Ärzte Zeitung online, 04.12.2008

Freispruch im Bremer Brechmittel-Prozess - Aufruhr im Gerichtssaal

BREMEN (dpa). Als der Richter im Bremer Brechmittel-Prozess den Freispruch verkündet, gibt es lauten Protest im Gerichtssaal. "Das ist Mord", brüllen einige Zuschauer und entrollen ein Plakat. Dem angeklagten Polizeiarzt könne die fahrlässige Tötung nicht nachgewiesen werden, urteilt die Kammer des Landgerichts am Donnerstag.

 Der 44-Jährige hatte am 27. Dezember 2004 einem mutmaßlichen Drogendealer Brechmittel über eine Sonde eingeflößt. Der 35-Jährige aus Sierra Leone fiel ins Koma und starb wenige Tage später. Auch Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatten einen Freispruch für den Mediziner gefordert.

   Bevor der Vorsitzende Richter Bernd Asbrock den Freispruch begründet, wirft die Polizei ein Dutzend Störenfriede aus dem Gerichtssaal, die mit Sprechchören gegen das Urteil protestieren. Daraufhin verlassen weitere Zuschauer freiwillig den Raum. Nach Ansicht der Kammer ist der Polizeiarzt strafrechtlich nicht schuldig, weil er mit der Situation völlig überfordert war. "Der Angeklagte verfügte praktisch über keine klinische Erfahrung", betont Asbrock. Der aus Kasachstan stammende Mediziner arbeitete seit 1997 am rechtsmedizinischen Institut in Bremen. Außerdem war er als freier Mitarbeiter für die Polizei tätig, erstellte unter anderem Gutachten über Körperverletzungen, machte Abstriche und verabreichte Brechmittel.

   Der Angeklagte schwieg während der 23 Verhandlungstage hartnäckig zu den Vorwürfen. Dennoch geht das Gericht davon aus, dass er in der verhängnisvollen Nacht zum ersten Mal einem Verdächtigen Brechmittel über eine Sonde einflößte. Nach der Aussage von Zeugen wurde der mutmaßliche Drogendealer im Laufe der Behandlung immer apathischer, weißer Schaum trat aus Mund und Nase. Nachdem sich seine Werte wieder stabilisiert hatten, setzte der Mediziner die Magenspülung fort. Irgendwann wurden jedoch Herzschlag und Atmung schwächer und setzten dann vollständig aus. Zwar konnten Sanitäter den Mann wiederbeleben, er starb aber Tage später im Krankenhaus.

   Der Polizeiarzt habe sich "zahlreiche Unsicherheiten, Versäumnisse und Fehler" zuschulden kommen lassen, sagt Asbrock. Dennoch habe sich der kritische Zustand des Opfers schleichend entwickelt und sei schwer erkennbar gewesen. "Als der Zustand äußerlich sichtbar war, kamen die lebensrettenden Maßnahmen praktisch zu spät."

   Nach dem Tod des Mannes geriet der Einsatz von Brechmittel nicht nur in Bremen, sondern auch in Hamburg und Niedersachsen in die Kritik. 2002 war bereits ein Verdächtiger in Hamburg daran gestorben. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg verurteilte Deutschland 2006 für diese Praxis, die dann aufgegeben wurde. "Leider hat erst dieser zweite Todesfall bei den Verantwortlichen zu einem Überdenken dieser Maßnahme geführt", kritisiert Asbrock am Ende der Urteilsverkündung.

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