharzt für Allgemeinmedizin, Dr. Thomas G. Schätzler, stellt in seinem Online-Leserkommentar daher folgende Faustregel für die Praxen auf: Wenn durchschnittlich 50 Prozent der Praxis-Ausgaben 50 Prozent Einnahmen-Überschuss ermöglichen (Radiologen und Labormediziner ausgenommen!) müsse jedes einzelne Prozent Kostensteigerung mit zwei Prozent Umsatzsteigerung beantwortet werden, um den Einnahmen-Überschuss auch nur gleich zu halten.

Das vom Zi errechnete Wachstum beim Jahresüberschuss sei dabei das Resultat "erheblicher Mehrarbeit". "Denn der EBM-Punktwertanstieg war in diesem Zeitraum kaum messbar und die GOÄ-Bewertung ist seit 19 Jahren überhaupt nicht mehr angestiegen", schreibt Schätzler. "Das verschweigt allerdings das ZiPP."

Fischer: Unattraktive Niederlassung

Dr. Robert Siebel echauffiert sich: "Bei einem RLV- und QZV-Scheinschnitt von ca. 30 Euro in der konservativen Orthopädie in Nordrhein behandelt man dann als Einzelkämpfer 3200 Patienten im Quartal!" - Allerdings geht er in seiner Rechnung davon aus, dass es sich nur um GKV-Jahreseinnahmen handelt.

Wie weit entfernt einzelne Praxen von den Durchschnittswerten der Statistiker mitunter liegen, zeigt auch der Leserkommentar von Dr. Matthias Peisler: "Ein Zi kann nicht realistisch rechnen: Von 100.000 Euro pro Jahr bleiben für den Antichristen (ohne Kirchensteuer) keine 40.000 Euro! ... Wie unglaubwürdig erscheinen die Zi-Übersichtszahlen, wenn allein meine Berufsgruppe (Pädiatrie) anhand Steuerberater-Tabellen im Verlauf der Jahre (stabil) um über 20 Prozent abweicht?" Laut Peisler bleiben einem Praxisinhaber 3333,33 bis 6666,66 Euro (für "gutgerechnete" Ärzte) pro Monat "als Kleinunternehmer mit Verantwortung für Personal und ihm anvertrauten Menschen mit Sorgen und Nöten".

Insgesamt belegten die Einnahmen-Überschuss-Daten aus dem Praxispanel, "dass die Basisversorgung bzw. Arztzeit/Gespräch/Zuwendung gegenüber der Technikanwendung dramatisch schlecht bezahlt wird", moniert Dr. Uwe Wolfgang Popert.

"Wenn man dann noch auf eine übliche Wochenarbeitszeit runterrechnet" und berücksichtige, dass Freiberufler Rücklagen bilden müssen, zeige sich, "wie unattraktiv die Niederlassung ist", so Dr. Henning Fischer.

[14.04.2016, 10:25:54]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
ZiPP des Zi revisited: "Und wenn das nicht die Wahrheit ist, dann ist es halt gelogen"?
Ich habe mir noch einmal die Mühe gemacht, die durchschnittlichen Jahresüberschüsse der angeblich "24 Fachgruppen im Vergleich" erneut zu analysieren.

Dabei stellt sich heraus, dass es in Wahrheit 25 Fachgruppen sind, die das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) mit Datenbezug auf das Jahr 2013 in seinem ZiPP zusammengefasst hat.
Quelle: Zi-Praxis-Panel 2014 Daten Erstellt mit Datawrapper
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/praxismanagement/praxisfuehrung/article/908739/24-fachgruppen-vergleich-verdienten-niedergelassene-aerzte.html

Zieht man sämtliche Jahresüberschüsse der unterschiedlich Haus-, Facharzt- und Psychotherapeuten-Gruppen zusammen und bildet aus diesen 25 Einzelangaben das arithmetische Mittel, kommt man auf einen durchschnittlichen Jahresüberschuss von 166.044 €. Die Laborärzte wurden vorsichtshalber ganz außen vor gelassen, um die Statistik der Einnahmen-Ausgaben-Überschuss Berechnungen nicht total nach oben zu verzerren.

Damit lägen allerdings die Arztgruppen Anästhesiologie, HNO-Heilkunde, Chirurgie, Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gynäkologie, Neurologie, Hausärzte, Psychiatrie, Physikalische und rehabilitative Medizin, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychotherapie mehr oder weniger deutlich u n t e r h a l b meines arithmetisch errechneten Durchschnitts aller Fachgruppen von 166.044 € als durchschnittlichen Jahresüberschuss in 2013.

Um dabei entstehende "Neidgefühle" zu vermeiden, griff das Zi mit seinem ZiPP zu dem statistischen Kunstgriff des "gewichteten Mittelwertes" bzw. des Medianwertes. Da nicht alle Fachgruppen, anhand der Arzt- und Niederlassungszahlen leicht erkennbar, zahlenmäßig gleich stark vertreten sind, musste der "gewichtete" Durchschnittswert der Jahresüberschüsse zwangsläufig auf 145.400 € per annum 2013 s i n k e n.

Damit kann man zumindest behaupten, dass es nur noch den Fachgruppen Psychiatrie, Physikalische und rehabilitative Medizin, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychotherapie s c h l e c h t e r als dem medianen Durchschnitt geht, wogegen ab den Hausärzten aufwärts bis zu den Radiologen sich alle mit einer vermeintlichen B e s s e rstellung trösten können.

Ich persönlich glaube aber, dass diese ZiPP-Berechnung des Zi nicht nur mich rat- und sprachlos lässt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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