Ärzte Zeitung online, 27.11.2010

Gefälschte Studie: Chefarzt aus Ludwigshafen verliert seinen Job

Eine Strafanzeige, den Verlust des Jobs und Ermittlungen der Ärztekammer - all das hat sich der Chefarzt der Anästhesie am Klinikum Ludwigshafen eingebrockt. Er soll eine Studie veröffentlicht haben, die er wohl nie durchgeführt hat. Die zuständige Fachgesellschaft ist empört.

Gefälschte Studie: Chefarzt aus Ludwigshafen verliert seinen Job

Klinikum Ludwigshafen: Der Chef der Anästhesie stolpert über seine eigene Studie.

© Rudolf Stricker / Wikimedia

LUDWIGSHAFEN (eb). Dezember 2009: Im US-amerikanischen Fachblatt "Anesthesia & Analgesia" erscheint eine Originalarbeit, in der der hochdosierte Einsatz zweier kolloidaler Infusionslösungen als Volumenersatztherapie bei Herzoperationen mit Unterstützung von Herz-Lungen-Maschinen verglichen wird.

Insgesamt 50 Patienten, so schreiben es die Autoren, erhielten entweder 1500 Milliliter 6-prozentige Hydroxyethylstärke (HES) in einer Elektrolytlösung oder 500 Milliliter 5-prozentiges Humanalbumin mit 1000 Milliliter Kochsalzlösung. Ihre Vergleichsergebnisse interpretierten die Autoren mit den Worten: "HES ging mit reduzierten Entzündungsreaktionen, weniger Schäden am Endothel und geringeren Komplikationen bei der Nierenfunktion einher." (Anesthesia & Analgesia 2009; 109: 1752-1762)

Hauptautor der Studie war Professor Joachim Boldt, damals bereits langjähriger Chefarzt der Anästhesie am Klinikum Ludwigshafen. Den Job hat er jetzt verloren und eine Reihe von Ermittlungen am Hals, denn: Die publizierte Studie hat er womöglich niemals durchgeführt, sie könnte eine schlichte Fälschung sein.

Aufgeflogen ist der mutmaßliche Schwindel durch wachsame Leser des Journals. Schon kurz nach der Publikation hätten sich einige an das Herausgeber-Board gewandt und Zweifel geäußert, schreibt der Chef des Gremiums, Professor Steven L. Shafer, in einem aktuellen Editorial zur Rücknahme des Beitrags.

Die kritischen Leser hatten die von Boldt und seinen Mitautoren geschilderten Zytokin-Messwerte als viel zu niedrig empfunden. Auch die geschilderten Blutgaswerte seien "unglaublich niedrig". Als die Herausgeber dies nachprüften, wurden auch sie skeptisch.

Shafer wandte sich schließlich im Mai an die Landesärztekammer in Rheinland-Pfalz, bei der in dem Bundesland die Ethikkommission angesiedelt ist. Dort hat man intensiv nachgeforscht, wie es von Kammerseite heißt. Gefunden hat man über die Boldt-Studie aber nichts, sie war schlicht nicht genehmigt - ein eklatanter Verstoß gegen die Berufsordnung.

Bei der Kammer verweist man auf den Paragrafen 15 der Berufsordnung für Ärzte. Dort heißt es, dass Ärzte sich vor ihrem Forschungsvorhaben von der Ethikkommission beraten lassen müssen. In dem Fall von Boldts Studie hätte das Gremium sogar einen Genehmigungsvorbehalt gehabt, da es sich um eine Arzneimittelstudie gehandelt hat.

Doch all das ist nicht geschehen und so wurde Boldt im September zu einer Anhörung vor die Landesärztekammer geladen. Das Resultat: von den Patienten, deren Therapie er in der Studie verglichen haben will, lagen keine Einverständniserklärungen vor. Auch war die Studie, anders als die Autoren es im Abstract geschrieben haben, nicht randomisiert. Auch ein Follow-up der Patienten wurde nicht durchgeführt.

Ende Oktober packte die Kammer ihre Erkenntnisse in einen Umschlag und schickte sie an die Herausgeber von "Anesthesia & Analgesia". Der "Fall Boldt" nahm seinen Lauf: Die Herausgeber des Blatts zogen die Studie zurück. Sein Arbeitgeber, das Klinikum Ludwigshafen, nahm die Vorwürfe auf und begann, sich "intensiv mit den aufgeworfenen Fragen zu befassen", wie es einer Stellungnahme des Klinikums hieß.

Am Freitag gab die Klinik schließlich bekannt, "dass Herr Professor Dr. Boldt ab sofort nicht mehr im Klinikum tätig ist". Diesen Schritt gehe man im beiderseitigen Einvernehmen. Boldt stimme der Absetzung ausdrücklich zu, "um weiteren Schaden vom Klinikum Ludwigshafen abzuwenden und das Klinikum aus der weiteren Diskussion um seine Forschungsarbeit nach Möglichkeit herauszuhalten".

Die zuständige Fachgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), zeigte sich empört. In einer Mitteilung verurteilte sie das Fehlverhalten und bedauerte, "dass eines ihrer Mitglieder gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen hat".

Doch ausgestanden ist der Fall für den Anästhesisten und langjährigen Chefarzt noch nicht. Bei der Landesärztekammer ist er "Vorstandsthema". Dort soll nun entschieden werden, ob ein berufsgerichtliches Verfahren gegen ihn eingeleitet wird. Das geringste Übel wäre eine Rüge der Kammer, im schlimmsten Fall droht ihm eine Geldstrafe von bis zu 100.000 Euro.

Auch die zuständige Aufsichtsbehörde hat sich eingeschaltet. Das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung hat Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Frankenthal gestellt. Boldt könnte ein Verfahren wegen des Verdachts auf einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz drohen.

Sollten die Ermittler feststellen, dass Patienten zu Schaden gekommen sind, droht sogar ein Verfahren wegen möglicher Körperverletzung. Die Behörde könnte außerdem Boldts Approbation widerrufen.

Lesen Sie dazu auch die weitere Entwicklung:
Gefälschte Studie: Ermittler prüfen Urkundenfälschung
Affäre um gefälschte Studie: "Nur die Spitze des Eisbergs"

[29.11.2010, 08:57:46]
Dr. Ludwig Rogg 
Unglaublich!!!
kaum zu glauben. Zu welchen Taten kann ein "Wissenschaftler", ein Anästhesist,ein Mensch nur fähig sein??? zum Beitrag »

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