Ärzte Zeitung, 15.05.2009

Psychiater wegen Missbrauchs verurteilt

Professor unterhielt intime Beziehung zu Patientin  / Bewährungsstrafe verhängt

COBURG (dda). Ein Psychiater ist am Donnerstag in Coburg wegen sexuellen Missbrauchs einer psychisch erkrankten Studentin zu einer eineinhalbjährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Das Amtsgericht Coburg befand, dass der 47-Jährige in neun Fällen ein Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnis ausgenutzt hat. Zusätzlich muss der Mediziner 7000 Euro Geldstrafe an eine gemeinnützige Einrichtung bezahlen.

Der Professor, der als Facharzt für Psychotherapie und Psychiatrie auch eine eigene Praxis betreibt, soll laut Anklage im Jahr 2005 und 2006 eine mehr als einjährige intime Beziehung zu einer unter Depressionen leidenden Studentin, die er in einem seiner Kurse kennen gelernt hatte, unterhalten haben. Der Arzt habe ihre Bitte, eine Therapie auf Krankenschein bei ihr vorzunehmen, mit dem Hinweis abgelehnt, dass er keine Studentinnen behandle. Jedoch habe er private Treffen angeboten. Wenig später soll es dann zu sexuellen Kontakten mit der Studentin - auch in der Fachhochschule - gekommen sein.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll es dem Mediziner in dieser Zeit gelungen sein, die junge Frau sexuell gefügig zu machen. 2006 habe der Angeklagte ihr aufgrund eines drohenden Suizids Anxiolytika verabreicht.

Die Verteidigung erklärte dagegen, dass zwischen dem Professor und der Studentin zwar eine sexuelle Beziehung bestand, das vermeintliche Opfer aber nicht krank war und es somit auch kein Behandlungsverhältnis gegeben habe. Der Angeklagte, der bis zum letzten Prozesstag schwieg, sagte kurz vor dem Urteil aus, dass die Studentin ihm nachgelaufen sei und sich dann die Liebesbeziehung mit rein freundschaftlichen Gesprächen entwickelt habe.

Eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten sowie eine Geldstrafe forderte Staatsanwältin Ulrike Barausch. Ihren Angaben zufolge habe es in den vergangenen Jahren in Deutschland nur wenige vergleichbare Fälle und Verurteilungen gegeben. Der Grund sei, dass die meisten Opfer es nicht schafften, die Folgen einer Anzeige durchzuhalten. Im laufenden Prozess hatte auch nicht die Studentin, sondern die Fachhochschule den Fall ins Rollen gebracht.

[19.05.2009, 09:54:01]
Gabriele Wagner 
Prozessbeobachterin sieht den Prozessverlauf anders
Per E-Mail erreicht uns folgender Kommentar von Uta Günther:

Die Pressemeldung gibt nicht das wieder, was man als Prozessbeobachter an 6 Verhandlungstagen wahrnehmen konnte. Es drängt sich sogar fast der Eindruck auf, dass hier der Begriff Missbrauch missbraucht wird. Der Angeklagte hatte eine Beziehung zu der Studentin eingeräumt, jedoch bestritten diese jemals therapiert zu haben. Aus den vorgelesenen Vernehmungsprotokollen konnte man entnehmen, dass auch die Hauptbelastungszeugin, um die es ging, immer zunächst von der Beziehung sprach. Erst auf mehrfaches, zum Teil suggestives - fast schon drängendes - Nachfragen der Ermittler gab sie dann an, dass es sich um therapeutische Elemente in der Beziehung gehandelt haben könnte. Alle geladenen Zeugen, wohl dem Vernehmen nach auch enge Freundinnen der Hauptbelastungszeugin, konnten Äußerungen derselben zu Therapien durch den Angeklagten nicht bestätigen. Im Vorfeld wurde ein durch die Verteidigung bestellter Sachverständiger vom Richter abgelehnt mit der Bemerkung, dass kein Psychotherapie-Sachverständiger definieren könne, was eine Psychotherapie im juristischen Sinne ist. Die Staatsanwältin äußerte, dass sie sich nicht von "Sachverständigen wie am Nasenring durch den Gerichtssaal führen" lassen wolle. Sie habe Mut zum Sachverstand und fühle sich zur Beurteilung genügend kompetent, obwohl sie zu Anfang des Verfahrens sagte, dass sie - genauso wie der Richter - keine Ahnung von Psychotherapie habe.
Für Alles gibt es halt Sachverständige, nur für den psychischen Bereich scheint das nicht nötig zu sein. Man erwartete nun nach den Plädoyers eigentlich einen Freispruch. Umso überraschender dann der Urteilsspruch. Der Richter Wolfram Bauer kam zu dem Ergebnis, dass die Tatsache, dass der Angeklagte Therapeut sei, die Zeugin (Zeitweise) Probleme hatte, sich beide mal zum Kaffeetrinken trafen und es ihr danach besser ging, dafür spräche, das eine Therapie vorgelegen haben muss. Jetzt stellt sich nur die Frage, ob und wann hier die Berufsverbände hellhörig werden. Denn einerseits wird hier die Kompetenz ärztlicher - und wohl auch psychologischer - Sachverständiger angezweifelt und andererseits werden hiermit, so sieht es zumindest nach der mündlichen Urteilsbegründung erstmal aus, Therapeuten unter Generalverdacht gestellt. Ob das mit dem Gesetz gemeint ist? Übrigens gab der Angeklagte bzw. seine Vertreter direkt nach der Urteilsverkündung an, Berufung gegen das Urteil einzulegen. Interessant ist hier noch der Zeitungsartikel, erschienen in der Lokalpresse:
http://www.np-coburg.de/nachrichten/lokal/coburg/art2394,949654

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