Ärzte Zeitung online, 28.03.2011

Vier Jahre Haft für Chefarzt nach Zitronensaft-Skandal

Die Vorgänge am Klinikum in Wegberg bei Mönchengladbach hatten bundesweit für Entsetzen gesorgt. Patienten wurden gesunde Organe entnommen, Operationswunden mit Zitronensaft traktiert. Nun wurde der Hauptverursacher zu vier Jahren Haft verurteilt. Es ist der einstige Besitzer und Chefarzt der Klinik.

Von Frank Christiansen

Vier Jahre Haft für Chefarzt nach Zitronensaft-Skandal

Sankt Antonius Klinik in Wegberg: Unter anderem die Behandlung mit Zitronensaft brachten dem ehemaligen Chefarzt vier Jahre Haft ein.

© dpa

MÖNCHENGLADBACH. Nach einem der größten Klinikskandale in Deutschland ist der ehemalige Chefarzt und Klinikbesitzer Dr. Arnold P. am Montag zu vier Jahren Haft verurteilt worden.

Das Landgericht Mönchengladbach sprach den 54-Jährigen unter anderem wegen des Einsatzes von Zitronensaft als Desinfektionsmittel an Wunden von frisch operierten Patienten schuldig.

P. wurde wegen zweifacher Körperverletzung mit Todesfolge, zwei fahrlässigen Tötungen und insgesamt 21 Fällen von Körperverletzung verurteilt.

Außerdem darf er nach seiner Haftentlassung seinen Beruf vier Jahre lang nicht ausüben. Der Arzt hatte nach eineinhalb Jahren Prozessdauer ein Geständnis abgelegt.

P. "habe Organe entfernt, die nicht hätten entfernt werden müssen", sagte der Vorsitzende Richter Lothar Beckers. Blinddärme, eine Gallenblase und eine Niere seien ohne Notwendigkeit und ohne Einwilligung der Patienten entfernt worden.

Der Arzt habe die Behandlung einer Patientin trotz Heilungschancen auf eigene Faust abgebrochen - die Frau sei deswegen gestorben. Eine andere Patientin habe er ohne Not einer Chemotherapie unterzogen.

Vier Patienten hätten die Fehlbehandlungen nicht überlebt. P. habe "im Blindflug agiert". Die Fehler hätten ein "erstaunliches Ausmaß" und seien "in recht kurzer Zeit erfolgt". "Die Schuld wiegt dadurch schwer", sagte Beckers.

Der Mediziner sei mit seinem Versuch gescheitert, die kleine Sankt Antonius Klinik in Wegberg zu sanieren. Er habe das vor der Insolvenz stehende Krankenhaus 2006 für 25.000 Euro gekauft.

Vorzuwerfen sei ihm, dass er sein Scheitern nicht erkannt und seine Fähigkeiten überschätzt habe. Richter Beckers ging auch auf die Ängste der Opfer und Hinterbliebenen ein, der Verurteilte könnte bald wieder Menschen behandeln. Die Chancen, wieder eine Approbation zu erhalten, "liegen im Promillebereich", sagte der Richter.

Das Gericht hob den Fall eines Mannes hervor, der sich den Daumen abgesägt hatte. Anstatt ihn zwingend an einen Handchirurgen zu überweisen, hatte P. ohne mikrochirurgische Ausrüstung und Kenntnisse einfach die Daumenhaut äußerlich angenäht.

Ein Gutachter hatte diese Methode als "Warten auf ein Wunder" beschrieben. Der Daumen war kurze Zeit später abgestorben und hatte amputiert werden müssen. "Weshalb er gelaubt hat, den Finger so wieder annähen zu können, ist nicht begreiflich", sagte Beckers.

Verteidiger Egon Geis zeigte sich mit dem Urteil "zufrieden". Ohne Geständnis wäre die Strafe wohl deutlich höher ausgefallen. "Wir werden keine Revision einlegen." 16 Monate der Haftstrafe gelten bereits als verbüßt - für den Rest könne sein Mandant auf einen Platz im offenen Vollzug hoffen.

P. hatte gestanden, nachdem das Gericht ihm eine Strafe zwischen dreieinhalb und viereinhalb Jahren Haft in Aussicht gestellt hatte. Das Gericht hielt dem Mann zugute, dass er sich in einer andauernden Überforderungssituation befunden habe. Zudem habe er als Arzt helfen und seine Patienten nicht verletzen wollen.

In seinem erst vor wenigen Tagen abgelegten Geständnis hatte der Arzt Arbeitsüberlastung als Ursache angegeben. Profitstreben sei nicht sein Motiv gewesen. Dies hatte der Staatsanwalt in Zweifel gezogen: Der Angeklagte habe die Arbeit an sich gezogen, obwohl er sie hätte delegieren müssen.

Eine anonyme Anzeige eines Mitarbeiters hatte die Missstände ans Licht gebracht. In der Anklageschrift waren die Ankläger sogar von sieben Tötungen und 60 Körperverletzungen ausgegangen.

Der Mediziner war Klinik-Besitzer, Chefarzt, ärztlicher Direktor und Operateur in einer Person. Am 1. Januar 2006 hatte P. das kleine Sankt Antonius Krankenhaus von der Kommune Wegberg gekauft. Inzwischen hat er es wieder verkauft. (dpa)

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