Ärzte Zeitung online, 16.09.2008

Behinderten Sohn mit Medikamenten getötet - Mutter freigesprochen

BERLIN (dpa). Er war ihr "Ein und Alles" und doch schnitt sie ihm die Pulsadern auf. Eine Mutter, die ihren schwerstbehinderten Sohn umgebracht hat, ist am Montag vom Berliner Landgericht freigesprochen worden.

Das Gericht kam zu dem Schluss, dass die 61-Jährige aufgrund schwerer Depressionen schuldunfähig war. Sie hatte versucht, sich das Leben zu nehmen. Zuvor tötete sie ihren von Geburt an behinderten Sohn. Der 26-Jährige sollte nicht ohne sie zurück bleiben. Das Gericht verwarf mit dem Urteil den Vorwurf des Totschlags.

Die Mutter sah keinen Ausweg mehr

Die 61-Jährige hatte laut Urteil keinen anderen Ausweg gesehen als einen Suizid, befand das Gericht. Bis zu der Tat habe sie sich aufopferungsvoll um ihren Sohn gekümmert. Er war durch einen von der Klinik verschuldeten Geburtsfehler stumm und konnte nicht ohne Hilfe essen. Oft habe sie nächtelang nicht geschlafen, die Grenze zur Erschöpfung erreicht.

Den Sohn in ein Heim zu geben, kam für die Frau nicht infrage

Behörden hatten der Frau nahegelegt, den Sohn in ein Heim zu geben. Sie aber habe Angst gehabt, dass ihr Kind nicht gut betreut würde. Zugleich befürchtete sie, dadurch ihren Lebensinhalt zu verlieren. Außerdem hatte sich ihr Freund von ihr getrennt. Der drohende Verlust beider Menschen verstärkte die Depressionen, argumentierte die Richterin.

In einem Abschiedsbrief hatte die alleinerziehende Mutter geschrieben, sie wolle keine Last sein. Dann gab sie ihrem Sohn in ihrer Wohnung einen Tabletten-Cocktail und schnitt seine Pulsadern auf. "Es ist die größte Strafe, dass er nicht mehr da ist", sagte die 61-Jährige in ihrem Schlusswort vor Gericht.

Der Ehemann hatte die Familie kurz nach der Geburt des Sohnes verlassen

Ihr Ehemann hatte die Angeklagte schon bald nach der Geburt des Kindes verlassen. Von der Familie gab es keine Unterstützung. Schon damals war die Frau überfordert. 1984 versuchte sie erstmals, sich das Leben zu nehmen. Nach der Tötung ihres Sohnes kam die Frau für mehrere Wochen in eine Klinik. Sie wird weiterhin ärztlich betreut. Inzwischen ist sie wieder mit ihrem früheren Freund zusammen.

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