Ärzte Zeitung, 07.01.2010

Psychiater erlangt Freispruch vom sexuellen Missbrauch

Wende in Coburg: Ein des sexuellen Missbrauchs angeklagter Psychiater hat in der Revision einen Freispruch erzielt. Er habe lediglich ein amouröses Verhältnis unterhalten.

Von Dagmar Dietrich

Psychiater erlangt Freispruch vom sexuellen Missbrauch

Foto: James Steidl ©www.fotolia.de

COBURG. Wegen eines sexuellen Verhältnisses zu einer psychisch erkrankten Studentin wurde im Mai vergangenen Jahres ein 47-jähriger Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Dozent der Fachhochschule Coburg zu einer eineinhalbjährigen Bewährungsstrafe sowie zu einer Geldstrafe von 7000 Euro vom Coburger Schöffengericht verurteilt (wir berichteten). In nächster Instanz wurde er nun Ende Dezember nach einem Berufungsprozess vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Coburg freigesprochen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

In der ersten Instanz entschied der damalige Richter, dass sich der Familienvater mit einer eigenen Praxis im Raum Coburg, des "sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- und Betreuungsverhältnisses" in neun Fällen schuldig gemacht habe.

Der 47-Jährige soll laut damaliger Anklage 2005 und 2006 ein über einjähriges intimes Verhältnis zu einer seiner psychisch erkrankten und labilen Studentinnen unterhalten haben. Die junge Frau, die bereits unter Vorerkrankungen litt, soll sich damals nach einer Vorlesung an ihren Professor gewandt haben, da diese sich in Coburg nicht einleben konnte, psychisch darunter litt und keinen Therapeuten finden konnte.

Der Arzt soll deren Hilflosigkeit und Abhängigkeit für sich - vor allem sexuell - ausgenutzt und die Studentin unter Druck gesetzt haben. Der Angeklagte gab im ersten Prozess zu, dass eine Beziehung zu der Studentin bestanden habe, es sei jedoch ein ganz normales Liebes- und kein Arzt-Patienten-Verhältnis gewesen.

Im Berufungsprozess erklärte der zwischenzeitlich vom Dienst an der Fachhochschule Suspendierte, dass die Studentin ihm anfänglich nachgelaufen sei. "Ich habe mich sogar von ihr belästigt gefühlt". Später habe er sich auf die intime Beziehung eingelassen, was er nun bereue. Nicht bemerkt haben wollte er, dass die Studentin unter einer psychischen Erkrankung litt, Schnittwunden an den Armen der jungen Frau, die unter anderem an einer Borderline-Erkrankung litt, habe er nie bemerkt. Er entschuldigte: Das Licht bei den sexuellen Kontakten in deren Wohnung sei immer sehr düster gewesen. Per Video wurde die einstige Studentin vernommen, der ein Auftritt im Gerichtssaal aus psychischen Gründen und nach ärztlichem Attest erspart blieb. Sie sagte, dass sie den Angeklagten anfänglich attraktiv fand, später habe er sie jedoch unter Druck gesetzt. Wenn er angerufen habe, hätte sie bei ihm erscheinen müssen.

Ein von der Berufungskammer bestellter Gutachter erklärte nun, dass nach Erkenntnissen aus dem Gerichtssaal, kein typisches Arzt-Patienten-Verhältnis vorgelegen habe. "Es gab keine Therapie im engeren Sinn". Zwar habe es Gespräche gegeben, "die formellen Kriterien und Therapieziele haben jedoch gefehlt", sagte er. Unter anderem habe der Angeklagte nicht angeordnet, dass die Studentin zu bestimmten Gesprächszeiten ins Dozentenzimmer zur Behandlung kommen müsse. Der Richter urteilte deshalb, dass zwischen Professor und Studentin ein normales Liebesverhältnis bestand. Die Justiz könne und dürfe sich deshalb nicht einmischen.

Nach dem Freispruch könnte der Dozent nun wieder von der Fachhochschule Coburg eingestellt werden. Doch: Staatsanwaltschaft und Nebenklage haben bereits Revision gegen das Urteil eingelegt.

Az.: 1 NS 118 JS 1583/08

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