Ärzte Zeitung online, 22.12.2008

Behandlung eines Patienten abgebrochen - Freispruch für Ärzte aus Magdeburg

MAGDEBURG (juk/dpa). Zwei Ärzte einer Magdeburger Klinik sind am Montag vom Vorwurf des Totschlags und der Beihilfe freigesprochen worden. Die Anklage hatte den Medizinern ursprünglich vorgeworfen, die Behandlung eines vollständig gelähmten Komapatienten ungerechtfertigt abgebrochen zu haben.

Die Richter des Landgerichts Magdeburg folgten mit ihrem Urteil dem Plädoyer des Staatsanwalts. Der hatte nach einem Monat Verhandlung für den 62-jährigen ehemaligen Chefarzt und seinen Kollgen einen Freispruch gefordert, weil sich der Tatverdacht gegen sie nicht erhärtet habe. Der Tod des 28-jährigen Patienten habe unmittelbar bevorgestanden, der Sterbeprozess bereits eingesetzt. Es gebe keinen Zweifel daran, dass die Eltern, die den damaligen Chefarzt einer Magdeburger Klinik um das Ausschalten des Beatmungsgerätes gebeten hatten, damit auch dem Willen ihres Sohnes gefolgt seien.

Damit wurde die Auffassung der Mediziner bestätigt, dass es sich bei dem Behandlungabbruch um eine zulässige Beendigung einer lebenserhaltenden Maßnahme gehandelt hatte. Die Ärzte und ihrer Verteidiger hatten von Beginn darauf hingewiesen, dass der Tod des Patienten in Kürze zu erwarten gewesen sei und ein kurativ-medizinisches Behandlungsziel längst nicht mehr vorhanden gewesen sei. Zudem habe auch der mutmaßliche Wille des Patienten für den Behandlungsabbruch gesprochen.

In dem konkreten Fall ging es um einen jungen Mann, der 2002 infolge eines Unfalls ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt, bei dem der Bereich des oberen Halsmarks fast vollständig durchtrennt wurde. Der Mann war an allen Giedmaßen gelähmt und, so die Verteidigung, im Wesentlichen kommunikationsunfähig. Im November 2003 erlitt der Patient weitere Schädigungen des Gehirns.

Es folgten sechs weitere Monate Dauerbeatmung, maximale intensivmedizinsche Betreuung - und weitere Einbrüche beim Patienten. "Die Verletzungen waren irreversibel und die Prognose absolut infaust", so Verteidiger Dr. Carsten Tiemer vor der Urteilsverkündung.

Nach 27-monatiger Krankengeschichte beschlossen die Eltern als Betreuer, die Weiterbehandlung ihres Sohnes aufzugeben. Der 28-Jährige sollte nur noch Schmerzmittel bekommen. Der Chefarzt stimmte dem Behandlungsabbruch zu. Denn nach Angaben der Angehörigen hatte sich der Patient schon 1999 - nach einem ersten Unfall mit Schädel-Hirn-Verletzungen - mit dem Thema Behandlungsabbruch auseinandergesetzt. "Es war schlicht nicht der Wunsch des Patienten, um jeden Preis ohne Aussicht auf Heilung den Sterbeprozess zu verlängern", so Rechtsanwalt Tiemer.

Das Kuriose an dem Fall: Der Arzt hatte schon im Juni 2004 die Staatsanwaltschaft über den Behandlungsabbruch informiert. Zwei Jahre lang wurde er nach Angaben der Verteidigung aber nicht dazu vernommen.

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Recht (12041)

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