Ärzte Zeitung online, 17.12.2008

Berufsverbot für HNO-Ärztin wegen Hygienemängeln in Praxis

RAVENSBURG (dpa). Eine HNO-Ärztin aus Baden-Württemberg hat Spritzen in ihrer Praxis mehrfach benutzt und medizinische Geräte nicht richtig gesäubert. Wegen dieser und anderer Hygienemängel wurde die 56-jährige Frau am Dienstag in Ravensburg zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Außerdem darf sie ihren Beruf drei Jahre nicht ausüben, entschied das Landgericht.

Die Ärztin habe gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen, zudem habe sich die Frau der Körperverletzung schuldig gemacht. Der Fall hatte für große Aufregung gesorgt, weil sich 1800 Patienten aus ihrer Praxis auf Aidsviren und Hepatitis testen lassen mussten. Schwere Infektionen sind bisher aber nicht bekanntgeworden.

Die Ärztin ist Anhängerin alternativer Heilverfahren. "Sie haben ihre beruflichen Pflichten beharrlich und aufs Gröbste verletzt", warf ihr der Vorsitzende Richter Franz Strasser in der Urteilsbegründung vor. "Sie standen mit der Hygiene buchstäblich auf Kriegsfuß." Die Medizinerin habe ihre Patienten erheblichen Gefahren ausgesetzt, indem sie die Spritzen wiederholt verwendete und Apparate wie einen Inhalator und ein Ohrspülgerät unzureichend desinfizierte.

Die HNO-Ärztin hatte die Hals-Nasen-Ohren-Praxis in Bad Saulgau seit 1997 geführt, inzwischen ist sie wegen Entzug der Kassenzulassung geschlossen. Die Frau war wegen mehr als 1000 Fällen angeklagt. In drei Fällen lautete das Urteil auf gefährliche Körperverletzung, weil sich ein Patient nach Eigenblut-Infusionen jeweils mit Keimen aus dem Spritzbesteck infiziert hatte. Außerdem hat sie unerlaubt Eigenblut mit vorgefertigten Medizinprodukten gemischt und den Patienten zur Stärkung der Immunkräfte mit nach Hause gegeben. Dies ist jedoch nur Apotheken erlaubt. Die Behandlungsmethode verschaffte ihr erhebliche Privateinnahmen, von denen sie 25 000 Euro zurückzahlen muss.

Die Medizinerin bestreitet die Vorwürfe und verteidigt ihr Hygienekonzept als umweltfreundlich und ressourcenschonend. Dagegen hatten Gutachter die hygienischen Zustände in der Praxis scharf kritisiert. Die Staatsanwaltschaft kündigte Revision an und forderte ein lebenslanges Berufsverbot, weil sie die Ärztin für uneinsichtig hält.

Lesen Sie dazu auch:

Verunreinigte Spritzen? 1800 Patienten zum Hepatitis- und HIV-Test aufgerufen

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »