Ärzte Zeitung online, 19.11.2008

Bewährungsstrafe und Geldbuße für falsche Kinderärztin

HAMBURG (dpa). Sie hatte keinen Abschluss in der Tasche, praktizierte aber trotzdem erfolgreich als Kinderärztin: Ein Amtsgericht in Hamburg hat eine 34 Jahre alte falsche Medizinerin am Mittwoch wegen Urkundenfälschung, Missbrauchs von Berufsbezeichnungen sowie Betrugs zu einer Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt. Zudem muss sie eine Geldbuße von 3600 Euro an gemeinnützige Einrichtungen zahlen.

Die Angeklagte habe sich über Gesetze hinweggesetzt, um ihren "Lebenstraum" zu verwirklichen, sagte die Richterin. Sie folgte damit den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung.

Die Frau war während des Medizinstudiums durch eine Zwischenprüfung gefallen und konnte ihre Ausbildung deshalb nicht beenden. Trotzdem bewarb sie sich 2003 mit gefälschten Abschlusszeugnissen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) als Ärztin im Praktikum und ein Jahr später als Assistenzärztin. Sie arbeitete dort, bis sie im August 2007 entlarvt wurde. Der Betrug flog auf, als die Hamburger Ärztekammer auf die Vorlage der Originale bestand. Die Frau zeigte sich daraufhin selbst an und legte gegenüber Klinik und Staatsanwaltschaft ein Geständnis ab (wie berichtet).

Sie habe aus familiärem Leistungsdruck und aus Liebe zum Arztberuf gehandelt, sagte die 34-Jährige vor Gericht. Nach dem Scheitern ihres Studiums habe sie nicht die Kraft gehabt, sich Verwandten oder Freunden zu offenbaren. Später habe sie sich immer weiter in eine "Welt der Selbsttäuschung" verstrickt, weil sie als Ärztin "glücklich" gewesen sei und den Gedanken an die Folgen verdrängt habe. "Es war ein großer, ein sehr schwerer Fehler."

Ihre Vorgesetzten schätzten das Fachwissen der 34-Jährigen sehr, Behandlungsfehler machte sie laut einem offiziellen Untersuchungsbericht nicht. "Sie hat gute Arbeit geleistet", sagte ihr früherer Chef als Zeuge vor Gericht. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten wurden mit Preisen ausgezeichnet. Eine Gefährdung von Patienten schloss die Klinik nach der Aufdeckung des Skandals aus. Die 34-Jährige habe stets unter Aufsicht von Fach- und Oberärzten praktiziert, sagte der Ärztliche Direktor.

Die Staatsanwältin bezeichnete das Verhalten der Angeklagten als "einen vom Persönlichen her tragischen Fall". Aber sie habe sich vielfach strafbar gemacht, indem sie sich unberechtigterweise als Ärztin ausgegeben habe. Damit habe sie einen "Vertrauensschaden" bei den kranken Kindern und deren Angehörigen verursacht - auch wenn sie für ihre Arbeit offensichtlich auch ohne bestandene Abschlussprüfung hinreichend qualifiziert gewesen sei. "Letztlich müssen sich die Patienten und die Eltern von Patienten darauf verlassen können, dass der Arzt auch ein Arzt ist", sagte die Anklagevertreterin.

Die 34-Jährige habe sich ihr eigenes Versagen nicht eingestehen wollen, betonte die Richterin in ihrer Urteilsbegründung. Aus eigennützigen Gründen habe sie daher "etwas getan, was ihr nicht zusteht". Auch die Richterin sprach von einem schweren "Vertrauensbruch" gegenüber Patienten und Kollegen. Dass die Angeklagte fachlich und menschlich gute Arbeit geleistet habe, mache den Fall zwar "außergewöhnlich". Sie habe sich mit den Fälschungen und der damit erschlichenen Beschäftigung am UKE aber dennoch schuldig gemacht.

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