Ärzte Zeitung, 24.03.2014

Reanimation

Spezialzentren für CPR-Patienten gefordert

Spezielle Zentren, mehr Evidenz und "Coolness": Mit zehn Thesen wollen Experten aus Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallrettung 10.000 Patientenleben pro Jahr zusätzlich retten.

Spezialzentren für CPR-Patienten gefordert

Geprüfte Qualität: Das wünschen sich Experten auch bei der Behandlung von Postreanimationspatienten.

© MH / fotolia.com

WIESBADEN. Spezialisierte Krankenhäuser sollen die Versorgung von Patienten nach einer kardiopulmonalen Reanimation verbessern. Diese Forderung ist eine von zehn Thesen zur Wiederbelebung, die am Donnerstag beim 5. Interdisziplinären Notfallmedizinkongress DINK in Wiesbaden vorgestellt wurden.

Entstanden sind die "10 Thesen für 10.000 Leben" bei den "Bad Boller Reanimationsgesprächen" Mitte Januar im baden-württembergischen Bad Boll. Die 52 Experten aus Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallrettung wollen damit mehr Menschen nach einem Herzstillstand retten.

Deutschlandweit gibt es jedes Jahr rund 50.000 präklinische Reanimationen, von denen geschätzt jedoch nur jeder zehnte Patient das Krankenhaus wieder lebend verlässt. Fachkreise schätzen, dass von den insgesamt rund 75.000 jährlichen Reanimationen (inklusive innerklinischer Maßnahmen) nur gut 5000 Patienten überleben.

Getragen wird die Initiative von der Fachgesellschaft und dem Berufsverband der Anästhesisten und Intensivmediziner, DGAI und BDA, sowie dem Deutschen Rat für Wiederbelebung GRC und dem Deutschen Reanimationsregister.

Von den sogenannten Cardiac-Arrest-Centern erhoffen sich die Fachleute eine bessere Nachsorge reanimierter Patienten. Die Auswahl der behandelnden Klinik habe eine Auswirkung um den Faktor 5 auf das Überleben dieser Patienten, sagte Privatdozent Jan-Thorsten Gräsner vom Uniklinikum in Kiel.

Tatsächlich zeigt etwa eine Studie von Gräsner und Kollegen aus Dortmund, dass Patienten eine dreifach höhere Chance für einen guten neurologischen Outcome - gemessen an der zerebralen Leistungsfähigkeit (CPC) - haben, wenn sie in Kliniken mit der Option für eine perkutane Koronarintervention (PCI) eingeliefert werden (Crit Care 2012; 16(5): R164).

Der Effekt war in der Studie sogar unabhängig davon, ob die Patienten letztlich eine PCI oder eine therapeutische Hypothermie erhalten hatten.

Die Thesenautoren begreifen die Kardioplegie zudem als eigenständiges Krankheitsbild und die Nachsorge als "Versorgungspunkt", indem alle beteiligten Fachdisziplinen zusammenwirken müssten. Hierfür brauche es evidenzbasierte Standards. Das deutsche Reanimationsregister biete dafür "eine gute Grundlage", sagte Gräsner. "Es ist notwendig, dass wir mehr Forschung betreiben." Dazu gehöre auch, "unangenehme Fragen" zu stellen.

In den weiteren Thesen fordern die Experten unter anderem eine bessere Reanimationsqualität durch zertifizierte Trainings sowie die flächendeckende Telefonreanimation durch die Rettungsleitstellen. Schätzungen zufolge bieten nur etwa 30 bis 40 Prozent der rund 250 integrierten Leitstellen in Deutschland eine telefonische Anleitung der Ersthelfer zur kardiopulmonalen Reanimation an.

Zudem erachten die Autoren die Reanimation als "cool" - für Laien müsse sie selbstverständlich werden. Dazu gehöre auch, dass alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten zur Wiederbelebung animiert würden. Außerdem müsse sie bereits im Schulalter trainiert werden, was bereits einzelne regionale Projekte vormachen.

Gefordert wird in einer weiteren These, dass sämtliche Reanimationen künftig in das Reanimationsregister gemeldet werden. Nur so lasse sich sauber messen, wo Verbesserungen nötig seien. Schließlich brauche es auch ein Qualitätsmanagement, das alle Teilschritte der Reanimation umfasse.

Zuguterletzt betrachten die 52 Experten den Kampf gegen die "erfolglose Wiederbelebung" als "gesamtgesellschaftliche und hoheitliche Aufgabe". Die Autoren erinnern damit an die Kampagnen zur Reduktion der Todesopfer im Straßenverkehr.

Als in den 1970er Jahren die Rekordmarke von 20.000 Todesopfern per annum erreicht wurde, machte es die Politik zu eben jener "gesamtgesellschaftlichen und hoheitlichen Aufgabe", diese Zahl zu reduzieren. Mit Erfolg: Bis 2013 ist die Opferzahl auf rund 3340 gesunken.

Daran wollen die Thesenautoren anknüpfen.Anästhesist Gräsner appellierte an die Kongressteilnehmer beim DINK, die zehn Thesen rasch mit Leben zu füllen. "Sie helfen nur dann, wenn alle die Thesen mit nach Hause nehmen und darüber nachdenken, was man vor Ort optimieren kann", sagte er. (nös)

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