Ärzte Zeitung online, 21.04.2010

Info: Abrechnungsbetrug mit Krebsmitteln weitet sich aus

HAMBURG (dpa). Der Skandal um Abrechnungsbetrügereien mit Krebs-Medikamenten ist nach Recherchen des Rundfunksenders NDR Info offenbar größer als bisher angenommen. So habe der Pharmakonzern Sanofi-Aventis Ende 2009 bei der Staatsanwaltschaft Mannheim Anzeige erstattet.

Staatsanwältin Christina Arnold sagte dem Sender, ihre Behörde ermittle gegen Verantwortliche einer anderen Pharma-Firma, die verdächtigt würden, gegen das Patent- und Markengesetz verstoßen zu haben. "Den Beschuldigten wird vorgeworfen, ausländische Arzneimittel mit einem in Deutschland geschützten Wirkstoff geliefert und hier vertrieben zu haben". Die Ermittlungen stehen laut Arnold im Zusammenhang mit den Verfahren gegen Apotheker, die sich an der Abrechnung von Krebsmitteln illegal bereichert haben sollen.

Der Pharma-Konzern Sanofi-Aventis bestätigte die Anzeige. "Wir haben Kenntnisse über Unregelmäßigkeiten in diesem Bereich, vor diesem Hintergrund die Staatsanwaltschaft Mannheim informiert und dort Anzeige erstattet", sagte der Leiter der Rechtsabteilung von Sanofi-Aventis, Kurt Arnold, NDR Info. Die Ärzte Zeitung liegen hat diesbezüglich allerdings andere Informationen. Dem Konzern sei ein finanzieller Schaden entstanden, in welcher Höhe, wollte Arnold nicht sagen. Nach Angaben des Unternehmens geht es bei dieser Anzeige allerdings nur um Präparate des Konzerns aus dem Ausland, die nach Deutschland importiert worden sind. "Das ist das Glück für die Patienten. Wir kennen Fälle, da handelte es sich um Medikamenten-Fälschungen. Davon sind wir nicht betroffen", sagte der Sanofi-Aventis-Sprecher weiter.

Professor Gerd Glaeske, Experte aus Bremen, sagte dem Sender, durch die Anzeige bekomme der Skandal eine neue Qualität: "Mit solchen Betrügereien will kein Pharma-Unternehmen in Verbindung gebracht werden. Deshalb zieht Sanofi-Aventis Grenzen, um deutlich zu machen, dass ein Präparat nicht durch den eigenen Vertrieb auf den Markt gekommen ist."

Apotheker sollen sich in den vergangenen Jahren über Pharma-Großhändler im Ausland die Bestandteile für sogenannte Zytostatika - Zellwachstums-Hemmer für Krebspatienten - beschafft haben. Die Medikamente sind dort wesentlich günstiger, in Deutschland aber nicht verkehrsfähig. Bei den Krankenkassen sollen die Apotheker den in Deutschland üblichen Satz abgerechnet und so einen erheblich höheren Gewinn erzielt haben.

Die Krankenkassen AOK Niedersachsen und Techniker Krankenkasse gehen von einem Schaden im hohen zweistelligen Millionenbereich aus. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen einen Apotheker, dessen Gewinn bei 1,6 Millionen Euro liegen soll.

Der Skandal war ins Rollen gekommen, nachdem einem Pharma-Großhändler ein wirkungsloses Krebs-Medikament über Dubai zu einem auffällig günstigen Preis angeboten worden war. Er hatte daraufhin die Krankenkassen eingeschaltet, die eigene Nachforschungen anstellten.

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