Ärzte Zeitung online, 03.08.2010

Gericht: Transsexualität ist keine Behinderung

STUTTGART (dpa). Transsexualität kann nach einem Gerichtsurteil für sich genommen nicht als Behinderung anerkannt werden. Das Landessozialgericht Stuttgart lehnte mit seiner am Dienstag veröffentlichten Entscheidung die Klage einer 36-jährigen Frau aus Karlsruhe ab, die ihre Transsexualität nach einer geschlechtsanpassenden Operation als Behinderung anerkennen lassen wollte und daher einen Behinderungsgrad von 60 forderte. Als Grund gab die 36-Jährige an, sich nicht fortpflanzen zu können.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betrachtet Transsexualität als eine Störung der Geschlechtsidentität. Dieser Befund wird gestellt, wenn jemand körperlich eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht angehört, sich jedoch als Angehöriger des anderen Geschlechts empfindet und danach strebt, diesen Wunsch zu verwirklichen.

Das Sozialgericht Karlsruhe hatte die Frau mit einem Behinderungsgrad von 50 eingestuft. Grund dafür waren eine Depression, unter der sie wegen ihrer Transsexualität litt, sowie eine starke Migräne. Die Transsexualität an sich wurde nicht als Behinderung anerkannt.

Ein Behinderungsgrad von 50 bedeutet für die Betroffenen vor allem einen erhöhten Kündigungsschutz und steuerliche Vergünstigungen. Die Aufwertung von 50 auf 60 bietet keine Vorteile. "Der Frau ging es in erster Linie um eine grundsätzliche Anerkennung der Transsexualität und ihrer Folgen für die Betroffenen", sagte die Sprecherin des Landessozialgerichts, Jutta Siefert.

Az.: L 8 SB 3543/09

[18.08.2010, 17:44:47]
Gabriele Wagner 
Ein Betroffener nimmt Stellung
Anmerkung der Redaktion: Der Autor des Kommentars hat uns um Anonymität gebeten. Name ist der Redaktion bekannt.
Gabriele Wagner
Leiterin Newsroom / Online

Kommentar:
Dem Urteil kann ich als Selbstbetroffener so nicht Rechnung tragen, seit gut 11 Jahren lebe ich selbst offiziell in dem von mir empfundenen Geschlecht als Mann. Bereits als Kind war es mir eine Wohltat, wenn man sagte, "...an Dir ist ein Junge verloren gegangen...". Wie recht sie doch alle hatten. Es ist bis zum 24. Lebensjahr eine Qual gewesen in einer Hülle gefangen zu sein, in der man(n) nicht rein gehörte, zu ertragen, zu durchleiden was das Leben als Mädchen und Frau so mit sich brachte. Es war ein Leben einer langen depressiven Phase,die ich hauptsächlich als Einzelgänger verbrachte. Ich habe nicht das Jugendleben geführt wie die meisten Jugendlichen, konnte nicht die Erfahrungen sammeln, die sozialen Kontaktfähigkeiten sind genauso vernachlässigt worden. Das einzige was Überleben half, war die Hoffnung das einem irgenwie doch geholfen werden kann. Wie oft sind ein Suizidgedanken und -absichten durch den Kopf gegangen, zu zählen sind sie nicht mehr. Vielen Transsexuellen geht es auch nach einer geschlechtsanpassenden Operation zum teil auch noch so. Denn die Operation bedeutet nicht, das alles erledigt ist. Der Mensch ist vor allem auch von seiner Seele, seiner Psyche abhängig und die hat es längst noch nicht verarbeitet. Es bedeutet gerade hier weiter zu arbeiten! Es wurden zwar die "körperlichen Fesseln" gesprengt, der Halt im Leben ist deswegen aber längst noch nicht gefunden. Viele scheitern an der privaten und familiären Situation, sich eine eigene Familie aufbauen zu wollen. Einen Partner/Eine Partnerin zu finden, die sie oder ihn so akzeptiert mit ihrer/seiner Vergangenheit. Hier ergibt sich schon eine klare Behinderung. Man wird seinem Partner, seiner Partnerin dies nicht verheimlichen wollen oder können, ist zumindestens nicht empfehlenswert. Eine Partnerschaft sollte immer auf der Wahrheit aufgebaut sein.
Nicht alle Transsexuelle lassen bei einer geschlechtsanpassenden Operation diese vollständig durchführen, weil ersten die Anpassung von FzM sich operativ schwieriger gestalten läßt, immer noch nicht komplikationslos ist, in mehreren Operationen (im Durchschnitt 2-4 für den Penis- und Hodenaufbau und Erektionsimplantation, können auch mal 6 sein) abläuft. Und manch ein Pat. für manche Operationsmethoden nicht die anatomisch-physiologischen Voraussetzungen mitbringt bzw. mit im Nachhinein aussehenden "großen Brandwunde am Arm" rumlaufen möchte. Ich habe zum Beispiel "Nichts in der Hose", da ich mich für keine der Operationen entscheiden kann, eine geht aus anatomisch-physiologischen Gründen nicht, die andere birgt das Risiko einer Bauchwandhernie, da der einer der beiden Mm. recti abdominii verwendet wird, fällt damit schon mal gleich raus und zu guter letzt, die Leisten-OP-Variante, wo man eine Woche im rechten Winkel verbringt. Der Leidensweg ist lang, schmerzhaft und nicht immer erfolgreich. Das habe ich am eigenen Körper erlebt. Das eine einfache Mastektomie zwei Nach-OPs bedurfte. Ich musste mich sogar von einem Kollegen, seines Zeichens, Prof. der Medizin, als Transe betiteln lassen. Das nenne ich Diskriminierung. Durch die Transsexualität nimmt man ein lebenlang die entsprechenden Hormone ein, bei mir führte dies mittlerweile zur sekundären Polyglobulie und einem sekundären Bluthochdruck sowie einer leichten Herzhypertrophie. Ohne der Grunderkrankung hätte ich diese Folgenschäden nicht. Ich kann nicht nur das eine Verschlüsseln und das andere was Ursache ist und worunter der Patient ja weiter leidet, ausser acht lassen. Es ist in jedem Einzelfall zu entscheiden, ob es für den Betroffenen, einen ausreichenden und plausiblen Leidensdruck gibt bzw. fortbesteht. Ich finde es eine abwertende Haltung des LSG gegenüber uns Transsexuellen so ein Urteil gefällt zu haben. ich betrachtet mich zwar nicht in erster Linie als Transsexueller, sondern als Mensch, aber ich bin was ich bin, ich habe es mir nicht ausgesucht und versuche das Beste daraus zu machen, auch wenn es nicht einfach war, nicht ist und ich nicht weiss, ob es es je wird.
Meine Empfehlung ist das Bundessozialgericht!

Anmerkung der Redaktion: Der Autor des Kommentars hat uns um Anonymität gebeten. Name ist der Redaktion bekannt.
Gabriele Wagner
Leiterin Newsroom / Online
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