Ärzte Zeitung online, 08.04.2011

Hesse bunkerte millionenfach Anabolika

Ein Kaufmann aus der beschaulichen Wetterau in Hessen soll jahrelang mit Anabolika gehandelt haben. Spitzensportler will er aber nicht als Kunden gehabt haben. Weil er bereitwillig ausgepackt hat, kommt der 57-Jährige wahrscheinlich mit einem milden Urteil davon.

Von Carolin Eckenfels

Hesse bunkerte millionenfach Anabolika

Prozess in Gießen: Jahrelang soll der Angeklagte (links) illegal Anabolika gehandelt haben.

© Rolf K. Wegst / dpa

GIEßEN. Fahnder machten in der hessischen Provinz Ende September 2010 einen Rekordfund: In Lagerhallen im beschaulichen Nidda in der Wetterau entdeckten sie mehrere Millionen Dosen Dopingmittel - nach Angaben der Staatsanwaltschaft der weltweit größte Einzelfund von Anabolika.

Vor dem Landgericht Gießen muss sich seit Freitag der Mann verantworten, der mit den Präparaten jahrelang und im großen Stil gehandelt haben soll. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 57 Jahre alten Kaufmann insgesamt 45 Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz vor. Das Urteil soll am kommenden Dienstag gesprochen.

Der Wetterauer soll zwischen 2002 und 2005 sowie zwischen April 2006 und September 2010 die meist verschreibungspflichtigen Arzneien importiert und vertrieben haben, obwohl er dafür keine Genehmigung besaß. Und er soll sie als Dopingmittel verkauft haben.

Deshalb lauten die Anklagepunkte auf illegalen Handel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln sowie Handel mit Arzneimitteln zu Dopingzwecken.

Die Anklage wirft dem 57-Jährigen zudem Steuerbetrug vor, weil er Einnahmen aus seinen Geschäften - zwischen 10.000 und 15.000 Euro pro Monat - nicht an den Fiskus abführte. Der Angeklagte legte ein umfassendes Geständnis ab.

Die Ermittler hatten bei der Razzia im September insgesamt rund fünf Millionen Einheiten Dopingmittel, überwiegend anabole Steroide, in Nidda sichergestellt. Sie fanden Tabletten, Flaschen und Ampullen. Schätzwert: rund zehn Millionen Euro.

Der Angeklagte betonte, dass zu seinen Kunden "absolut keine Spitzensportler" gehörten. Er habe nur vier oder fünf Abnehmer aus dem Bereich des Kraftsports bedient - "Leute, die Sportstudios hatten".

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft sagte, Medienberichte, wonach Top-Athleten angeblich Stoff aus der Wetterau bezogen haben sollen, seien Spekulation. Das könne zwar nicht ausgeschlossen werden, derzeit gebe es aber keine Erkenntnisse über Einzelabnehmer.

Der Wetterauer hatte nach eigenen Angaben in den 1980er Jahren eine Firma gegründet - es ging zunächst um den Import von Ölgemälden. Später sei auch mit Arzneimitteln gehandelt worden, auch, nachdem ihm nach einer Gesetzesänderung eine Genehmigung fehlte. Im Lauf der Jahre habe er dann Kontakt zur Dopingszene bekommen.

Der Staatsanwaltschaft zufolge war das Unternehmen des 57-Jährigen eine Marke, die schon bald "in der einschlägigen Bodybuilderszene bekannt wurde". Er machte auch dann noch weiter, als gegen ihn vor einigen Jahren schon einmal ermittelt wurde.

Der Angeklagte bezog seine Ware unter anderem aus Indien oder China. Er soll auch mit einem Mann aus Österreich eng zusammen gearbeitet haben. Auf die Schliche war ihm der Zoll gekommen. Ein verdächtiges Paket mit seinen Fingerabdrücken brachte den Fall ins Rollen.

Den Angeklagten erwartet nach einer Verständigung zwischen den Prozessbeteiligten wahrscheinlich eine Freiheitsstrafe von höchstens vier Jahren und eine Geldstrafe. Das voraussichtlich "relativ milde" Urteil sei der Kooperationsbereitschaft des Kaufmannes geschuldet, sagte der Anklagevertreter. Er beantragte entsprechend vier Jahre Haft.

Der 57-Jährige habe bereits kurz nach seiner Festnahme im Oktober umfassend ausgesagt, das Verfahren so beschleunigt - und auch Ermittlungen gegen andere Akteure im Dopinggeschäft möglich gemacht. Am nächsten Prozesstag am Dienstag wird das Urteil erwartet.

Eingestellt wurde am Freitag das Verfahren gegen die Ehefrau des Angeklagten, die von den Machenschaften gewusst haben soll, was diese vehement bestritt. (dpa)

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