Ärzte Zeitung, 01.12.2009

Egel - Existenzen zwischen Arzneimittel und Anglerbedarf

Als Therapiemittel feiern Blutegel eine Renaissance. Um das Wohl und Wehe der kleinen Tierchen sorgen sich auch die Behörden, wie ein Fall aus Bayern zeigt.

Von Dagmar Dietrich

Egel - Existenzen zwischen Arzneimittel und Anglerbedarf

Blutegel bewähren sich vor allem bei Arthrose.

Foto: Klinik für Naturheilkunde Essen

"Wenn sonst nichts hilft, helfen oft Blutegel." Ausgerechnet auf der Medizin-Messe Medica, auf der viele Anbieter den neuesten Stand der Technik präsentieren, rückte die uralte Behandlungsmethode wieder in den Fokus des öffentlichen Interesses. Vor allem bei Patienten mit Tennisarm und Athrose hätten sich die kleinen Tierchen bewährt, hieß es unter Hinweis auf mehrere kleine Studien (wir berichteten).

So ist es vielleicht kein Wunder, dass sich ein Ex-Mediziner aus dem Landkreis Lichtenfels (Bayern) auf den Import von Wildblutegeln aus der Türkei verlegt hat. Mit der Regierung von Oberbayern als zuständiger Behörde musste er jetzt einen Kampf darum ausfechten, ob die Einfuhr der mit den Regenwürmern verwandten Tierchen wie Arzneimittel-Importe zu behandeln sind. Vor dem Verwaltungsgericht Bayreuth konnte der Mediziner zahlreiche beabsichtigte Auflagen erfolgreich abwehren.

Regierung verlangte strengere Kontrollen

Die Behörde hatte den Kläger, der Wildblutegel unter anderem aus der Türkei und damit aus einem Land außerhalb der Europäischen
Union einführt, dazu verpflichten wollen, die Egelgewinnung bereits im Ausland strengeren Kontrollen zu unterziehen. Denn nach Auffassung der Regierung von Oberbayern sind Blutegel bereits vor der Einfuhr in die Bundesrepublik wie Arzneimittel zu behandeln.

Vertreter der Behörde malten vor dem Gericht die Gefahren an die Wand, die mit der Egel-Behandlung verbunden seien. Schließlich könne keiner sagen, an welchem Menschen mit welchen Erkrankungen die Tiere bereits in ihrem Heimatland gesaugt hätten oder mit welchen Bakterien diese in ihren Tümpeln bereits in Kontakt gekommen seien. Die Bezirksregierung forderte deshalb, in der Türkei Zäune um die Abfanggewässer zu ziehen, außerdem sollten die Egeljäger spezielle Schutzkleidungen tragen. Zusätzlich müssten strengere Kontrollen an den Flughäfen vorgenommen werden, um zu verhindern, dass die Tiere bei langen Lagerzeiten erkranken.

Einsatz am Angelhaken als illegale Arzneientsorgung?

Für übertrieben und unnötig hielt der Kläger die Forderungen. Tiere, die am Flughafen vor der Ausfuhr schlecht behandelt würden, seien bei der Einfuhr in Deutschland in vielen Fällen bereits tot oder hätten ihre Sauglust für immer verloren. Blutegel, die sich für den medizinischen Einsatz eignen, hungerten bei ihm zudem vor dem Einsatz ein halbes Jahr in Quarantäne, um zu vermeiden, dass sich möglicherweise noch ein Rest von Darmbakterien darin befinden. Türkische Fänger seien bereits mit Schutzkleidung ausgerüstet, da sie sich selbstverständlich nicht beißen lassen wollten. Andere Personen würden sowieso nicht freiwillig in einem Egeltümpel baden.

Der Anwalt des Klägers wies auch noch auf einen anderen Punkt hin. Egel, die sich nicht für den medizinischen Einsatz eignen, landen im Anglerbedarf. Falls nun Blutegel bereits im Ausland zum Arzneimittel würden, müsse man auch die Egel für Angler ins Visier nehmen, so der Anwalt: "Ansonsten wäre es eine wilde Entsorgung von Arzneimitteln."

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