Ärzte Zeitung online, 25.08.2009

Gekaufte Doktor-Titel - nur "Spitze des Eisbergs"

 KÖLN (dpa). Das bundesweit größte Ermittlungsverfahren gegen korrupte Professoren könnte viele weitere Korruptionsfälle ans Licht bringen. Die bisher 100 Verdächtigen -darunter auch einige Mediziner -seien nur "die Spitze des Eisbergs", sagte der langjährige Experte zum Titel-Handel, der Münchner Betriebswirtschaftler Professor Manuel René Theisen, am Dienstag der dpa in Köln. In dem Skandal ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft gegen deutschlandweit rund 100 Professoren und ein Institut wegen Korruptionsverdachts.

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Foto: michanolimit ©www.fotolia.de

Die Professoren sollen gegen Schmiergeld vom "Institut für Wissenschaftsberatung" ungeeignete Kandidaten als Doktoranden angenommen haben. Das Institut in Bergisch Gladbach bei Köln soll bis zu 20 000 Euro pro Kandidat für die Vermittlung eines "Doktorvaters" erhalten haben. Dieses inzwischen aufgelöste Institut sei Marktführer unter den dubiosen Promotionsvermittlern gewesen und habe ein Dutzend Konkurrenten auf den Plan gerufen, sagte Theisen. "Hoffentlich sind die Staatsanwaltschaften nun endlich motiviert, auch den anderen auf die Finger zu schauen, das haben sie nämlich bei den gekauften Titeln bisher nicht getan."

Die Kölner Behörde ermittelt gegen alle drei Geschäftsführer des Instituts, wie Oberstaatsanwalt Günther Feld sagte. Die Staatsanwaltschaft arbeitet unter Hochdruck, denn bei Bestechung und Vorteilsannahme gilt eine Verjährungsfrist von fünf Jahren. Das Ermittlungsverfahren war nach einer Razzia bei dem Institut im März 2008 ins Rollen gekommen. Einer der Geschäftsführer war kurz darauf wegen Bestechung bereits zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte in 61 Fällen Promotionswilligen illegal zu Doktor-Würden verholfen. Der Jura-Professor der Uni Hannover, der mit dem Geschäftsführer kooperierte, bekam drei Jahre Freiheitsstrafe.

Theisen sagte, beim illegalen Titel-Handel gebe es einen konstanten Markt. Bei zwei Prozent der Doktorgrade in Deutschland müsse man davon ausgehen, dass sie nicht rechtmäßig zustande gekommen seien. Motiv sei "ökonomisches Kalkül", also die Aussicht auf ein deutlich höheres Gehalt und einen höheren Marktwert, erklärte der Wissenschaftler, der das kriminelle Treiben rund um den Doktor-Titel seit 25 Jahren verfolgt. "Die Kunden dieser Promotionsvermittler sind sicher keine Soziologen oder Bibliothekswissenschaftler, sondern Leute, die ohne größeren Aufwand schnell einen Titel fürs Fortkommen brauchen und dafür auch 20 000 bis 100 000 Euro zahlen."

In Politik und Hochschulen sorgen die Ermittlungen weiter für Wirbel. Der Wissenschaftsrat beklagte im "Deutschlandradio Kultur" eine "starke Ökonomisierung der Akademie". Wissenschaft werde zur Ware. "Und beides sind sicher Punkte, die dazu verführen, dann unredliche Dinge zu tun", sagte Ulrike Beisiegel, Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats. Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) verlangte im "Deutschlandfunk" eine lückenlose Aufklärung der Vorwürfe. Für NRW könne er derzeit aber keine Regelungslücken erkennen, das Hochschulgesetz sehe klare Strafen vor.

Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) sieht einen erheblichen Imageverlust für Deutschlands Universitäten, falls sich die vielen Verdachtsfälle bestätigen. Die akademische Welt müsse sich wehren, forderte er im "Deutschlandradio Kultur". Die Universitäten sollten sich aber auch selbstkritisch hinterfragen, etwa ob die Zahl der Dissertationen weiter als Leistungskriterium einer Uni gelten solle: "Wenn wir solche quantitativen Kriterien weit über die qualitativen stellen, dann können wir uns nicht wundern, dass es Fertigungshallen für Promotionsverfahren gibt", sagte er mit Blick auf Ghostwriter, die rechtswidrig Doktorarbeiten gegen Geld anfertigen.

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