Ärzte Zeitung online, 07.06.2010

Prozess um Kevins Leiden - Vormund vor Gericht

BREMEN (dpa). Der qualvolle Tod des kleinen Kevin aus Bremen steht wie kaum ein anderer Fall für das Versagen des Staates bei der Kinderfürsorge. Die Leiche des Jungen lag mit zertrümmerten Knochen im Kühlschrank. Die Details über das Leiden des Zweijährigen sind schockierend. Der Staat versagte. In einem neuen Prozess wird nun alles noch einmal aufgerollt.

Der Prozess gegen seinen drogensüchtigen Ziehvater und ein Untersuchungsausschuss im Parlament brachten schockierende Details ans Licht. Ein Vielzahl von Fakten dokumentieren die Qualen, das Leid, die Schmerzen in dem kurzen Leben des Jungen und die verpassten Chancen, ihn zu retten. Stoff für Alpträume, der nun gut dreieinhalb Jahre nach dem schrecklichen Leichenfund noch einmal im Gerichtssaal verhandelt wird.

Der Ziehvater des Zweijährigen wurde im Juni 2008 wegen Körperverletzung, Körperverletzung mit Todesfolge und schwerer Misshandlung von Schutzbefohlenen zu zehn Jahren Haft und zur Einweisung in eine Entziehungsanstalt verurteilt. Zwei Jahre später beginnt nun der zweite Prozess.

Vom 8. Juni an muss sich der 67 Jahre alte frühere staatliche Amtsvormund wegen fahrlässiger Tötung vor dem Landgericht verantworten. Das Verfahren gegen den ehemaligen verantwortlichen Fallbearbeiter von Kevin wurde wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt.

Tausende Seiten Aktenbestand liegen dem neuen Verfahren zugrunde. "Ein halbes Büro voll mit Umzugskartons", sagt Gerichtssprecher Enzo Vial. Dutzende Zeugen sind geladen. Alleine die 2007 vorgelegte Anklageschrift umfasst mehr als 120 Seiten. "Man muss praktisch das ganze erste Verfahren neu aufrollen und weitere Zeugen dazu laden", beschreibt Vial die Dimension. Von vorneherein wurden bis Dezember 24 Verhandlungstage anberaumt. Das traurige Leben des kleinen Jungen wird wieder in allen Details aufgerollt - eines Jungen, von dem eine Erzieherin einmal sagte: "Er weinte lautlos."   

Rückblende: Am 10. Oktober 2006 fanden Polizisten die Leiche des Zweijährigen eingewickelt in Müllbeutel und Decken im Kühlschrank seines Ziehvaters. Kevins drogensüchtige Mutter war zu diesem Zeitpunkt schon fast ein Jahr tot. Gerichtsmediziner diagnostizierten an der Leiche des Jungen rund zwei Dutzend Brüche an Armen und Beinen, einen Schädelbruch und Verletzungen im Genitalbereich.

Ein Kinderarzt sagt im Prozess: "Ich war geschockt und entsetzt. Die Bilder zeigten Brüche von Beinen und Rippen. Solche Verletzungen hatte ich in derartiger Konstellation noch nie gesehen." Als der Junge aus der Wohnung geholt werden sollte, war er vermutlich schon Monate tot.

Die Vorwürfe in dem neuen Prozess wiegen schwer. Forderungen, den Jungen in Obhut zu nehmen, verhallten damals. Fehlgeleitete Informationen, Ignoranz, zu hohe Arbeitsbelastung bei den Behörden? Die bisherigen Untersuchungen ergaben, dass es genug Hinweise auf einen möglichen Missbrauch und das Leben der Eltern in einer Welt von Drogen und Alkohol gab. Als die Beamten dann auf Weisung des Gerichts handelten, kam für Kevin jede Hilfe zu spät.

Schon der Untersuchungsausschuss stellt in seinem Abschlussbericht fest: "Spätestens im Februar 2006 muss dem Vormund bekannt geworden sein, dass es doch gewisse Zweifel hinsichtlich des Verbleibs des Kindes beim Ziehvater gab." Der Ziehvater selbst soll nach Angaben einer Polizistin nach dem Leichenfund gesagt haben: "Das Jugendamt trifft keine Schuld, ich bin das Schwein."

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