Ärzte Zeitung, 27.06.2014

Qualitätssicherung

Großer Aufwand, geringe Beute

In der Qualitätssicherung mangelt es nicht an Daten, wohl aber an einer überzeugenden Praxis.

BERLIN. Insgesamt 19.440 rechnerische Auffälligkeiten hat das AQUA-Institut, das für die externe Qualitätssicherung in Kliniken zuständig ist, in seinem aktuellen Bericht zum strukturierten Dialog 2012 in Kliniken registriert.

"Nur fünf Prozent waren davon klinisch auffällig; etwa 450 Begehungen in stationären Einrichtungen folgten", sagte Professor Hans-Konrad Selbmann. Der Versorgungsforscher und Epidemiologie von der Universität Tübingen präsentierte die Zahlen zum Auftakt der Diskussion um den Stand der Qualitäts- und Leitlinienentwicklung in Deutschland.

Selbmann, einer der führenden Experten auf dem Gebiet, bestätigte: Qualität ist ungemein schwer zu messen und die Ausbeute an harten Fakten zuweilen gering. Und mitunter klaffen Theorie und Praxis auseinander: Eckardt Böhle vom Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK).

verwies auf Zahlen zur Behandlung bei akuten Wirbelsäulenbeschwerden. Etwa jedem zweiten Patienten werde eine Bewegungstherapie verordnet, obwohl diese Therapie gar nicht in den entsprechenden Leitlinien empfohlen wird.

Liegt das Problem also in der Praxis? Oder braucht es ein weiteres Institut, das Routinedaten aufbereitet? Schließlich sammeln unterschiedliche Akteure bereits Qualitätsdaten zum stationären Sektor. Zum Beispiel die Bertelsmann-Stiftung mit der Weißen Liste, oder auch das Krankenhausunternehmen mit dem Web-Portal Qualitätskliniken.

"Ja", sagte Rudolf Henke, Arzt, Bundesabgeordneter und Vorsitzender des Marburger Bundes: "Denn bislang kommen die Anbieter zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen für ein und diesselbe Klinik."

Er verspricht sich eine eindeutige Orientierung vom künftigen Qualitätsinstitut, das die Bundesregierung neu gründen will. Ziel ist es, anhand von sektorenübergreifend gesammelter Routinedaten Vergleichslisten für Kliniken zu erstellen.

Patienten werden so die Informationen erhalten, mit denen sie auch etwas anfangen können, erwartete auch Dr. Regina Klakow-Franck vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA): "Das Institut soll einen Goldstandard für Kliniken entwickeln und ähnlich hoch angesehen sein wie Stiftung Warentest."

Experte Selbmann hält dagegen: "Die Vielfalt an Verfahren sollte erhalten bleiben." Er plädiert dafür, weniger in weitere Indikatoren zu investieren, sondern vielmehr in Vertrauen und vertrauensbildende Maßnahmen.

Eine gute Lösung sei das so genannte Peer-Review-Verfahren der Bundesärztekammer. Es misst die Qualität und fokussiert zugleich auf den kollegialen Austausch. (wer)

[07.07.2014, 20:50:15]
Christian Fritsch 
Auditorensicht zur Frage des Verständnisses von Qualität
Ob ein weiteres Qualitätsinstitut wirklich die Qualität der Patientenversorgung verbessern kann, ist unter Umständen die falsche Fragestellung.
Ein weiteres Institut kann natürlich weitere Daten sammeln, auswerten und bereitstellen, doch es sei die Frage gestattet: "Wer hat aktuell noch einen Überblick über alle bereits geschaffenen Qualitätsinstitute?" Denn um die Ergebnisse in "echte Qualität" in der Praxis umzusetzen müssen die Betroffenen erst einmal einen Zugriff auf die Daten erhalten. Dieses ist auf Grund der Fülle an neuen Instituten jedoch kaum noch realisierbar.
Es werden überall mit hohem Kostenaufwand Daten gesammelt und zu den tollsten Auswertungen zusammengestellt, doch die Qualität lässt sich nicht alleine durch Statistiken verbessern. Hierzu bedarf es jeden einzelnen Mitarbeiters im Gesundheitswesen.
Wenn man sich einmal die "klassische" Definition von Qualität in Erinnerung bringt: "Qualität ist der Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale Anforderungen erfüllt", ist es nur noch eine Frage der Sichtweise in wie weit Qualität in der täglichen Praxis erlebt wird.
Aus der Sicht der Kostenträger ist es sicherlich die Effizienz (es wird an dieser Stelle mal auf die Definition verzichtet), mit der Patienten behandelt werden.
Die Sicht der Patienten ist hier aber wohl eher gegensätzlich. Patienten möchten sich bei dem Arzt ihres Vertrauens gut betreut und verstanden wissen. Dazu gehört neben der rein körperlichen Untersuchung auch die Freundlichkeit der Mitarbeiter in der Praxis und das Gefühl, dass ihm zugehört wird. Natürlich müssen auch die Randbedingungen wie Hygiene, etc. erfüllt sein.
Um zurück zur Qualität zu kommen: Die Optimierung aus Statistiken ist natürlich nötig, jedoch scheint es immer mehr nur um Institute und weitere Statistiken zu gehen, anstatt einmal die Patienten direkt zu befragen. Natürlich nicht: "Wie zufrieden sind sie mit der Praxishygiene?" Denn das kann ein Laie wohl kaum beurteilen, vielmehr einmal die Frage: "Fühlen sie sich gut beraten und hat die Behandlung ihre Beschwerden verbessert?".
Dann kommt von der vielen Qualität künftig vielleicht auch wieder etwas mehr bei den Patienten an, und es steigt der Grad, in dem die Anforderungen der Patienten durch inhärente Merkmale erfüllt werden. zum Beitrag »

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