Ärzte Zeitung online, 16.08.2010

Charité geht neue Wege bei Behandlung von Vergewaltigungsopfern

BERLIN (eb). Opfer einer Vergewaltigung sollen künftig schneller betreut werden können. Außerdem sollen die nötigen Beweise, die bislang oft fehlen, schneller sichergestellt werden. Mit einem bundesweit einmaligen Pilotprojekt haben sich die Charité und des Landeskriminalamt Berlin diese Ziele auf die Fahnen geschrieben.

Charité geht neue Wege bei Behandlung von Vergewaltigungsopfern

Schnellere Hilfe nach einer Vergewaltigung: Bis zum Jahresende will die Charité mit dem Landeskriminalamt Berlin ihr Pilotprojekt testen.

© Charité

Im Rahmen des Projekt, das bis zum Jahresende getestet wird, sollen die Opfer von der Polizei direkt in die Rettungsstellen der Charité gebracht werden. Rechtsmedizinisch und psychologisch speziell geschulte Ärzte und Pflegekräfte sollen die Opfer dort betreuten. Die Mediziner sollen typische Verletzungen dokumentieren und Abstriche nehmen, um später die DNA des Täters isolieren zu können. Außerdem ist eine gerichtsverwertbare Dokumentation mittels ärztlichen Befundberichts geplant.

"Ein Ziel ist, später vor Gericht eine geschlossene Beweissicherungskette zu präsentieren," erklärte Hedwig François-Kettner, Pflegedirektorin der Charité und eine der Initiatorinnen des Projekts. "Bislang werden mutmaßliche Täter trotz starker Verdachtsmomente leider häufig frei gesprochen, weil eindeutige Beweise fehlen. Ein Mensch, der miterleben muss, wie der Angreifer straflos davonkommt, wird zum zweiten Mal Opfer. Das wollen wir mit diesem Projekt verhindern."

"Wir möchten durch die Kooperation mit der Charité die Betroffenen ermutigen, sich so schnell wie möglich in geschulte Hände zu begeben", betont Peter-Michael Haeberer, Leiter des Landeskriminalamts Berlin. Spurensicherung sei nur in engem Zusammenhang mit der Tat erfolgreich. "Unsere Aufklärungsquote liegt derzeit bei 73 Prozent. Hinzu kommt, dass auf jede angezeigte Tat im Schnitt fünf Verbrechen kommen, bei denen das Opfer sich nicht an die Polizei wendet", fährt er fort. "Ich kann nur schwer mit dem Gedanken leben, dass vier Fünftel aller Täter weiter unbehelligt frei herumlaufen. Deshalb ist der Schritt der Charité so wichtig."

Gynäkologen, Rechtsmediziner und Pflegekräfte der Charité haben während der intensiven Vorbereitungsphase spezielles Untersuchungsmaterial als so genanntes Kit zusammengestellt, das einheitlich für alle drei Rettungsstellen der Charité bereitgehalten wird. Unmittelbar nach ihrer Ankunft werden die Opfer von Ärztinnen oder Ärzten - untersucht, die nach Möglichkeit dem gleichen Geschlecht angehören. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden in intensiven Schulungen auf die sensible Aufgabe vorbereitet. Sie behandeln Verletzungen, dokumentieren diese, beraten die Patienten in Fragen der HIV-, Hepatitis- und Schwangerschaftsprophylaxe und übergeben danach den vor der Tür wartenden Polizisten sofort das Untersuchungskit mit den versiegelten Proben.

Dieses wird in die Asservatenkammer des LKA gebracht und dient als Grundlage weiterer Ermittlungen. "Unser medizinisches Personal handelt hier nicht als Erfüllungsgehilfe der Polizei", betont Dr. Joachim Seybold, der stellvertretende Ärztliche Direktor der Charité. "Denn die Bewertung der Beweise bleibt Sache der Behörden. Aber wir als Mediziner haben die Pflicht, die seelische und körperliche Gesundheit der Opfer nach Möglichkeit wiederherzustellen. Das gehört zur gesellschaftlichen Verantwortung der Charité in Berlin und deshalb werden wir alles für den Erfolg dieser Kooperation tun."

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